Sonntag, 18. April 2021
Mittwoch, 24. März 2021

Es klemmt im nordsächsischen Frauenfußball

Voller Einsatz der Oschatzerin Babett Peter beim Länderspiel gegen Japan im Juli 2011 im Wolfsburger Allerpark. Foto: Rainer Paulus

Von unserem Mitarbeiter Christian Kluge

Sogar Nationalspielerinnen hat der Landkreis schon hervorgebracht. Dennoch ist die Lage weiter schwierig - und Corona macht sie auch nicht besser.

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Nordsachsen. Schon ein schneller Blick auf die nach kurzer Zeit abgebrochene Saison in Landesklasse Nord der Frauen macht es deutlich: Bei den Teams aus Nordsachsen läuft es nicht rund. Insgesamt 18 Spiele konnten die Vertretungen von Doberschütz-Mockrehna/Laußig, dem SV Lissa und FSV Luppa absolvieren, bevor vorzeitig Feierabend war. Luppa gewann zwei Partien und Lissa eine, während das Frisch-Auf-Frauenteam von Coach Mathias Knecht punktlos am Tabellenende steht.

Schon Anfang Dezember schrieb TZ-Autor Norbert Töpfer einen großen Beitrag mit der Überschrift: „Dem Frauenfußball in der Region Torgau droht der Untergang“. Dafür gibt es drei Hauptgründe: Studium, Berufsausbildung und eine Familiengründung mit Kindern. Inzwischen ist ein vierter hinzugekommen. Der heißt Corona-Schutzverordnung, wodurch nun nicht einmal mehr neuer Nachwuchs gewonnen werden kann.

Tino Glöckner, ein Urgestein des 1990 gegründeten SV Lissa – dessen Frauen es vor Jahren bis in die Landesliga geschafft haben - sagt in einem Beitrag der LVZ-Kollegen zur aktuellen Lage: „Heute existiert im Frauenfußball eine Zweiklassengesellschaft. Bis zur Landesliga geht es relativ professionell zu, darunter sprechen wir von absolutem Hobbyfußball. Viele Vereine müssen sich die Frage stellen, ob es für sie überhaupt weitergeht.“

Dabei gibt es Spielerinnen aus Nordsachsen, die es bis in die Nationalmannschaft geschafft haben. Bestes Beispiel ist die inzwischen 32-jährige Babett Peter, die in Oschatz geboren ist und beim dortigen FSV mit neun Jahren Fußballerin wurde. Als Jugendliche spielte sie in mehreren Nachwuchs-Auswahlmannschaften des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und von 2006 bis 2018 in der Frauennationalmannschaft. Hier kam die Abwehrspielerin auf insgesamt 118 Spiele und erzielte dabei acht Tore.

Im September 2019 wechselte sie vom Bundesligisten VfL Wolfsburg zum spanischen Erstligisten CD Tacón. Der wurde 2020 von Real Madrid übernommen, dessen Präsident Florentino Pérez unbedingt auch eine konkurrenzfähige Frauenmannschaft aufbauen wollte. Das gelang ihm auch. Derzeit spielt die erste Liga in Spanien ganz regulär nach Plan. Am kommenden Sonntag steht der 24. Spieltag auf dem Programm. Babett Peter und ihr Real-Team sind dann bei Deportiva Abanca zu Gast, nachdem die letzte Heimpartie gegen Levante gerade mit 1:2 in die Hose ging.

Es war übrigens das Spitzenspiel, denn Real ist derzeit mit 47 Punkten Tabellendritter und Levante Zweiter (51). Bei einem Heimsieg hätten beide Teams die Plätze getauscht. Von ganz oben grüßt die Mannschaft aus Barcelona mit 60 Punkten. Ende Juni endet die Saison der Frauen in Spanien mit dem 34. Spieltag. In der abgebrochenen Saison 2019/20 stand Babett Peter mit dem CD Tacón übrigens auf Platz zehn. Nach der Fusion krempelte die Real-Führung das Team gründlich um und hat damit in der laufenden Spielzeit den erhofften Erfolg.

