Donnerstag, 5. August 2021
Freitag, 5. Februar 2021

"Wir verlieren immer mehr Zeit und Geld"

Bürgermeister Stefan Schieritz. Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Elsnig. Im großen Bürgermeister-Interview spricht Stefan Schieritz über Corona, die Elblandbahn, über dringend notwendige Investitionen und darüber, wie er das anspruchsvolle Ehrenamt, seinen Beruf und das Familienleben unter einen Hut bekommt. 

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Elsnig. Im großen Bürgermeister-Interview spricht Stefan Schieritz über Corona, die Elblandbahn, über dringend notwendige Investitionen und darüber, wie er das anspruchsvolle Ehrenamt, seinen Beruf und das Familienleben unter einen Hut bekommt. 

Herr Schieritz, Sie saßen ja schon vertretungsweise einige Zeit auf dem Chef-Stuhl. Hat sich nach der Wahl im September 2020 viel verändert?

Eigentlich nicht. Die Arbeit ist höchstens intensiver geworden ,und wir sind durch Corona gehandicapt. Der Freistaat bestimmt Regelungen, wir müssen sie umsetzen und manchmal auch Frust aushalten. Aber mittlerweile haben wir gemeinsam mit den Eltern gute Wege gefunden, was Kita und Hort betrifft. Das Verständnis ist da und wir sind dankbar darüber.

Wie viele Eltern nehmen die Notbetreuung in Anspruch?

Es sind zwei Kinder in der Krippe gemeldet, fünf im Kindergarten und fünf im Hort. Allerdings kann dies jeden Tag schwanken.

Wie ist die Kita in normalen Zeiten ausgelastet?

Sehr gut. Es gibt Betreuungsverträge für 32 Kinder im Hort, 33 Kinder im Kindergarten und 14 Kinder in der Krippe. Man spürt, dass die Zahlen in den letzten Jahren wieder gestiegen sind. Froh sind wir darüber, dass jetzt eine einheitliche Regelung in der Verwaltungsgemeinschaft getroffen wurde, dass Elternbeiträge in der Corona-Zeit zurück erstattet werden. Dazu gibt es in den nächsten Tagen einen Brief an die Eltern.

Sie sprachen von Handicaps. Wo hakt es gerade durch die Pandemie?

Zum Beispiel sind wir sehr spät dran mit dem Haushalt 2021/22. Es darf nur in dringenden Fällen Zusammenkünfte des Gemeinderates geben. Glücklicherweise wurde der Ausbau des Knotens B 182/Drebligar jetzt endlich an die Firma EZEL vergeben. Aber wir müssen unbedingt weiter in Kita, Hort, Feuerwehr und Dorf- und Gemeinschaftsstandorte investieren. Außerdem sind wir dabei, neue Flächen für Wohnansiedlung zu entwickeln. Der Eigenheimstandort Waldsiedlung ist fast voll. Wir spüren eine verstärkte Nachfrage von jungen Familien. Auch von solchen, die aus den alten Bundesländern zurück in die Heimat möchten. Darauf sind wir stolz.

In welchen Ortsteilen wäre denn genug Platz für eine solche Bebauung?

In unserer Gemeinde ist es leider extrem schwierig, geeignete Flächen zu finden. Döbern und Mockritz sind in ein Trinkwasserschutzgebiet eingebettet. Das Wasserwerk versorgt ja den ganzen Raum Halle, Leipzig und den Ostharz. Dann gibt es entlang von Elbe und Weinske Hochwasserschutzgebiete und als neueste Einschränkung die Elblandbahn, die den Bauboom bremst.

Das müssen Sie näher erklären?

