Dienstag, 9. März 2021
Sonntag, 21. Februar 2021

Mythos Fritz Schmenkel

Die Büste Fritz Schmenkels wird in die Räume des DIZ verfrachtet.Foto: DIZ

Von unserem Redakteur

Torgau. Das DIZ Torgau hat über den ehemaligen Helden der Sowjetunion  geforscht.

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?In Torgau erinnert der Name einer Straße an einen Deserteur und Überläufer im Zweiten Weltkrieg: Der Name Fritz Schmenkel sagt dabei sicherlich nicht nur den Einwohnern des Stadtteils Nordwest etwas. Doch wer war dieser Mann, der in der DDR als Antifaschist regelrecht verehrt wurde? Das zum Wochenende hin auch online erschienene Kalenderblatt des Dokumentations- und Informationszentrums (DIZ) Torgau gibt Aufschluss. 

Derweil wartet seit einiger Zeit  eine Hunderte Kilogramm schwere Büste Schmenkels aus Chemnitz im DIZ auf bessere Tage. Der Koloss erinnerte einst in einer Schule an den Antifaschisten. Nach Angabe des DIZ ist es denkbar, die Büste in einer Sonderausstellung mit zahlreichen weiteren Geschichtsdokumenten  der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Am 22. Februar 1944 wurde der ehemalige Wehrmachtsoldat in Minsk hingerichtet. Ein deutsches Militärgericht hatte ihn zum Tode verurteilt, nachdem er zu den sowjetischen Partisanen übergelaufen und von den Deutschen wieder gefasst worden war. Vielen in der DDR war später sein Name bekannt, denn er wurde als ein Held des Antifaschismus gefeiert.

Erinnerung wurde gepflegt

In Torgau wurde die Erinnerung an ihn besonders gepflegt, denn hier soll er als Soldat eine Strafe im Wehrmachtsgefängnis Fort Zinna verbüßt haben.  In der Erinnerungskultur der DDR war Fritz Schmenkel jedoch eine Ausnahme. Das DIZ Torgau ist nun Fritz Schmenkel und der Erinnungspolitik um seine Person nachgegangen. 

Fritz Schmenkel stammte aus einem kleinen Dorf in Pommern. Als er am 14. Februar 1916 geboren wurde, wies wenig darauf hin, dass er nicht einmal 20 Jahre später im Zweiten Weltkrieg als Partisan in den Wäldern Belarus gegen die deutsche Wehrmacht kämpfen würde. Die Staats- und Parteiführung der DDR ehrte ihn dafür seit den 1960er-Jahren vielfach. Straßen, Betriebe, Schulen und Einheiten der NVA wurden nach ihm benannt. Büsten standen vor Schulen und auf öffentlichen Plätzen. Die DEFA drehte 1978 den Film „Ich will euch sehen“ über ihn.

Ehefrau Ehrengast

Im Gefängnis in Torgau gründete sich eine Einheit der FDJ, die sich nach Fritz Schmenkel benannte und ein so genanntes Traditionskabinett anlegte. Hier wurden Schmenkels Verdienste gerühmt. Schmenkels Frau Erna war als Ehrengast aus Plauen angereist, als am 27. Juni 1974 der FDJ-Gruppe feierlich der Name „Fritz Schmenkel“ verliehen und der Gedenkraum im Gefängnis eingeweiht wurde. Gerade diese vielen Ehrungen machen es aber schwierig, zur Person Fritz Schmenkel  durchzudringen, die sich hinter dem Symbol verbirgt. 

Wir wissen nur wenig darüber, aus welchen Motiven der Wehrmachtsoldat Schmenkel 1942 die mutige Entscheidung traf, den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion nicht mehr mitzumachen. Nach seiner Heirat lebte er mit seiner Frau in Raudten, einer kleinen Stadt in Niederschlesien. Kurz nachdem er zur Wehrmacht eingezogen wurde, muss er von einem Kriegsgericht zu einer Haftstrafe verurteilt worden sein. Belegt ist, dass er die Strafe im Wehrmachtsgefängnis Glatz (heute: Klodzko) verbüßte. 

