Mittwoch, 14. April 2021
Montag, 22. Februar 2021

Wieder ein kompletter Saisonabbruch

VfB-Coach Andreas Deutrich mit seinem Torgauer E-Jugend-Team bei einer Trainingseinheit im Juni 2020.Foto: Christian Kluge

Von unserem Mitarbeiter Christian Kluge

Handball ist vorbei in Sachsen. Bei den Keglern war schon im Dezember 2020 Feierabend. Im Tischtennis wurde vor wenigen Tagen die gesamte Spielzeit 2020/21 annulliert.

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Nordsachsen. Nach dem Keglerverband Sachsen, dem Sächsischen Tischtennis-Verband und dem Sächsischen Sportverband Volleyball haben nun auch der Handball-Verband Sachsen (HVS) und der Mitteldeutsche Handball-Verband (MHV) die Saison 2020/21 ohne Wertung abgebrochen. Es wird also weder Auf- noch Absteiger geben. Als der Handball-Spielbezirk Leipzig Mitte Dezember seine Saison auf Verbandsebene bis 28. Februar 2021 unterbrach, da herrschte bei den Vereinen noch Hoffnung auf einen Wiedereinstieg in den Punktspielbetrieb. Mitte oder Ende März sollte es damals weitergehen. Doch auch dieses kleine Licht am Horizont ist nun erloschen.

„Es ist nicht die schönste Entscheidung, aber wir kommen daran nicht vorbei“, sagte HVS-Präsident Karsten Küter dem Sportbuzzer. „Selbst eine halbe Runde ist nicht mehr realistisch.“ Gleichzeitig wurde die Meldefrist für die Saison 2021/22 auf Ende April verschoben. Küter: „Wir wollen den Vereinen entgegenkommen. Auch sie müssen sich ja erst einmal neu sortieren.“ Und vermutlich auch aussortieren, welche Teams nicht mehr gemeldet werden können.

Andreas Deutrich, Trainer der E-Jugend beim VfB Torgau und dort auch im Sportvorstand, sagte auf TZ-Anfrage: „Es ist nicht absehbar, wer bei uns alles wiederkommt. Auch wir haben ein Online-Training angeboten. Aber daran haben maximal sieben meiner zwölf Aktiven teilgenommen. Zwei oder drei haben sich in den letzten Wochen definitiv nicht bewegt. Eine offizielle Abmeldung gab es bei uns aber bisher noch nicht.“

Deutrich zeigte sich allerdings überrascht darüber, dass der Saison-Abbruch schon jetzt erfolgt ist. „Wir hatten zuletzt die Info, dass noch bis Ostern gewartet wird. Da wäre dann vielleicht noch etwas gegangen.“ Da allerdings schon mehrere andere Handball-Landesverbände vor Sachsen die Reißleine gezogen hatten, schwand die Hoffnung bei den Torgauern immer mehr.

Philipp Ritz, der Co-Trainer der VfB-Männermannschaft, die in der Bezirksklasse Leipzig nach vier Spieltagen auf Platz fünf stand, sagte der TZ: „Der Abbruch jetzt war absehbar. Die Frage ist nun, wann wir endlich wieder Handball spielen dürfen. Für uns Erwachsene ist das eher zweitrangig. Aber die Kinder müssen wieder Sport treiben können.“

Er selber habe in den letzten Wochen Lauftraining und Kraftübungen gemacht, gelegentlich mit einem Teamkollegen. „Und als der Schnee kam, habe ich zum ersten Mal die Langlauf-Skier herausgeholt und eine Glacis-Runde gedreht.“ Also mitten in Torgau durch den Stadtpark – das ging ja die letzten Jahre im Flachland so gut wie gar nicht. Die Gelegenheit zum Langlauf hat übrigens auch Andreas Deutrich genutzt, der am Torgauer Stadtrand zuhause ist.

