Mittwoch, 14. April 2021
Donnerstag, 25. März 2021

Neuer Bahnhofsbetreiber startet bereits am 1. Mai

Während der Bauarbeiten dienen die Container als Interimslösung für das DB-Reisecenter. Foto: Thomas Keil

von unserem Volontär Thomas Keil

Torgau. Renate Mühlner stellt im Verwaltungsausschuss das Betriebskonzept des künftigen DB-Reisecenters vor.

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Auf dem Sprung zum Zug noch fix eine Fahrkarte und die Wegzehrung kaufen – diese Funktionen soll Torgaus neues Bahnhofsgebäude wie bisher auch bieten. Die bisher dafür projektierte Lösung stellte Renate Mühlner am Dienstag in der Sitzung des Verwaltungsausschusses vor. Sie ist als Geschäftsführerin der Torgauer Tourismus und Service GmbH (TTS) für das Torgau-Informations-Center (TIC) und damit den zukünftigen Betreiber des Bahnhofsgebäudes verantwortlich.

Renate Mühlner

Torgau – hin und weg
Für einen wirtschaftlich sinnvollen Betrieb des Bahnhofs sind Kenntnisse über die zu erwartende Kundenmenge notwendig. So beginnt Renate Mühlner ihre Ausführungen mit Diagrammen zum zeitlichen Verlauf der Mengen an ein- und aussteigenden Menschen. „Die Zahlen wurden im Jahr 2019 ermittelt“, erläutert die TTS-Chefin. Sie habe bewusst auf diese Daten zurückgegriffen, da das vorige Jahr mit seinen Einschränkungen nur beschränkt aussagefähig sei.

Gerade unter den Wochentagen sind markante Maxima zwischen 6 und 7 und zwischen 15 und 17 Uhr in beiden Kurven zu erkennen – typischer Tagespendlerverkehr. Pro Tag sind das 695 Einsteiger und 742 Aussteiger in Torgau. 

Samstags ist das Bild nicht ganz so eindeutig. „Das kommt halt eben darauf an, was gerade in Leipzig los ist“, verdeutlicht Renate Mühlner die Bedeutung des Ballungszentrums auf den Torgauer Bahnverkehr.  Im Jahresmittel sind so samstags 930 Reisende an Torgaus Bahnhof zu verzeichnen.

Am Sonntag brechen die Nutzerzahlen auf durchschnittlich 694 Personen ein. Auffällig ist die Spitze um 17 Uhr bei den Abreisenden – höchstwahrscheinlich die Wochenendpendler und Ausflügler auf dem Weg nach Hause.

Der Laden
Ausgehend von diesen Zahlen plant die TTS bislang mit folgenden Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 6 bis 18 Uhr, Samstag von 7 bis 13 Uhr und Sonntag von 11 bis 18 Uhr. Damit ist das Gebäude insgesamt 73 Stunden pro Woche geöffnet. Somit wird die Mindestforderung der Deutschen Bahn von 35 Stunden pro Woche deutlich erfüllt. „Die Öffnungszeiten sollen verkaufsoptimiert festgelegt werden“, sagt Renate Mühlner. Anpassungen seien also bei Bedarf noch möglich.

Für die Zielgruppe wurden unterschiedliche Bedarfe ausgemacht. „Getränke, kleinere Speisen, Zeitschriften und Zigaretten“, zählt die Geschäftsführerin der Stadtwerke auf. Als verlängerter Arm des TIC sollen aber auch dessen Produkte angeboten werden, bis hin zum Bestell- und Abholservice, an der einen wie auch der anderen Stelle. Bei all der Auswahl wird aber die klassische Grundfunktion als Bahnhof nicht vergessen: Fahrkartenverkauf und Reiseberatung für die Deutsche Bahn (DB) und den lokalen öffentlichen Personennahverkehr.

Wie der Innenraum aussehen kann, verdeutlichte Renate Mühlner in ihrer Präsentation mittels des Grundrisses und mit Bildern aus anderen Bahnhöfen, zum Beispiel Eilenburg. „Hier entsteht hauptsächlich ein Einzelarbeitsplatz“, so die Geschäftsführerin. Zu Hochzeiten könne aber auch eine weitere Arbeitskraft abgestellt werden. Die Planung sehe anderthalb Stellen vor.

„Tische zum Verzehr von Speisen wären schädlich in Bezug auf Fördermittel“, bedauert Renate Mühlner. So bleibe es im Wartebereich bei Sitzeinheiten mit Ablagemöglichkeiten zwischen den Sitzen. Mit WLAN im gesamten Bahnhof und der Photovoltaik-Anlage auf dem Dach sei ein moderner, umweltfreundlicher Bahnhof demnächst das Torgauer Eingangstor für Bahnreisende. Im äußeren Umfeld werden neben den schon bekannten Fahrradboxen eine Schmetterlingswiese und ein Spielplatz angelegt. 

