Montag, 8. März 2021
Mittwoch, 10. Februar 2021

"Schuldzuweisungen bringen niemandem etwas"

Ein Archivbild vom Gülle-Ausbringen im Frühjahr. Foto: Nico Wendt / Archiv

von unserem Redakteur Nico Wendt

Torgau. Aufmerksam und mit großem Interesse verfolgt man derzeit bei der Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz GmbH in Torgau den Streit um Düngeregeln und Nitratgebiete. Jetzt gibt es klare Aussagen. 

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Aufmerksam und mit großem Interesse verfolgt man derzeit bei der Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz GmbH in Torgau den Streit um Düngeregeln und Nitratgebiete. Wie mehrfach berichtet, wollen mehr als 150 sächsische Landwirtschaftsbetriebe – darunter auch Bauern aus Nordsachsen – vor Gericht ziehen. Mit der neuen Düngeverordnung und der Festsetzung sogenannter „roter Gebiete“ sehen sie sich für Taten bestraft, die man nicht begangen habe und die Jahrzehnte zurückliegen, heißt es. 

Intensive Befüllung 

Roland Einsiedel, Vorsitzender der Sächsischen Interessengemeinschaft ökologischer Landbau, pflichtet bei: „Zu DDR-Zeiten waren große Tierkonzentrationen bei Rindern sowie Schweinen und die intensive Befüllung der anliegenden Flächen üblich, so dass die heutigen Landnutzer dafür nicht verantwortlich sind, aber die Stickstoffdüngung verringern müssen, was zu Ertragseinbußen besonders in der Qualität der Ernteprodukte und zu Erlöseinbußen führen kann. 

Komplexes Thema 

Anne Reyer, Leiterin für Öffentlichkeitsarbeit bei Fernwasser: „Es eskaliert gerade und damit ist uns als Wasserversorger nicht geholfen. Die Landwirte auf der einen Seite, die Politik auf der anderen.“ Nitratbelastung im Boden sei aber ein sehr komplexes und hochkompliziertes Thema. Ob die neue Gesetzgebung und die pauschalen Vorgaben wirklich zielführend sind, wolle sie nicht bewerten. Sie könne jedoch den Unmut der Bauern verstehen, sagt die Sprecherin. Denn teilweise handele es sich tatsächlich um „Altschulden“. 

Die Nitrat- Anreicherungen im Grundwasser gehen teils auf Nitrateinträge in den Boden zurück, die schon vor Jahrzehnten entstanden. Wie sooft im Leben müssten jetzt Kompromisse her. Anne Reyer: „Als Wasserversorger halten wir eine Begrenzung des Eintrags von Nitrat in den Boden  für dringend notwendig. Trinkwasser ist die wichtigste Lebensgrundlage – sauberes Trinkwasser ein immer knapper werdendes Gut. Der Schutz muss Vorrang haben. Dafür müssen auch andere Anliegen zurückstecken. Und dass es die Nitratbelastung im Grundwasser gibt, ist unstrittig“, so die Leiterin. 

Der Grundwasserkörper in der Elbaue sei hinsichtlich der strengen EU-Vorgaben ebenfalls durch den Eintrag von Stoffen, auch von Nitrat, gefährdet. Seit Mitte der 90er Jahre habe das Unternehmen ein eigenes Messstellen-Netz errichtet. Und ja: An einigen Messstellen sei der Nitratwert überschritten, zum Teil um mehr als das Doppelte. Dies betreffe aber unterschiedliche Tiefen. „Da, wo es überschritten ist, handelt es sich zumeist um obere Bereiche“, erklärt die Mitarbeiterin. 

Man könne nun aber nicht einfach hergehen und sagen: Du, lieber Bauer, bist Schuld. Denn es spielen viele Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel: Wie ist die Beschaffenheit des Bodens, wie viele Niederschläge gab es, existiert eine Lehmschicht, die das Wasser beziehungsweise Stoffe ableitete usw. Die konkrete Herkunft sei im Einzelnen schwer nachzuvollziehen. Allgemein gilt aber schon die Landwirtschaft als Verursacher. Die Nitrat-Belastung entsteht durch das Ausbringen organischer Stoffe, also durch Gülle. 

Derzeit keine Probleme 

Aktuell habe das Unternehmen keine Probleme. Im Trinkwasser werde lediglich ein Nitratgehalt von 2 Milligramm je Liter gemessen, der Grenzwert liege bei 50 Milligramm. „Das hängt auch damit zusammen, dass wir das Rohwasser aus extremen Tiefen gewinnen“, stellt Anne Reyer fest. Aber die Sorge wächst. „Wenn wir jetzt nicht handeln, beschert uns das in jedem Fall Probleme, wenn auch vielleicht erst übermorgen.“ Die Fließzeiten seien extrem lang. In der Elbaue könne es 50 Jahre dauern, bis Fließwasser bis ins Grundwasser durchdringt. Wer also könne eine Garantie dafür geben, dass die „tickende Zeitbombe“ nicht schon unterwegs ist, also die Nitratbelastung irgendwann auch in tieferen Schichten ankommt? 

Der Boden habe eine geringe Kapazität, selbst Nitrat abzubauen. Das passiert unter anderem mit Schwefelvorkommen. Doch irgendwann seien diese Mengen erschöpft. Dann schlägt das Nitrat eins zu eins durch. „Heißt: Wir müssen jetzt aufpassen“, bekräftigt Anne Reyer. Denn wenn die Belastung im Rohwasser zu hoch wird, könne man nichts mehr tun. Es sei ein extrem aufwendiges Verfahren, Nitrat aus dem Wasser herauszufiltern. Das wäre für einen Wasserversorger weder in der nötigen Menge noch zu dem gewohnten Preis machbar. Außerdem wolle man ja eine naturnahe Aufbereitung. 

Kompromisse 

Die Leiterin für Öffentlichkeitsarbeit kommt wieder auf die erwähnten Kompromisse zu sprechen. Ja, man muss verhindern, dass noch mehr zusätzliches Nitrat in das Grundwasser gelangt. Ja, es muss aber auch weiter gedüngt werden dürfen. Und zwar nicht mehr, als die Pflanzen aufnehmen können. Eine ausgeglichene Bilanz sei wichtig. „Man muss jetzt Lösungen finden, mit denen alle Seiten leben können. Fernwasser pflegt ein gutes Verhältnis zu den Landwirten. Wir waren immer schon im Gespräch. Ich kann die Sorge der Bauern nachvollziehen, die keine Umsatzeinbußen möchten. Aber wir müssen handeln und es muss klar sein, dass sich ein Effekt erst nach Jahren einstellen kann. Schuldzuweisungen bringen aber niemanden etwas“, so Anne Reyer abschließend.


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