Zurück zu den hiesigen Talenten. Die 20-jährige Nathalie Bretschneider, die beim SV Lissa das Fußball-Einmaleins gelernt hat, ist jetzt zu Turbine Potsdam gewechselt, aktuell Tabellenvierter der Bundesliga. Eine äußerst renommierte Adresse im Frauenfußball. Potsdam gewann 2010 nicht nur die Deutsche Meisterschaft, sondern auch die UEFA Women’s Champions League – um nur zwei der zahlreichen Vereinserfolge zu erwähnen.

In den Hochzeiten des Lissaer Frauen- und Mädchenfußballs gab es beispielsweise 2007 in allen Altersklassen reine Mädchenmannschaften, die auch in den Nachwuchs-Landesligen spielten. Doch dann folgte wie in vielen anderen Vereinen Nordsachsens ein stetiger Mitgliederschwund. So blieb in Lissa von zwei Frauenteams mit 40 Spielerinnen nur die eine Mannschaft übrig, die heute in der Landesklasse gegen den Abstieg kämpft. „Die Angst, dass der Frauenfußball in Lissa endet, ist existent“, sagt Tino Glöckner vom SV.

Personell abwärts ging es in den letzten Jahren auch beim SV Frisch Auf Doberschütz-Mockrehna. Im Mannschaftskader 2017/18 wurden auf der SV-Homepage noch 26 Spielerinnen aufgelistet. Beim letzten Punktspiel der laufenden Saison hatte Coach Mathias Knecht am 1. November 2020 mit Laureen Wedehase gerade noch eine einzige Spielerin auf der Auswechselbank zur Verfügung – obwohl Frisch Auf inzwischen ein Spielgemeinschaft mit Laußig eingegangen ist. Das Gastspiel bei der SPG BSV Schönau/Eintracht Süd II endete vor 23 Zuschauern mit einem 12:0-Sieg der Leipzigerinnen. Es war übrigens die höchste Saisonniederlage seit der 1:10-Schlappe beim SV Luppa am 18. Oktober.

Wie es insgesamt im Fußball in der Region Nordsachsen bei den Frauen und Mädchen aussieht, zeigt ein Blick auf zwei andere Spielklassen. In der Landesklasse Nord der B-Juniorinnen findet  sich nur der Oschatzer Nachbar SV Merkwitz, dessen Frauenmannschaft in der Stadtliga Nord Leipzig angetreten ist. Das Mädelsteam hat vor dem Saisonabbruch übrigens alle seine drei Spiele gewonnen und steht auf Platz eins. Grandios dabei der 20:0-Sieg beim TSV Eintracht Lützen am 3. Oktober – denn die Juniorinnen spielen nur 80 Minuten! Kim Schumann überragte bei den Merkwitzerinnen mit sechs Toren zwischen der 28. und 73. Minute.

Während dort also ein kleiner Funke Hoffnung auftaucht, sind die Frauenmannschaften von Roland Belgern, Beilrode, Süptitz oder Mehderitzsch längst in den Geschichtsbüchern verschwunden. Belgern beispielsweise konnte noch 2012 den Gewinn des TZ-Bärenpokals bejubeln. In Süptitz gab es auch 2016 noch ein Frauenteam.

Bei Hartenfels Torgau ist die Mannschaft vor einigen Jahren auch zerfallen, doch hier gibt es immerhin Hoffnung auf einen Neuanfang. Normen Wehner, der sportliche Leiter des Vereins, erklärte im Dezember des Vorjahres gegenüber der TZ, dass es bei Interesse von Mädchen möglich gemacht werden soll, bei Hartenfels Fußball zu spielen. Wobei wir zurück sind bei Punkt vier der Hinderungsgründe: Die Corona-Schutzverordnung lässt weder Nachwuchssport noch die Gewinnung von interessierten Kickerinnen zu. Und das hilft weder dem Fußball noch allen anderen Sportarten in Nordsachsen weiter.

 

 

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