Zurück zum Kinder- und Jugendhandball. Da hat sich der Deutsche Handballbund (DHB) jetzt etwas einfallen lassen, um seine D- und E-Jugendlichen wieder auf Trab zu bringen. Im Februar und März soll nun die Hanniball-Challenge über die Bühne gehen. Aber der VfB Torgau ist nicht dabei, obwohl sich über 700 Teams angemeldet haben. Andreas Deutrich bedauert das auch, sagt aber: „Wir kriegen einfach die Menge an Kindern nicht zusammen.“

Und ein Zeitproblem ist das auch noch. „Wenn ich zuletzt 16 Uhr nach Hause gekommen bin, hat mein Sohn immer noch über den Hausaufgaben gesessen – und er hat morgens um 7.30 Uhr angefangen.“ Das ist auch nicht verwunderlich, wenn beispielsweise Sechstklässler in Ethik erstmal den Film „Kevin allein zu Haus“ anschauen sollen und anschließend eine Rezension von rund 700 Worten darüber verfassen sollen – eine Aufgabe in einem Schulfach! Diese Info stammt allerdings von einer guten Bekannten in Riesa.

Zurück zur Hanniball-Challenge des DHB. Die wird an fünf Spieltagen bis zum 28. März den Altersklassen entsprechend in direkten Duellen ausgetragen. Auf der DHB-Homepage heißt es dazu: „Für den Wettbewerb wurden spezifische Übungen konzipiert, die die teilnehmenden Kinder über ihre Trainer*innen und Lehrkräfte erhalten und zu Hause durchgeführt werden können. Mindestens fünf Kinder müssen Teil eines Teams sein, eine Teilnahme ist kostenlos. Die Gewinnerteams erhalten nach jedem Spieltag Urkunden, weitere Preise sind möglich.“

Mark Schober, DHB-Vorstandsvorsitzender, sagt zu dieser Aktion: „Handball steht für Teamgeist, Spaß, aber auch einen fairen Wettkampf. Das alles vereint die Hanniball-Challenge in sich.“ Georg Clarke, Vizepräsident und Vorsitzender der DHB-Jugendkommission, ergänzt: „Wir wollen die Kinder mit spezifischen Übungen dazu motivieren, sich mit Freund*innen und Teamkolleg*innen zu bewegen und den gemeinsamen Austausch aufrechtzuerhalten. Wir freuen uns über jede Jugendmannschaft und Schulklasse, die das Angebot wahrnimmt.“  

Noch ein Blick zu anderen Handballvereinen in Nordsachsen. Christian Hornig vom Oberligisten NHV Concordia Delitzsch sagte zum Saisonabbruch: „Das ist das Vernünftigste, was man machen konnte. Alles andere wäre in unseren Sphären verantwortungslos gewesen.“ Er glaubt auch nicht, dass den Verein der Abbruch und die so weiter verlängerte Zwangspause in Sachen Ligaspiele personell beutelt.

„Bis jetzt hat sich nur ein Mitglied bei uns abgemeldet. Und ich denke, jetzt erwachen bei allen die Handball-Frühlingsgefühle. Wir werden auch in Zukunft alle unsere Mannschaften vollkriegen. Der ein oder andere Ältere will zwar aufhören, aber ich glaube noch nicht daran. So will man doch seine Karriere nicht beenden“, erzählt Hornig. Erst im vergangenen Sommer hatte der Verein eine dritte Mannschaft gegründet und war mit der Reserve in die Verbandsliga aufgestiegen.

„Wir müssen jetzt sehen, dass es irgendwann weitergeht und wir endlich wieder in die Halle können“, meinte NHV-Männertrainer Jan Jungandreas. Bei ihm stößt das Konzept eines freiwilligen, vom Verband organisierten Freundschaftsspielbetriebs auf Gegenliebe. „Das wäre für alle ein Lichtblick.“

Andernorts sieht man die Abbruch-Sache so: „Das gefällt uns nicht, aber wir müssen das hinnehmen“, sagt Petra Zimmermann vom SHV Oschatz, „wir hätten uns generell mehr Freiraum für den Amateursport gewünscht.“ Die Nachwuchs-Chefin und Frauen-Trainerin spricht von einem zweiten verlorenen Jahr. „Bei den Erwachsenen können wir das vielleicht kompensieren, im Nachwuchsbereich sehe ich große Probleme“, meint Petra Zimmermann. „Es gibt Jugendteams, die in dieser Saison noch gar kein Spiel absolviert haben. Es wird schwierig sein, alle wieder zu aktivieren, und ich befürchte, dass einige nicht den Weg zurück zum Verein finden.“

