Montag, 17. Mai 2021
Montag, 29. März 2021

"Vergessen werden wir ,Herzklopfen kostenlos' nie"

Die Gebrüder Obst bei ihrem Fernsehauftritt.Foto: privat

Von Norbert Töpfer

Torgau?. Wer von den Bewohnern der Region Torgau über 50 Jahre kennt sie nicht, die Brüder Obst. Als Duo waren der heute 72-jährige Dietmar und sein Bruder Detlef (68) mindestens 55 Jahre unterwegs, um die Leute mit ihrer Musik zu erfreuen. Höhepunkt ihrer langen Karriere als Freizeit-Musiker war der Fernsehauftritt im Fernsehen der damaligen DDR in der beliebten Sendung „Herzklopfen kostenlos“. 

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Zehn Minuten Gespräch reichen, um festzustellen, dass diese Männer, inzwischen Senioren, sich noch immer bestens verstehen. Vor allem ist das Duo locker und die Jungs sind keine Typen wie viele andere Herren in ihrem Alter, die stundenlang erzählen, was sie in ihren jüngeren Jahren für tolle „Kerle“ gewesen sind. 

Reise nach Oschatz

Höhepunkt ihrer Karriere als Schlager-Duo war der Auftritt am 26. Oktober 1966 im Fernsehen der damaligen DDR in der beliebten Sendung „Herzklopfen kostenlos“, in der Talente die Chance bekamen, sich einem großen Publikum zu präsentieren. „Unser Auftritt selbst wurde live aus dem voll besetztem Saal des Oschatzer Thomas-Müntzer-Hauses übertragen.

Diesen Auftritt werde ich nie vergessen. Vor allem das, was so alles ringsherum um diese Sendung passierte“, erzählt Detlef Obst. Und Bruder Dietmar ergänzt: „Vier Tage waren wir in Oschatz, um uns darauf vorzubereiten. Und das für ein Lied.“ Grund dafür war, das Moderator Heinz Quermann, in DDR-Zeiten der populärste Conférencier, ein Mann war, bei dessen Veranstaltungen alles passen musste. 

Quermann erfand die erste Castingshow im DDR-Fernsehen. Seit 1958 suchte er in „Herzklopfen kostenlos“ Talente und fand unter anderem Frank Schöbel, Chris Doerk, Dagmar Frederic und Wolfgang Lippert. Quermann starb am 14. Oktober 2003 im Alter von 82 Jahren. Der gebürtige Hannoveraner ist vor allem in der ehemaligen DDR unvergessen. Markant seine Schlussworte in seinen Sendungen: „Tschüss und winke, winke! Ihr Heinz, der Quermann“. 

Und vor diesem Mann mussten die Obst-Brüder „strammstehen“. Sie wollten eigentlich ein moderneres Lied, so mit „Yeah, yeah“ singen, aber damit konnte sich „Chef“ Quermann nicht so richtig anfreunden. Die Obsts mussten das akzeptieren und sangen einen Schlager vom damaligen Star Ivo Robic mit dem Titel „Mit 17 fängt das Leben erst an“. 

Lokaler Casting-Sieg

Im Vorentscheid, mit Konkurrenz aus Oschatz und Eilenburg, konnten sich die Obsts durchsetzen und in der 50. Jubiläumssendung „Herzklopfen kostenlos“ auftreten. Geschafft hatten es auch Torgauer Mitstreiter wie Dieter Schneider (†, Schlager), Klaus Karnath (†, Seemannslieder), Sabine Krug (Schlager) und die Pianistin Karla Kummer. 

