Samstag, 27. Februar 2021
Sonntag, 24. Januar 2021

Einfach woanders hinbauen?

Von Reinhard Wehner angedachter Alternativstandort für den Pavillon. Die Garagen müßten weichen.Foto: Thomas Keil

von unserem Volontär Thomas Keil

Torgau. Nach dem Sachstandsbericht mußte Andreas Hempel noch einige Unklarheiten zum Baustil, möglicher Alternativstandorte und zu den Bahnsteigen ausräumen.

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Knapp zwei Stunden dauerte die Stadtratssitung am 13. Januar. Zu 78 Prozent war nur der Bahnhof Gesprächsthema, inklusive Vergaben. Zuerst die Wehnersche Petition, dann der Sachstandsbericht und vor den Vergaben löcherten die Räte und Reinhard Wehner den städtischen Projektleiter Andreas Hempel mit ihren brennendsten Fragen. 

Brutalismus?
Den Anfang des Fragen-Komplexes macht Reinhard Wehner. „Warum in Modulbauweise?“, fragt er. Diese Bauart passe nicht zur Renaissance-Stadt. „Die Modulbauweise ist bloß eine Technologie“, antwortet Andreas Hempel. Sie sage nichts über das Aussehen aus. Man habe sie gewählt, um den Bau schneller abschließen zu können.

Neue Fördertöpfe
„Wäre es aus heutiger Sicht möglich gewesen, das Strukturförderungsgesetz zur Finanzierung anzuzapfen?“, fragt der Melpitzer nach weiteren Finanzierungsvarianten für die erhoffte Sanierung des alten Gebäudes. „Für Ihre geplante Nutzung sind nur 30 Prozent förderfähig, sodass bei einer 3,7 Millionen Euro teuren Sanierung ein Eigenanteil von 2,6 Millionen Euro aufgewendet werden muss. Der neue Pavillon kostet die Stadt dagegen nur rund 405 000 Euro“, verweist Andreas Hempel auf das Einsparpotential und höhere Förderquoten durch den Neubau. Bei allen Kostenbetrachtungen verliert Andreas Hempel aber das grundlegendste Problem der Sanierung nicht aus den Augen: „Der ursprüngliche Grundriss ist nur noch schwer nachvollziehbar.“ Der jetzige stamme wohl aus dem Jahr 1884 oder 1887. Auch für diese Flächen wäre eine Freistellung von der Eisenbahnnutzung im Eisenbahnbundesamt zu beantragen, so wie das mit der Neubaufläche erfolgte.

Hinsichtlich des Strukturförderungsgesetzes hilft Romina Barth mit den nötigen Details aus. „Ein solcher Antrag muss über das Landratsamt gestellt werden. Dort untersucht man, welche der angedachten Maßnahmen überhaupt förderfähig sind. Die Förderwürdigkeit wird dann vom Regionalentwicklungsministerium des Landes Sachsen beurteilt“, erläutert die Oberbürgermeisterin den Verfahrensablauf. Ein eventueller Fördergenuss stünde in den Sternen. Hingegen biete der ZVNL die sicherere Förderung. „Der vorzeitige Maßnahmebeginn wurde uns bereits genehmigt“, verdeutlicht Romina Barth. Das Gesetz wurde erst im zweiten Halbjahr 2020 erlassen.

Muss das Torgau machen?
Reinhard Wehner will am liebsten die Deutsche Bahn die Sanierung ausführen lassen. „Wie kann der Bahnhof an die Bahn zurück übertragen werden?“ möchte er deshalb wissen. „Das kann ich mir schlecht vorstellen“, schätzt der städtische Projektleiter ein. Das Gebäude habe die Stadt von einer Investorengruppe übernommen und sei mittlerweile der vierte Eigentümer. 

