Dienstag, 9. März 2021
Montag, 22. Februar 2021

Auf stumm geschaltet

Marie-Luise Dressen beim Auftritt und in der Corona-Pause.Foto: privat

Von Peter Müller

Madrid/Melpitz. Es ist, als wäre es gestern gewesen. Doch der tosende Applaus für Opernsängerin Marie-Luise Dreßen und ihre Kolleginnen und Kollegen im Opernhaus Teatro Real in Madrid ist nun schon seit einem Jahr verhallt. Seitdem hat sich das Leben der Kunstschaffenden grundlegend verändert.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Der 15. Februar 2020 ist ein herrlicher Tag. Die Sonne scheint, es ist warm und die aus Torgau stammende Opernsängerin Marie-Luise Dreßen ist auf dem Weg von ihrer kleinen Wohnung in Madrid, um zur Probe ins Theater zu gehen.

Am Vormittag werden sie und ihre Kolleginnen mit dem Dirigenten nochmals drei Stunden daran feilen, ihren Auftritt für den Abend in Mozarts „Zauberflöte“ am berühmten Opernhaus Teatro Real zu perfektionieren. Danach Mittagessen, ein kurzer Spaziergang und dann ab in die Maske, ins Kostüm und auf die Bühne. Wochenlang hat sich das Ensemble darauf vorbereitet und dann ist er da – dieser Moment, wenn der Vorhang sich öffnet, die Aufregung wie weggeblasen ist und die Künstlerinnen und Künstler das zeigen können, worauf sie sich wochenlang vorbereitet und gefreut haben.

Spät in der Nacht schließt sich der Vorhang, das Publikum tobt und Marie-Luise Dreßen und ihre Kollegen haben ihre Mission erfüllt. „Wir haben mit unseren Stimmen und unserer Darbietung 1500 Menschen für ein paar Stunden in eine andere Welt entführt und glücklich gemacht. Dafür wurden wir ausgebildet, das ist unser Beruf, das ist mein Leben“, sagt die Opernsängerin und weiß, dass sie in diesem Moment an keinem anderen Ort der Welt zufriedener wäre.

15. Februar 2021

Ein Jahr später klingelt ihr Wecker in Melpitz. Es ist 8 Uhr und es hat tagelang geschneit, nun beginnt es zu tauen, alles ist matschig und grau. Heute hat sich Marie-Luise Dreßen vorgenommen, die Wohnung gründlich zu putzen, Sport gegen den Corona-Speck zu machen, nachmittags ein paar Stunden zu üben und am Abend für die Familie zu kochen.

Sie hat gelesen es sei wichtig, „einen strukturierten Tagesplan zu haben in dieser Zeit“.Wie jeden Tag seit sie denken kann, steht Marie-Luise Dreßen gut gelaunt und summend im Bad. Sie singe eigentlich immer, sagt sie. Im Supermarkt, beim Joggen, beim Kochen, beim Putzen. Für Fremde „wahrscheinlich seltsam, wohlmöglich nervtötend“, für ihre Liebsten altgewohntes Geräusch. Zwei Tassen Kaffee später, die Küche und das Bad sind geputzt, Marie-Luise Dreßen zieht ihre Laufschuhe an und rennt los. An langen Feldern vorbei, hinein in den Wald.

„Mein Ziel ist es, im Frühling 20 Kilometer am Stück laufen zu können, ohne danach direkt künstlich beatmet werden zu müssen –die Geräte werden schließlich momentan anderweitig gebraucht.“ Und da ist es wieder in ihrem Kopf, das allseits präsente Corona-Thema. Dazu gesellen sich Zukunftsangst und Traurigkeit, die gute Laune verschwindet und das Summen verstummt.

Alles ganz anders geplant

Die Spielzeit 2020/21 sollte eine große Wende Marie-Luise Dreßens Karriere bedeuten. Sie hat ihre Stelle im Ensemble des Staatstheaters Kassel gekündigt, weil sie durch freiberufliche Tätigkeiten, mit Engagements an mehreren großen europäischen Opernhäusern, komplett ausgebucht war. Und dann kam alles anders.

„Ende Februar 2020 kam ich aus Madrid zurück – ich wollte nur drei Tage in Torgau bleiben, schnell ein paar Koffer umpacken, um weiter nach Paris zu reisen und dort drei Monate zu singen. Aus drei Tagen wurde ein Jahr und es scheint kein baldiges Ende in Sicht zu sein.“Beinahe jeden Tag erhält Marie-Luise Dreßen Absagen, der volle Terminkalender wird zunehmend leerer und sie könne nichts machen, um das zu ändern.