Wer soll dass bloß machen?
Als Interimslösung dienen die Container auf dem Vorplatz. Hier bietet bislang Diana Hempel als Selbstständige eben jene Dienste wie Fahrkartenverkauf und Verpflegung an. „Aus wirtschaftlichen Gründen hat sie zum 30. April gekündigt“, informiert Renate Mühlner. Somit übernehme die TTS ab dem 1. Mai die Räumlichkeiten und auch das Angebot. Zur Besetzung des Arbeitsplatzes fragte im Anschluss AfD-Stadtrat Dieter Glimpel, ob es für Diana Hempel eine Zukunft im neuen Bahnhof gebe. „Sie soll als Angestellte hier weitermachen“, bejahte Renate Mühlner.

„Der Agenturvertrag mit der DB läuft vorerst bis zum 31. Dezember 2022“, sagt die TTS-Geschäftsführerin. Die maximale Vertragslaufzeit betrage zwei Jahre. „Die Vorgaben der DB sind an der Stelle ziemlich hart“, so Renate Mühlner. Dementsprechend sei das Versicherungsunternehmen für die Vermögensschutzversicherung vorgeschrieben, ebenso wie die zu verwendende Buchungssoftware. „Aktuell besteht noch Klärungsbedarf hinsichtlich des Datenschutzes“, erläutert Renate Mühlner. Aus Sicht der TTS seien die DB-Forderungen noch nicht akzeptabel. 

Was das kostet
Vorweg geschickt – es wird ein Verlustgeschäft für die TTS. Es gibt zwar von der DB einen sogenannten Kampagnenzuschuss von 1500 Euro pro Monat, dennoch werden in den nächsten zwei Jahren insgesamt zusätzliche 75 000 Euro Fehlbetrag durch den Bahnhof prognostiziert. In allen Rechnungen sei das Jahr 2022 als normales Jahr ohne LAGA-Touristen berechnet. „Wir arbeiten das Konzept aber noch weiter aus“, ordnet Renate Mühlner ein. „Das ist eine sehr, sehr vorsichtige Rechnung“, beschwichtigt Oberbürgermeisterin Romina Barth später. Sie glaube jedoch nicht, dass diese Informationszentrale je wirtschaftlich betrieben werden könne.

Offene Fragen
Offensichtlich hatten alle Stadträte Fragezeichen in den Augen, was die Insolvenz des bisherigen Auftragnehmers für den Neubau bedeutet. Deshalb hatte Andreas Gerner, Referent der Rechtsstelle, die passende Antwort parat: „Die Jaeger Modulbau GmbH & Co. KG ist eins zu eins in den Vertrag eingetreten – gleiches Personal, gleiche Assets, gleiche Lieferanten. Der Insolvenzverwalter hat dem zugestimmt. Ansonsten hätte die Stadt alles neu vergeben müssen.“

Andreas Gerner

Ulf Podbielski hatte drei Fragen auf dem Herzen. „Ist außerhalb der Öffnungszeiten der Bahnhof verschlossen? Reicht die Tragfähigkeit des Daches für Photovoltaik aus? Gab es eine Baugrunduntersuchung?“ fragte er. 

„Zu den Baugrunduntersuchungen kann ich nichts sagen, das muss das Hoch- und Tiefbauamt beantworten“, entgegnete Andreas Gerner. „Ja, nachts ist das Gebäude verschlossen – als Schutz vor Vandalismus. Zum Unterstellen gibt es das Wetterschutzdach. Das Gebäudedach ist mit dem Planungsbüro Zinnert kommuniziert und entsprechend ausgelegt“, ergänzt Romina Barth.


Dazu der Kommentar von TZ-Volontär Thomas Keil

Hauptsache, es schneit nicht

Das moderne Torgauer Bahnhofsgebäude bekommt ein ebenso modernes Betriebskonzept verpasst. Dieses sieht neben den klassischen Angeboten rund um die Reise auch eingeschränkte Öffnungszeiten des Wartebereichs im Gebäude vor. Das ist ungewohnt für den Torgauer Bahnhof, stand doch bislang die Wartehalle rund um die Uhr offen. Dabei ist es sinnvoll, die Öffnungszeiten an die Ströme der Reisenden anzupassen. So wird im Normalfall das Wetterschutzdach auch ausreichend sein, um für ein paar Minuten Wartende vor den Unbilden des Wetters zu bewahren. Aber der Vielfahrer kennt die Situation: Im Winter bei Schneefall verspäten sich Züge gern, fallen aus oder stranden irgendwo, mit Glück in einem Bahnhof. Dann wäre es schön, wenn man sich als Reisender doch im Gebäude unterstellen könnte – gerade nachts, wenn es dazu noch stürmt und schneit. Als Lösung kann ich mir neben flexibleren Öffnungszeiten auch ein Notfallsystem vorstellen, um außerplanmäßig das Gebäude zu öffnen.


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