Der Vorsitzende des Vereins hat Industrieverkehr angekündigt und festschreiben lassen. Das bedeutet, dass die Strecke etwa wie die Magistrale Leipzig-Berlin zu behandeln ist und sorgt im ganzen Territorium für Unmut. Wir müssen bei einer Neubebauung 80-Meter-Abstandsflächen einhalten oder sollen Lärmschutzwände errichten. Der Eigenheimstandort in Dommitzsch am Penny Markt ist genau deshalb gestorben. Leider hat der Vereinschef nie mit den Kommunen über seine Pläne und deren Auswirkungen gesprochen. Er kam damals nur, um finanzielle Hilfe zu erbitten.

Diesbezüglich darf sich der Verein Elblandbahn jetzt keine Hoffnungen mehr machen?

Bitte nicht falsch verstehen. Ich bin sehr für Nostalgie, für die Erhaltung historischer Dinge und für die Rettung des Dommitzscher Bahnhofes. Auch eine Erlebnisbahn mit zwei bis drei touristischen Fahrten im Jahr wäre akzeptabel. Aber man sollte aufhören, von Industrieverkehr zu reden. Das schadet der Region ungemein. Wir müssten die vielen Bahnübergänge ausbauen und beschildern, womöglich die Bahnbrücke in Neiden sanieren und barrierefreie Zugänge zu den Gleisen schaffen. Beleuchtung, Winterdienst: Das alles ist unser finanzieller Ruin als Gemeinde. 80-Meter-Abstandsflächen – das ist totes Land. Ich glaube auch nicht, dass ein einziger Zug von Elsnig nach Torgau fährt. Stattdessen hat man einen Kahlschlag an der Strecke vorgenommen, unzählige Bäume und Sträucher entfernt.

Warum sind Sie da so pessimistisch?

Weil es hier weit und breit keine Industrie wie in den Ballungsräumen gibt. Die Gemeinde ist eher Wohngebiet und ländlich geprägt. Ich sehe unsere Region eher als Wohnort für Menschen, die in Ballungsgebieten arbeiten. Die Metropolregion Leipzig wächst rasant, darüber bin ich sehr froh. Jetzt sollten wir Flächen für Wohnbau schaffen. Das ist unsere Chance. Selbst beim Personenverkehr sehe ich die Zukunft mehr beim Bus als Beförderungsmittel. Unsere Haltestellen werden ortsnah und barrierefrei ausgebaut. Hier sollte mal eine klare Ansage der übergeordneten Behörden und des Landkreises kommen. Wir verlieren immer mehr Zeit und Geld. Wir müssen endlich mehr für unsere Familien, Kultur und Vereine machen.

Stichwort Industrie: Wie sieht es auf den Gewerbestandorten der Gemeinde aus?

Vom Standort Am Österreicher fließt leider kaum ein Euro Gewerbesteuer. Wir sind froh, einige florierende Handwerksbetriebe sowie Dienstleister in den Dörfern zu haben und natürlich die Landwirtschaft. Dennoch sind die Einnahmen durch die Gewerbesteuer sehr überschaubar. Als kleine Kommune würden wir mehr Unterstützung des Freistaates benötigen. Aber so etwas ist oft mit riesiger Bürokratie bei der Beantragung verbunden.

Sie haben vorhin das Thema Vereine angesprochen. In welcher Form können Sie Unterstützung leisten?

Wir hatten mal vier Gaststätten in Döbern, Mockritz, Elsnig und Neiden. Die sind alle nicht mehr vorhanden. Unsere zwei großen Anglervereine, der Faschingsverein– die haben alle keine Räumlichkeiten mehr für Versammlungen und für Feiern. Wir müssen uns Gedanken machen.

Selbst der Elberadweg konnte nicht helfen, das Überleben der Gaststätten zu sichern?

Ich freue mich sehr über den Elberadweg. Er wird auch von der Bevölkerung gut genutzt. Aber uns fehlen die touristischen Höhepunkte, um die Radfahrer in die Orte zu locken. Einige Pensionen und Imbisse profitieren sicher. Für die Kommune steht mehr die undankbare Aufgabe im Vordergrund, die sieben Kilometer lange Strecke in Ordnung zu halten. Wir brauchen zudem mehr Radwege an den Straßen, um einheimische Berufspendler zu unterstützen.