Weder mehr zu üben, noch hunderte E-Mails an Agenturen und Theater zu schreiben würde ihr helfen, diese Lücken zu füllen, denn es gibt einfach im Moment keine Arbeit für eine Opernsängerin.Was bleibt der Künstlerin nun, außer sich in Form zu halten, stimmlich, körperlich und geistig? Am Nachmittag studiert sie einige Lieder für ein bisher noch nicht abgesagtes Konzert im Mai ein, denn „Singen ist wie Sport, man muss regelmäßig trainieren, um in Form zu bleiben.“

Sie versuche, die gute Laune wiederzufinden, denn die bräuchte sie.“ Nur ein glücklicher Vogel kann singen.“ Danach tauscht Marie-Luise Dreßen sich mit Kollegen aus, denen es genauso geht und teilweise noch viel schlechter, denn auch sie haben seit fast einem Jahr keine Einnahmen und sie müssen Kinder ernähren und Mieten zahlen.

Sie alle versuchen, optimistisch zu bleiben und verfassen enthusiastische Texte bei Facebook und Insta-gram, teilen Studien und Tabellen darüber, wie ungefährlich es ist, ins Theater zu gehen, wenn nur genügend Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden würden. „Aber eigentlich,“ sagt sie, „ist uns allen klar, dass wir die Letzten sein werden, für die es wieder einen normalen Künstleralltag geben wird“.

Vielleicht muss es so sein?

Die Sängerin resümiert: „Wenn man ganz vernünftig und rational darüber nachdenkt, muss das vielleicht auch so sein. Kunst und Kultur sind wichtig für die Gesellschaft, aber es gibt sehr viel, was noch wichtiger ist. Ich gehöre nicht zu den Vehementen, die darauf beharren, sofort alle Opern, Theater und Konzerthäuser wieder zu öffnen. Dafür ist jetzt einfach nicht der richtige Zeitpunkt.“

Trotzdem könne sie kaum in Worte fassen, wie sehr ihr die Kultur fehle. Nicht nur als ausübendes Organ, dem die Bühne verwehrt wird, auch als Publikum, als leidenschaftliche Theatergängerin leidet Marie-Luise Dreßen am Lockdown. „Wie sehr vermisse ich die heilende Kraft eines Live- Konzertes oder das Adrenalin, welches mich durchfährt, wenn ein wirklich gelungenes Theaterstück aufgeführt wird.“ Als Künstlerin hat man es wahrlich nicht leicht in der Coronakrise.

Aber auch viele andere Berufsgruppen haben große Existenzängste sowie Nöte und deswegen sei es gut, „immer mal wieder aus dem Kultur-Elfenbeinturm zu schauen, um zu erkennen, was da draußen noch passiert und nicht in Selbstmitleid zu verfallen,“ mahnt die Torgauerin. „Jede Krise birgt eine Chance wurde mir gesagt – ich werde schon noch rausfinden, wofür das alles gut war.“ Bis dahin gilt es, die ungewollt neugewonnene Zeit zu nutzen.

„Ich möchte gerne etwas Sinnvolles tun, bis ich wieder singen darf“, sagt sie. Und sei es nur, die Oma zum Arzt zu begleiten und die Kinder von Freunden beim Homeschooling zu betreuen. Auch als freiwillige Erntehelferin hat sie im Frühling 2020 geholfen, als bei einigen Betrieben aufgrund der Grenzschließungen Personalmangel herrschte. Das Konzert-Programm für Mai läuft gut, für heute ist Marie-Luise Dreßen fertig mit ihrer Lektüre und stellt sich an den Herd. Sie summt nicht.   #ohneunsistsstill

Artikel mit ähnlichen Schlagwörtern suchen:

Marie-Luise DreßenCoronaKunst


Das könnte Sie auch interessieren

TZ-ePaper

ePaper lesen

Lesen Sie das ePaper der Torgauer Zeitung bequem zu Haus oder unterwegs.

Jetzt 14 Tage lang unverbindlich testen!

 

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de
 

Aktuelle Bildergalerien

AKTIONEN

Newsletter

Probeabo

Festtagszeitung

TZ-Probelesen

Wirtschaftsmagazin

Torgau-Plus

Wanderführer

Feste und Gäste

INFOS & EMPFEHLUNGEN

laga