Auch bei der Frauenmannschaft leide die Motivation. „Einige Spielerinnen sind im Abi-Stress, andere haben selbst Familie und in dieser schwierigen Zeit viel um die Ohren. Ihnen fällt es schwer, sich fit zu halten.“ Um die Talente an den Verein zu binden – die Oschatzer stellen Mädchenteams von der B- bis zur E-Jugend –, verschicken die Nachwuchstrainer wöchentlich Videos mit Koordinations- und Geschicklichkeitsübungen, die vom jeweiligen Nachwuchstrainer gemeinsam mit einer Spielerin gedreht werden. „Die Mädchen können so zu Hause vor der Kamera üben und schicken ihre Videos dann wieder an uns zurück. So haben wir eine Übersicht, wer was gemacht hat“, erklärt Petra Zimmermann.

Handball-spezifisches Training könne so aber nicht ersetzt werden. „Wir brauchen wieder Hallenzeiten für eine vernünftige Vorbereitung, sonst wird die Verletzungsgefahr groß sein.“ Freundschaftsspiele und kleinere Turniere könnten dann helfen, wieder in Gang zu kommen. Für seine Frauen habe der SHV bereits einen Wettkampf im Juni in Taucha vereinbart. Im Nachwuchsbereich sei das schwieriger. „Da brauchen wir die Unterstützung der Eltern und versuchen deshalb, engen Kontakt zu halten. Aber Voraussetzung für alles wird sein, dass wir vorher in die Hallen dürfen“, so Petra Zimmermann.

In Torgau hofft man eher darauf, bald wieder auf dem Kunstrasenplatz an der Wasserturmsporthalle trainieren zu können – so wie es schon 2020 versucht worden war. Raus an die frische Luft also, wenn das Wetter und die Corona-Vorschriften mitspielen. Andreas Deutrich: „Wir würden das gerne wieder machen, wenn die Stadt uns lässt und das möglich ist.“ Er hat wenigstens ein bisschen Glück, denn auf dem heimischen Hof stehen zwei kleine Tore und mit seinem Sohn Liam, den er in der VfB-E-Jugend trainiert, kann also doch der Handball bewegt werden.

Schon im Juli 2020, als die TZ Andreas Deutrich in einem großen Porträt vorstellte, sagte der VfB-Coach: „Ich habe das Glück, einen genauso handballverrückten Sohn zu haben wie ich es selbst bin.“ Das ist in diesen armseligen Amateursportzeiten wahrlich ein Glück – für beide! Ähnlich dürfte sich die Lage beim Torgauer Richter-Trio darstellen, das TZ-Mitarbeiter Norbert Töpfer am 1. Februar ausführlich vorstellte. Papa Mike trainiert in normalen Zeiten gemeinsam mit Andrea Wurow seine beiden Zwillinge Maya und Yannis, die beide in der D-Jugend-Bezirksliga-Mannschaft des VfB aktiv sind.

Bleibt noch ein Blick auf andere Hallensportarten. Der Keglerverband Sachsen hat bereits am 20. Dezember des Vorjahres die gesamte Saison 2020/21 annulliert und will die nächste Spielzeit mit der gleichen Ligenstruktur und den gleichen Teams angehen. Das Präsidium des Sächsischen Tischtennis-Verbandes nannte als Grund für den Abbruch des Mannschaftsspielbetriebes am 17. Februar auf seiner Homepage: „Aufgrund der erneuten Verlängerung des Lockdowns und eines fehlenden klaren Stufenplanes der Bundes- und Landesregierung, ab wann Lockerungen für den Hallensport möglich sein, sehen wir uns zu diesem Schritt gezwungen.“

Stellt sich zum Schluss die Frage, wann die Politiker überhaupt erkennen, wie wichtig der Amateursport, der Breitensport und das gemeinsame Sporttreiben für die Menschen in Deutschland sind. Schon vor der Corona-Pandemie waren die Kinder und Erwachsenen hierzulande im Schnitt zu dick. Von motorischen Mängeln der Kleinen aufgrund von Bewegungsmangel ganz zu schweigen – und der Computer- und Handysucht, die viele Jugendliche längst im Griff hat. Die beiden Lockdowns haben zur Behebung dieser Probleme ganz sicher nicht beigetragen…

Mitarbeit: Steffen Enigk und Johannes David

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