Mittwoch, 14. April 2021
Dienstag, 16. März 2021

Die schwierige Suche nach Normalität

Die K&S Seniorenresidenz TorgauFoto: TZ/S. Stöber

Von Marie-Luise Dreßen

Torgau. In Zeiten von Corona ist jeder Tag in der K&S-Seniorenresidenz in Torgau ein schmaler Grat zwischen Sicherheit und Lebensqualität für die Bewohner.

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Wenn das Abendrot im Leben eines Menschen zu leuchten beginnt und dessen Familie und Angehörige nicht mehr in der Lage sind, sich um alle Herausforderungen, die das Alter mit sich bringt, zu kümmern, bietet seit 1998 die K&S- Seniorenresidenz in Torgau die Option eines neuen Zuhauses. Die Heimleiterin Jacqueline Ulbrich und ihre vielen engagierten Mitarbeiter tun ihr Möglichstes, um den Senioren einen Lebensabend in einer freundlichen und wohnlichen Atmosphäre zu schaffen.

In der Betreuung und Altenpflege sind Herzlichkeit, Empathie und Kreativität essenziell für ein funktionierendes Umfeld und seit März 2020, dem Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland, potenzierte sich die Verantwortung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Seniorenheims in großem Maße.

Zu Beginn überfordert

Wochenlang war es den Angehörigen aufgrund der Corona-Schutzverordnung nicht möglich, die Bewohner des Hauses zu besuchen. Telefonate und Briefe ersetzten nicht den persönlichen Kontakt und somit galt es, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach neuen Wegen zu suchen, um den Senioren ein Umfeld zu kreieren, in dem sie sich trotz der vielen neuen Maßnahmen sicher und wohl fühlen. Denn natürlich herrschte, gerade zu Beginn der Pandemie, eine sehr große Verunsicherung und auch Angst –, sowohl bei den Bewohnern als auch bei den Betreuern.

Sandra Mager, die stellvertretende Pflegedienstleiterin, Wohnbereichsleiterin und Hygienebeauftragte der K&S-Seniorenresidenz ist, fühlte sich zu Beginn völlig überfordert, als die Pandemie nach Deutschland überschwappte – denn natürlich war auch ihr klar, was ein Corona-Ausbruch im Haus bedeuten würde. Doch die patente, junge Frau, die von der Heimleiterin in höchsten Tönen gelobt wird, und ihre ebenso sehr engagierten Kolleginnen und Kollegen entwickelten tolle Ideen, um den Bewohnern trotz des Kontaktverbots ein wenig Nähe zu ihren Verwandten zu ermöglichen. Beispielsweise wurde der kontaktlose Raum geschaffen. Nach Voranmeldung konnten sich die Besucher und die Bewohner durch eine Scheibe sehen und dabei telefonieren.

Kontaktloser Raum

Auch Tablets wurden angeschafft, um wenigstens per Video den Kontakt der Senioren mit ihren Liebsten herstellen zu können. Mittlerweile sind Besuche im Heim wieder möglich. Bis zu dreimal in der Woche kann man sich telefonisch anmelden und nach einem vor Ort durchgeführten Corona-Schnelltest zwischen 14 Uhr und 17 Uhr die Bewohner besuchen. Anfangs wurden diese Tests vom Pflegepersonal selbst durchgeführt, mittlerweile wurde ein Test-Team eingestellt, was das Hauspersonal ungemein entlastet.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden dreimal in der Woche getestet und die Bewohner einmal im Monat, um möglichst große Sicherheit für alle zu gewährleisten. Denn „Sicherheit für die Bewohner und das Personal hat höchste Priorität“, betont Jacqueline Ulbrich.

Die Maßnahmen und Beschränkungen werden von den Bewohnern der Seniorenresidenz und ihren Familien verständnisvoll mitgetragen. Dennoch liegen hinter Anke Lindner, deren Lebensgefährte aufgrund einer diagnostizierten Parkinson-Demenz im Seniorenheim lebt, schwere Monate. Bereits der Schritt, die Betreuung des geliebten Menschen abzugeben, war für die sympathische Frau alles andere als leicht und als sie und ihr Partner sich nach einer gewissen Zeit mit der neuen Situation einigermaßen arrangiert hatten, kam Corona.