Neue Probleme bei neuem Standort
Zum Ende seiner Fragen schlägt der Melpitzer vor,  das neue Gebäude an das neue behindertengerechte Gleis 1 zu bauen. „Der S-Bahnhof sollte gleich in Verbindung mit dem Busbahnhof stehen“, empfiehlt er. Eine solche Variante verneint Andreas Hempel. Der neue Bahnsteig 1 beginnt etwa auf Höhe des Gebäudes der Bahnsteigaufsicht und geht dann Richtung Osten mit einer Länge von 170 Metern, wie in einer Zeichnung der Deutschen Bahn zu erkennen ist.  „Östlich des alten Gebäudes kommt man in Konflikt mit der Bushaltestelle und dem Parkplatz. Das müßte dort alles neu gestaltet werden, Fördermittel wären zurückzuzahlen“, warnt Andreas Hempel. Des weiteren sei der Bereich noch für den Betrieb der Deutschen Bahn gewidmet. Hier müßten wieder Freistellungsverfahren ausgelöst werden. Und die Achse von der Stadt zum Bahnhof sei so auch nicht mehr gegeben. Zu guter Letzt sei unbekannt, wann der Bahnsteig 2 neu gebaut wird. „Es hieß mal 2027, jetzt sind wir bei 2030“, sagt Andreas Hempel. Die meisten Fahrgäste führen dort ab. Damit würde die Verlegung des S-Bahnhofes für diese Fahrgäste einen längeren Weg bedeuten.

Nicht Torgaus Bier!
Bahnsteig – das ist Peter Nowacks Stichwort. „Der Bahnsteig 1 wird verlegt und der Bahnsteig 2 bleibt wo er ist. Bedeutet das, dass der Bahnsteig 2 dann über die nächsten sechs, sieben Jahre nicht behindertengerecht angepasst wird?“, will der FDP-Stadtrat wissen. „Ja“, lautete Andreas Hempels Antwort kurz und trocken. Eigentlich sollte der neue Bahnsteig 1 insgesamt behindertengerecht sein. „Das bedeutet, er kann erst hinter dem Übergang zum Bahnsteig 2 und 3 beginnen, also 10 Meter hinter dem Stellwerk“, folgert Ulf Podbielski, Linke Stadtrat, und fürchtet den Entfall des Übergangs. „Nein, er beginnt beim Stellwerk“, stellt Andreas Hempel klar. „Herr Podbielski, Sie mögen Recht haben, aber das ist die Planung der Deutschen Bahn. Die haben wir nicht anzuzweifeln“, springt Romina Barth Andreas Hempel bei. „Wo kommt der behindertengerechte Übergang hin? Der Bahnsteig muß ja an sich barrierefrei sein“, hakt Ulf Podbielski nach. Nach dem Umbau des Bahnsteigs 2 werde dies gegeben sein, beschwichtigt Romina Barth. „Gibt es schon Reservierungsflächen für die mögliche Über- beziehungsweise Unterführung zum Bahnsteig 2 und 3?“, blickt Ulf Podbielski fragend voraus. „Die Grobplanung dafür ist im Gang, aber noch nicht so weit, um im Stadtrat vorgestellt werden zu können“, antwortet Romina Barth.


Kommentar von TZ-Volontär Thomas Keil:

?Herzlich willkommen in der Provinz! Das war mein erster Gedanke zu Torgau, als ich im Jahr 2017 am Bahnsteig 3 aus dem Zug sprang. Ein wenig Staub wirbelte bei der Landung um meine Füße auf, schließlich war der Bahnsteig damals noch mit Schotter bedeckt. Der Gedanke, in der tiefsten Provinz gelandet zu ein, verfestigte sich beim Verlassen des Bahnhofsgeländes – keine Über- oder Unterführung in Richtung Stadt. Statt dessen ein freundlicher Bahnmitarbeiter an der Öffnung im Absperrgitter, der den Weg direkt über die Gleise wies. Das Bahnhofsgebäude selber nahm ich kaum noch wahr. Mein erster Eindruck der Stadt ist auf dem Bahnsteig geprägt worden.

Nach den aktuellen Informationen zur zukünftigen Bahnsteigsanierung wird das so schnell nicht besser. Gut, an Gleis 1 wird es einen modernen, stufenlosen Ein- und Ausstieg in die S-Bahn geben. Aber der hindernisfreie Zugang zu Bahnsteig 2 wird offensichtlich vorerst wegrationalisiert. Dazu noch der gemütliche Zeitplan für die Sanierung des Bahnsteigs 2 und die bisher immer noch in Planung befindliche dauerhafte Querungsmöglichkeit der Gleisanlage, ohne dass einem die Bahnsteigaufsicht sagt, wann man rüber darf. Da könnten Gerhard Schumann, Reinhard Weher und die Stadt das alte Bahnhofsgebäude noch so aufwändig sanieren und/oder den Pavillon im Renaissance-Design gestalten, von mir aus auch gerne vergolden und Glitzer draufstreuen – dem Bahnreisenden wird sich Torgau  in Form der Bahnsteige auch noch ein paar Jahre lang zuerst als tiefste nordsächsische Provinz präsentieren.


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