Wann kann der Knoten an der B 182/Drebligar endlich übergeben werden?

Ich denke, dass es im Frühjahr dann zügig weiter geht. Wir wollten die Stadt Dommitzsch mit diesem Gemeinschaftsprojekt bei der Arbeitsplatz-Sicherung auf dem dortigen Gewerbegebiet unterstützen. Umso mehr bin ich jetzt enttäuscht, dass von der Errichtung eines Solarparkes die Rede ist. Das bringt keine Arbeitsplätze, keine Daseinsvorsorge, keine Gewerbesteuern. Es werden höchstens Flächen für die nächsten 30 Jahre versiegelt. Solaranlagen gehören auf die Dächer von Produktionsanlagen, nicht auf den Erdboden von Gewerbegebieten.

Was können Sie tun, um produzierendes Gewerbe in die Gemeinde Elsnig zu locken?

Unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Die großen Investoren werden nicht kommen. Wir können nur alles versuchen, dass kleinere Betriebe und Handwerksfirmen sich vergrößern oder den Platz auf bestehenden Grundstücken und Höfen nutzen.

Sie sind selbst Handwerker und bestreiten das Bürgermeisteramt als Inhaber eines Malerbetriebes nur ehrenamtlich. Privat haben Sie Haus, Hof und Familie mit zwei kleinen Kindern. Wie schaffen Sie das alles?

Eine gute Planung ist das A und O und so lange alles Spaß macht, sehe ich es nicht als Belastung. Vormittags sitze ich im Gemeindeamt, nachmittags steige ich in den Maler-Overall. Ich habe zudem noch zwei Mitarbeiter. Ich würde sagen, es funktioniert sehr gut und auch das Privatleben leidet nicht. Mir macht diese ehrenamtliche Arbeit sehr viel Freude.

Ehrenamtlich arbeiten auch die Einsatzkräfte der Feuerwehren. Wie ist hier der Stand?

Ich habe in dem einen Jahr versucht, sehr enge Verbindungen zu schaffen, untereinander zu den Ortswehren und auch zur Gemeinde. Die Wehren sind nicht nur Löscheinheiten, sondern für viele auch gesellschaftlicher Rückzugsort und damit unverzichtbar für das dörfliche Leben. Wir erstellen gerade eine Gefahrenanalyse und wollen darauf aufbauend einen Brandschutzbedarfsplan als Grundlage für weitere Investitionen erstellen. Mit der Munitionsentsorgungsfirma in Vogelgesang, der Bundesstraße, den Wäldern und Feldern sowie der Elbe gibt es vielfältige potenzielle Einsatzstellen. Elsnig und Neiden sind die großen Wehren, Drebligar, Mockritz und Döbern die kleineren. Gemeinsame Dienste, gemeinsame Schulungen und gemeinsame Ausbildung halte ich für wichtig. Wir würden auch gerne wieder eine Jugendgruppe aufbauen und loten gerade aus, was möglich ist.

Letztes Thema: Elsnig hatte vor einiger Zeit versucht, genau wie Arzberg einen Bürgerbus ins Leben zu rufen!

Weil wir gehofft hatten, genau wie Arzberg eine große Förderung vom Landkreis in Anspruch nehmen zu können. Das Projekt ist toll und es gäbe auch hier genug Bedarf. Bis Polbitz oder bis zur Waldsiedlung fährt kaum ein öffentlicher Bus. Wir hatten sogar überlegt, mit der Gemeinde Trossin oder mit Dommitzsch zusammenzuarbeiten. Es gab auch schon Freiwillige für ein Bürgerbus-Team. Aber schon die Anschaffung eines Fahrzeuges ist aus eigener finanzieller Kraft nicht realisierbar. Ohne die nötige Förderung geht es nicht. Ich hätte vom Landkreis dort mehr entgegenkommen erwartet, da dieses Projekt immer angepriesen wurde.

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