„Ihn nicht sehen zu können, war das Schlimmste“, erinnert sich Anke Lindner. „Aufgrund der Demenz wussten wir ja auch nicht, ob er versteht, warum wir ihn nicht besuchen können und was in ihm vorgeht.“ Als sich durch den geschaffenen kontaktlosen Raum endlich wieder die Möglichkeit ergab, den Partner zu sehen, bemerkte Anke Lindner, dass die Einsamkeit durch das Kontaktverbot zu einer Beschleunigung des Krankheitsprozesses geführt hatte.

Wertvolle Zeit

Da ihr Lebensgefährte krankheitsbedingt auch kaum spricht, was das Telefonieren unheimlich schwer machte, konnte Anke Lindner es kaum erwarten, dass die Kontaktbeschränkungen gelockert werden. „Als ich dann endlich wieder mit auf sein Zimmer konnte, war das wie Weihnachten.“ Anke Lindner betont, wie dankbar sie dem Pflegepersonal des Heimes ist und weiß, dass ihr Lebensgefährte in seinem neuen Zuhause sehr gut betreut wird. Aber die wertvolle gemeinsame Zeit ist nicht zu ersetzen und das schmerzt natürlich besonders, wenn man so deutlich wie im Pflegeheim vor Augen hat, dass Lebenszeit nicht unendlich ist.

Keks bringt Spaß

Auch die 90-jährige Frau Mücke, die mit ihrem an Alzheimer erkrankten Mann seit drei Jahren in der Seniorenresidenz lebt, vermisst die sozialen Kontakte. Zum einen findet sie es sehr betrüblich, dass sie so lange keine Besuche ihrer zahlreichen Kinder, Enkel und Urenkel bekommen konnte und zum anderen vermisst sie auch sehr den Austausch mit ihren Mitbewohnern.

Vor der Pandemie traf sie sich gern mit den Senioren, um zusammen Rätsel zu lösen oder Spiele zu spielen. Seit Monaten sind auch die gemeinsamen Mahlzeiten von der Cafeteria auf die Wohnbereiche verlegt worden, wo separate Tische mit großem Abstand platziert wurden, damit sich innerhalb des Heimes kein Infektionsgeschehen entwickeln kann.

Frau Mücke und ihr Mann lieben Fußball. Ihr Lieblingsverein ist RB Leipzig und so verfolgen sie – wie momentan alle Fußballfans – die Spiele mit großer Begeisterung in ihrem gemütlich eingerichteten Doppelzimmer im Fernsehen. Das große Interesse am Sport hat sich bei Frau Mücke durch ihre sechs Söhne entwickelt. Mit ihren Nachkommen kommuniziert Frau Mücke am liebsten ganz normal per Telefon, Videotelefonate sind nichts für die rüstige Rentnerin. Auch über Besuch des neu angeschafften Therapiehundes Keks freut sich das Ehepaar immer sehr. „Der Hund zaubert unseren Bewohnern regelmäßig ein Lächeln ins Gesicht“, erzählt Jacqueline Ulbrich.

Ideen-Reichtum

Große Freude herrschte auch, als der Friseur endlich wieder in die Einrichtung kommen durfte. Frau Mücke war eine der ersten Kundinnen und ist erleichtert, dass sie jetzt endlich wieder ihre gewohnt gepflegte Kurzhaarfrisur im Spiegel betrachten kann. Auch die gewohnten Gänge, beispielsweise zur Sparkasse oder Spaziergänge im Glacis mit Therapiehund Keks kann die lebensfrohe Dame kaum erwarten.

Anke Lindner und ihr Partner haben im letzten Frühling sämtliche Ecken der Parkanlage erkundet und nun ist sie glücklich, dass gemeinsame Spaziergänge nach dem langen, entbehrungsreichen Winter wieder möglich sind. Für die Bewohner und ihre Angehörigen ist es eine große Erleichterung, dass die Maßnahmen langsam etwas gelockert werden können.

Allerdings müssen Spaziergänge nach wie vor angemeldet werden, um je nach Pandemiestufe, die in den verschiedenen Häusern unterschiedlich sein können, individuell zu entscheiden, was möglich ist.Ein großer Schritt in Richtung Normalität ist durch die Impfungen erfolgt. Bei 72 Bewohnern, 37 Mietern und 54 Mitarbeitern der Seniorenresidenz wurde bereits die Corona-Schutzimpfung durchgeführt, ein Folgetermin für Unentschlossene ist für den 24. März geplant.

So bleibt den Bewohnern, den Angehörigen und dem unermüdlichen Personal weiterhin viel Kraft, Ideen-Reichtum und Durchhaltevermögen zu wünschen, um die Anstrengungen, die die Pandemie ihnen aufbürdet, zu bewältigen und durchzustehen.

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