Dienstag, 9. März 2021
Mittwoch, 17. Februar 2021

Dieter Grabe - der Radsport-Held aus Torgau

Der Nationalmannschafts-Vierer der DDR 1967 beim Zeitfahren in Lübben (von links): Dieter Grabe, Axel Peschel, Günter Hoffmann, Klaus Ampler. Foto: privat

Von unserem Mitarbeiter Norbert Töpfer

Der Rennfahrer gewann zu DDR-Zeiten alle Klassiker. Unter anderem 1968 das längste Straßenrennen Berlin-Cottbus-Berlin über 265 Kilometer.

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Torgau. Die 75 Jahre sind dem früheren Torgauer Radrennfahrer Dieter Grabe nicht anzusehen. Der Senior, seit vielen Jahren mit Gattin Christine in einer Leipziger Eigenheimsiedlung lebend, ist ein äußerst lockerer, netter Typ. Er war im Zeitraum von 1966 bis 1972 einer der besten Rennfahrer in der damaligen DDR, deren Nationalmannschaft vor allem bei den großen internationalen Etappen-Rundfahrten beim Kampf um die Spitzenplätze mitmischte.

Grabe, Staatsamateur des SC DHfK Leipzig - dem DDR-Vorzeigeklub in dieser Sportart - prägte den Radsport im Osten Deutschlands mit. „Ich habe alle DDR-Klassiker mindestens einmal gewonnen“, beantwortet der Sachse die Frage nach seinen größten Erfolgen. Diese Rennen waren keine nationalen Höhepunkte. Bei diesen Eintagesrennen oder Etappenfahrten waren auch internationale Spitzenfahrer in Ostdeutschland zu Gast. Und Grabe bewies gegen starke Konkurrenz meist seine respektable Stärke.

Dieter Grabe wurde in einem Haus an der Fischerei am Großen Teich in Torgau groß. 1963 begann er mit dem Radrennfahren bei der damaligen Betriebssportgemeinschaft (BSG) Lok Torgau unter Regie von Trainer Rainer Seyffert. Ein Jahr später wechselte Grabe zur BSG Motor Torgau. Dort leitete Werner Obst den Nachwuchs an. Den ersten Sieg fuhr Grabe 1963 ein. „Das war in der Altersklasse Große Jugend bei den 16- bis 18-Zehnjährigen“, erinnert sich der „lange Dieter“. Aufgrund seiner herausragenden Leistungen wurde der Torgauer 1965 zum SC DHfK delegiert. Sein Trainer dort war Herbert Weißbrod.

Schon in kürzester Zeit schaffte der Torgauer bei den Erwachsenen den Sprung von der sogenannten Leistungsklasse III in die Meisterklasse. 1966 gewann Grabe die DDR-Rundfahrt. Das war damals ein stark besetztes Etappenrennen mit internationaler Beteiligung. „Es war schon eine kuriose Rundfahrt. Ich habe sie gewonnen ohne einen Etappensieg, kam aber oft mit vorn an und erreichte viele vordere Plätze. Neben dem Gelben gewann ich noch das Violette Trikot für den aktivsten Fahrer und das Weiße für den stärksten Nachwuchsmann“, erinnert sich der Torgauer genau daran und fügt an: „Für das Violette habe ich eine Prämie von 100 Mark erhalten, viel Geld für die damaligen Zeiten.“ Zwei Jahre später entschied Grabe diese Rundfahrt erneut für sich.

Zu den Klassikern in Ostdeutschland zählten Eintagesrennen, bei denen sich oft mehr als 20 000 Menschen als Zuschauer am Straßenrand einfanden. „Ein besonderer Hammer war das Rennen Berlin - Cottbus - Berlin. Das waren 279 Kilometer. Ich bin stolz darauf, dass ich dieses Rennen einmal gewonnen habe“, sagt Grabe. Auch „Rund um Berlin“ hat Grabe einmal für sich entschieden. „Das war eine klasse Atmosphäre. Sehr viele Zuschauer und ich gewinne das. Und dazu habe ich mich über die Prämie von 500 Mark gefreut.“ Auch der Sieg bei der DDR-Meisterschaft 1967 im Einzelstraßenfahren zählte zu den Höhepunkten in Grabes erfolgreichen Karriere.

Den großen internationalen Durchbruch schaffte der Torgauer nicht. Sicher war der Start im 100-Kilometer-Mannschaftszeitfahren bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko ein Höhepunkt seiner erfolgreichen Laufbahn. Aber das DDR-Team in der Besetzung Dieter Hoffmann (ASK Vorwärts Leipzig), Axel Peschel (SC Dynamo Berlin), Klaus Ampler und Dieter Grabe (beide SC DHfK Leipzig) blieb mit Rang 13 unter den Erwartungen. Das verärgerte die DDR-Funktionäre derart, dass sie auf einen Start ihrer Renner im Einzelrennen verzichteten.