Die vier Tage in Oschatz waren für die Brüder sehr spannend. „Wir wurden von Quermann und seinen Mitarbeitern in Oschatz auf unseren Auftritt in vielen Proben intensiv vorbereitet. Das war anstrengend, hat uns aber Spaß gemacht, weil wir so etwas nicht kannten“, erinnern sich Dietmar und fügt an: „Die Tage waren total verplant mit Probentätigkeiten unterschiedlichster Art, zum Beispiel mit einer Stimmprobe. Das bedeutete den Abgleich der Stimmhöhe mit der Tonlage der Musik. Auch eine Stellprobe fand statt. Mit kleinen Kreuzen auf dem Bühnenboden wurde der genaue Stand vor dem Mikrofon vorgeschrieben. Eine Beleuchtungsprobe fand statt – für die richtige Ausleuchtung der Kameras. Kurios war auch eine Kostümprobe. Sie enthielt die Auswahl der entsprechenden Kleidung, obwohl es damals ja nur Schwarz-Weiß-Fernsehen gab.“ 

Kleidung in Torgauer Farben

Zudem waren auch die Eltern der Brüder stets mit einbezogen. „Die beiden besorgten unsere Kleidung. Es sollten die Torgauer Farben werden, also blaue Schlaghose und weißes Hemd. Die blauen Hosen waren kein Problem. Der Kauf der Schuhe war schon schwieriger. Wir wollten modische Stiefel tragen. Doch dafür gab es in der DDR Wartezeiten, erst recht in Torgau“, erinnert sich Detlef. Bruder Dietmar muss plötzlich lachen und ergänzt: „Wir sind bei den Stiefeln geblieben. Aber sie haben angeblich geglänzt. Das wäre in einer Fernseh-Sendung störend gewesen. Also wurden sie durch die Fernseh-Mitarbeiter dann weiß ab gepudert.“

In dieser Sendung musste eben alles passen. „Wir sollten nach unserem Auftritt dem Publikum nicht mal zuwinken. Zudem bekamen wir, während wir sangen, rote Lichtzeichen von Kameramännern. Sie zeigten uns an, wohin wir während des Singens schauen sollten“, erzählt Dietmar lachend. „Unsere Eltern saßen natürlich mit im Saal. Von den Torgauer Stadtvätern wurde damals extra ein ganzer Bus für die Torgauer Delegation von Eltern und Offiziellen gechartert.“ 

Die Eltern der Obst-Brüder haben ihre Söhne stets unterstützt. „Sie haben uns die Musikinstrumente und die notwendige Garderobe gekauft und haben sich um alles gekümmert. Nur mit dem Auto konnten sie uns nicht zu den Veranstaltungen fahren. Sie hatten nämlich kein Auto. Wir sind zu den Auftritten mit dem Bus gefahren worden“, weiß Detlef noch. 

Knallhart, nicht arrogant

An den großen Star Quermann erinnern sich die Obsts noch heute ganz genau. „Quermann hat zwar alles pedantisch vorbereitet. Es war eben seine Sendung“, sagt Dietmar. Detlef meint: „Aber arrogant war er nicht. Und er war knallhart: Bei der Auswahl der jungen Talente sagte er ganz konsequent: Du bist dabei, Du nicht. Aber er musste ja auch für seine Sendung unter den vielen Bewerbern aussieben. Sie alle waren Amateure.“ Wichtig für die beiden Torgauer Jungs: Sie durften auftreten. 

Mancher TZ-Leser wird jetzt denken, dass die Obsts mit ihrem Auftritt in Oschatz richtig Geld verdient haben. Aber weit gefehlt: Dietmar Obst erinnert sich lachend. „Für den Auftritt selbst haben wir keine Mark bekommen, lediglich die Unkosten der Fahrt und eine Bockwurst zum Mittag wurden erstattet. Wir mussten sogar die Busfahrten von Torgau nach Oschatz hin und zurück vorauslagen. Aber wir konnten kostenlos vier Tage im Hotel ,Goldener Schwan‘ am Oschatzer Markt wohnen und wurden dort gut beköstigt. Vergessen werden wir ,Herzklopfen kostenlos‘ nie! Dass wir kein Geld bekamen für den Auftritt, war kein Problem für uns. Wichtig war: Wir hatten richtig Spaß.“ Eine Karriere als hauptberufliche Künstler war für die Obst-Brüder kein Thema. 