In der DDR setzte sich die Meinung fest, er sei in Torgau inhaftiert gewesen. Darauf lässt sich in den wenigen überlieferten Akten kein Hinweis finden. Aus dem Gefängnis kam er an die Front in der Nähe von Smolensk, wo er im Frühjahr 1942 zu den sowjetischen Partisanen überlief. Nach dem Ende des Krieges schilderten Mitkämpferinnen, dass die Sowjets Schmenkel anfangs mit Misstrauen begegneten. Erst nach und nach wurde er bei Kampfeinsätzen als Maschinengewehrschütze mit einbezogen. Bei einem dieser Einsätze wurde er von deutschen Einheiten gefasst. Ein Kriegsgericht in Minsk verurteilte ihn zum Tode. Am 22. Februar 1944 wurde er dort erhängt. Dies galt als ehrloser Tod für Soldaten. Danach war er weitgehend vergessen. Seine Frau zog mit den drei Kindern nach Plauen und arbeitete dort in einer Textilfabrik.

Posthumer Titel

In den 1960er-Jahren besann man sich in der Sowjetunion wieder auf die Deutschen, die als Partisanen gegen die Wehrmacht kämpften. Fritz Schmenkel wurde 1964 posthum der Titel „Held der Sowjetunion” verliehen. Dies traf die Kulturbürokratie in der DDR unvorbereitet. Bis dahin waren Deserteure, Kriegsdienstverweigerer und sogenannte Wehrkraftzersetzer nicht ausdrücklich gewürdigt worden – zu sehr war die DDR darauf bedacht, selbst wieder militärische Tugenden zu fördern. Aus diesem Grund wurde pikanterweise auch Erna Schmenkel die Aufnahme in die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes lange verweigert. Ihr Mann sei ja nur Deserteur gewesen, lautete die Begründung. Bald wurde die Familie Schmenkel intensiv von der Stasi überwacht und betreut. Ein Offizier wurde eigens dazu abgestellt, mit Erna Schmenkel die Familiengeschichte durchzugehen und das Bild eines antifaschistischen Kämpfers mit möglichst lupenreiner Vergangenheit zu entwerfen. So wurde aus dem betrunkenen Vater, der mit der Pistole in der Hand die Polizei angegriffen hatte, ein Opfer des Faschismus.

Zweifel und Widersprüche

Schmenkel selbst wurde als ein glühender Kommunist dargestellt, der er möglicherweise nie gewesen war. All dies war der Stasi bewusst. Die Zweifel und Widersprüche existieren aber nur als Randvermerke in den Akten. Nichts sollte das von oben verordnete Geschichtsbild stören. Erna Schmenkel wurde zu einer begehrten Zeitzeugin und sprach bei FDJ-Treffen, vor Schülern und NVA-Soldaten. Sie und ihre Familie wurden mit Privilegien bedacht. Die Enkelkinder erhielten eine neue Wohnung. Sie selbst kam in den Genuss von Kuraufenthalten in der Sowjetunion. Ein Sohn wurde in das Ministerium für Staatssicherheit aufgenommen und durfte in der „Bonzensiedlung“ in Wandlitz eine Wohnung beziehen. Dabei war sicher hilfreich, dass die Kontaktperson Erna Schmenkels bei der Stasi, der Stellvertreter Mielkes, Bruno Beater, selbst 1944 zur Roten Armee übergelaufen war. 

Die Person Fritz Schmenkel verschwand umso mehr im dichten Nebel des Antifaschismus, je mehr Büsten aufgestellt und Plaketten mit dem Konterfei verliehen wurden. Nach 1989 wurden viele Erinnerungszeichen demontiert und Namensgebungen rückgängig gemacht. So verschwand Fritz Schmenkel ein zweites Mal: als ein Deserteur und Überläufer, der die mutige Entscheidung traf, den verbrecherischen Vernichtungskrieg der Deutschen nicht mehr mitzutragen. 

Robert Parzer und Elisabeth Kohlhaas, Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Torgau | Stiftung Sächsische Gedenkstätten


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