Grabe erzählt, dass diese enttäuschende Platzierung auch an der falschen Vorbereitung der ostdeutschen Experten lag. „Wir haben vorher wochenlang im Gebirge trainiert. Wir waren sogar auch in der damaligen Pilotenschule Königsbrück bei Dresden. Wir sind in einer Unterdruckkammer Ergometer gefahren. Dabei wurde eine Höhe von 2500 Meter simuliert.“

Bei einer Untersuchung durch andere DDR-Wissenschaftler hat sich dann herausgestellt, dass diese Art der Vorbereitung falsch war. Andere Teams, die sogar Medaillen holten, bereiteten sich gar nicht in der Höhe vor. „Einige Mannschaften reisten erst zwei Tage vor dem Wettkampf in Mexiko an“, erinnert sich der Torgauer.

1969 gab es noch einen Höhepunkt für Grabe. Er gewann mit seinen Teamkollegen die Mannschaftswertung bei der Friedensfahrt. Zwei Jahre zuvor führte dieses Rennen sogar durch Torgau. Grabe gewann dort die Bergwertung auf der Leipziger Straße, verpasste aber den Etappensieg als Zweiter im voll besetzten Leipziger Zentralstadion knapp. 1967 verfehlte Grabe mit der Vierermannschaft bei der WM in niederländischen Valkenberg als Fünfter nur knapp eine Medaille. „Im Einzelrennen sind wir dort schlecht gefahren und waren chancenlos.“

Grabe erinnert sich auch ein sehr eigentümliches Trainingslager in einer der sogenannten Sowjet-Republiken. „Wir sind dort zum Stefansee ins Hochgebirge gefahren. Das war herrlich, aber es gab keine Straßen. Wir haben dann in einem Stadion vier Tage auf einer Aschenbahn trainiert und sind dann nach Hause geflogen. Danach haben wir einige Tage in Sankt Moritz trainiert.“

Grabe durfte sich sogar Hoffnungen machen, auch an den Olympischen Spielen 1972 teilzunehmen. „Als sich die Mitglieder des Internationalen Olympischen Komitees für München entschieden hatten, war es vorbei für mich. Denn meine Schwester war zuvor in den Westen geflohen. Das ging übrigens nicht nur mir so.“ Grabe fuhr danach noch ein Jahr fürs Lok Ost Leipzig, um abzutrainieren. Anschließend arbeitete er wieder in seinem Beruf als Schlosser.

Doch sein Kontakt zu seinen alten Radsportfreunden ist bis heute nie abgerissen. „Ich war danach noch bei vielen Radrennen als Fahrer auf dem Motorrad oder im PKW unterwegs. Hinter mir saßen Fotografen wie Bernhard Eckstein, Weltmeister 1960 auf dem Sachsenring. Auch in Diensten des starken deutschen Teams Wiesenhof mit Leipziger Profis wie Steffen Radochla, Enrico Poitschke, Eric Baumann war Grabe als Begleitfahrzeugfahrer oft unterwegs.

Wolfgang Schoppe (79), Mitglied im Präsidium des Sächsischen Radfahrer-Bundes, lobt die Leistungen Grabes. „Dieter war ein Rennfahrer mit hohem Leistungsvermögen. Leider konnte er es bei großen internationalen Rennen wie Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften nicht abrufen. Wahrscheinlich hat ihm bei diesen Highlights die Nervenstärke gefehlt.“ Es folgte Grabes Tätigkeit für den VfB Leipzig. Bei Heimspielen des Klubs, der auch eine Saison in der Fußball-Bundesliga unter Trainer Dieter Hecking spielte, war er für den Parkplatz innerhalb der Stadionanlagen verantwortlich.

Heute fährt Grabe seltener Rad. „Aber mein Interesse für meinen geliebten Sport ist geblieben. Zumindest im Fernsehen verfolge ich noch die großen internationalen Rundfahrten.“ Was sich die  jüngeren Mitbürger in der Region Torgau überhaupt nicht mehr vorstellen können: In den 60er und 70er Jahren fand auf dem Torgauer Brückenkopf mehrere Jahre ein großes Rundstreckenrennen statt.

Als der Autor dieses Beitrages Dieter Grabe danach fragt, lächelt der ehemalige Radrennfahrer und antwortet: „Ich habe dieses Rennen dreimal gewonnen. Zum ersten Mal 1968 vor Klaus Ampler. Ein Jahr später war er Erster und ich Zweiter. Es war eine schwierige Strecke. Die Runde mit hohem Kopfsteinpflaster-Anteil war ja nur 1,5 Kilometer lang. Es kamen viele Zuschauer. 10 000 Zuschauer waren es bestimmt, die in Dreierreihen am Straßenrand standen. Schön war bei diesem Rennen immer, dass zahlreiche Fahrer der DDR-Spitzenklasse dabei waren.“ Grabe wurde mit seinem Status als Staatsamateur in der DDR nicht reich. Als Schlosser, angestellt in den Leipziger Kirow-Werken, verdiente der Rennfahrer zwischen 650 und 750 Ostmark netto.

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