1962 die ersten Gitarren

1962 hatten ihre Eltern die ersten Gitarren für sie gekauft. Bei der Frage, ob sie Noten kennen, lachen beide. „Noten schon, aber ein komplettes ,Blattspiel‘ ist leider nicht drin, wir haben einfach damalige aktuelle Schlager mit Gitarrenklängen etwas anders verpackt und das war das richtige Konzept“, erzählt Dietmar. 

Von 1964 bis 1966 waren die Brüder viel unterwegs. „Wir haben auf Dörfern, aber auch in Großstädten gastiert. Die Auftritte in den Kongresshallen Leipzig und Magdeburg und zur 800-Jahrfeier auf dem Marktplatz in Leipzig mit Tausenden von Zuschauern oder Jahre später in der Sindelfinger Stadthalle vergesse ich nie“, sagt Detlef. Dietmar ergänzt lachend: „So richtig Knete hat man schon damals als Amateur nicht verdient. Wir haben bei diesen Auftritten zehn bis 15 Ostmark erhalten.“ Detlef weiß noch, dass ihre Eltern stets stolz darauf waren, was die Jungs auf der Bühne leisteten. 

Als Duo waren sie noch bis in die 90er-Jahre unterwegs. Beide entschieden sich jedoch schon zeitig für ihre Ausbildung. Eine professionelle Musikkarriere war somit nie ein Thema. Dietmar studierte erfolgreich mit Diplomabschluss im Maschinenbau und Sicherheitstechnik. Sein Bruder erlernte einen Beruf im Maschinenbau. 

Detlef spielte von 1968 bis 1970 in der bekannten Torgauer Rock Band „Jolanas“. Mit seinen Mitstreitern Eckard Kosche (†), Hans-Jürgen Klotzsch und Siegmar Friedel war er sehr populär in der Region Torgau. Die Jungs mussten in damaligen Zeiten streng darauf achten, dass sie bei ihren Auftritten 60 Prozent DDR-Songs und 40 Prozent West-Songs spielten. 

Talentierte Sportler

Übrigens waren die Brüder gute Hockeyspieler bei der BSG Lok Torgau. Detlef galt als großes Talent, sollte sogar zur Sportschule nach Leipzig delegiert werden. Er nahm als Spieler der Bezirksauswahl Leipzig dreimal an den sogenannten Kinder- und Jugendspartakiaden teil und hat dabei einmal die Goldmedaille geholt. „Ich habe mich aber im Jugendalter für die Musik entschieden und das nie bereut.“ Dietmar indes spielte von 1959 an Hockey. Er schaffte den Sprung in die erste Männer-Mannschaft. Als Linksaußen schaffte er 1975 den Aufstieg in die DDR-Oberliga. Das war damals die zweithöchste Spielklasse. Heute ist er noch sportlich aktiv. „Ich spiele im Freizeitbereich regelmäßig bei den ewig jung gebliebenen Männern einmal in der Woche Volleyball.“

Detlef klärt auf: „Nach über 55 Jahren machen wir keine Musik mehr für andere Leute. Wir genießen unser Leben“, sagt er und fügt an: „Aber los komme ich nicht von der Musik. Ich habe noch fünf Gitarren zu Hause. Wenn meine Söhne mal zu Besuch sind, machen wir Musik. Und mit meinen ehemaligen Kumpels musizieren wir auch noch ab und zu. Ich bleibe der Musik treu.“

Vielleicht gibt es aber doch noch einmal ein Wiedersehen/-hören  mit den beiden? Seit Jahren moderierten sie bei den Stadtfesten in Torgau die beliebten Modenschauen in der Spitalstraße. Sie würden sich auf ein Wiedersehen mit den Bürgern der Region freuen.

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