Mittwoch, 14. April 2021
Dienstag, 30. März 2021

Ein Paradies für Mensch und Tier

Die ehemalige StriehmüleFoto: Thomas Höhne

Von Marie-Luise Dreßen

Elsnig. ?Auf einer Ranch in Amerika arbeiten, eine Surfschule auf Bali aufmachen, ein Restaurant auf Mallorca eröffnen. So sehen Klischees von Aussteigerträumen aus. Aber warum in die Ferne schweifen? Die international erfolgreiche Sängerin Julla von Landsberg und ihr Partner, der Gitarrist und Intendant des Wittenberger Renaissance-Musikfestivals, Thomas Höhne, haben sich auf dem Gelände der Striehmühle an der Weinske ein einzigartiges Paradies erschaffen.

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Wenn man unter großen, dunklen Eichen auf das Grundstück fährt, taucht man mit einem Schlag in eine ganz andere Welt ein. Von der ehemaligen Wasser- und Windmühle, die zum Ort Elsnig gehört, sind nur noch ein Stall, das Auszugshaus und die Mühlenteiche zu sehen. 

Sofort fasziniert

Das Wasser war es auch, was Thomas Höhne Ende der neunziger Jahre an diesem Grundstück faszinierte. Der gelernte Fischwirt erkannte das große Potenzial, welches dieses wildromantische Stück Land mit sich bringt und sanierte hier in mühevoller aber lohnender Arbeit das völlig verwahrloste Anwesen und erschuf so ein kleines beschauliches Naturparadies. Anfangs gab es weder Strom noch fließendes Wasser, aber mit den Jahren und viel neuen Zielen und zukünftigen Plänen wächst und gedeiht diese Oase in Nordsachsen. Das Grundstück hat sich mittlerweile zu einem wahrgewordenen Traum für naturliebende Menschen und eine große Tier- und Artenvielfalt entwickelt, denn Julla von Landsberg und Thomas Höhne leben nicht allein auf dem drei Hektar großen Striehmühlengelände.

Nähert man sich dem Stall, wird man mit lautem Wiehern und I-A- Rufen begrüßt. Zwergeselwallach Tonda, Hauseselstute Alba, das Lewitzer Pony Lore und der Welsh Cob Lyschko erhoffen sich ein paar Leckereien. Die vierbeinigen Freunde haben über den Winter ordentlich Speck angelegt und sind deshalb auf Diät. Im Gegensatz zu den drei rotbunten Husumer Schweinen Tick, Trick und Track. Die seltenen Hausschweine können und sollen bis zu 350 Kilo schwer werden und liegen zufrieden, satt und grunzend im Stroh. 

Bedrohte und seltene Haus- und Nutztiere zu schützen und zu bewahren ist den beiden passionierten Musikern sehr wichtig, weshalb sie auch dem 1981 zu diesem Zwecke gegründeten Verein G-E-H (Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen) beigetreten sind, der mittlerweile deutschlandweit über 2100 Mitglieder hat.

Die gebürtige Bayerin Julla von Landsberg kam im Jahr 2015 zum ersten Mal auf den Striehmühlenhof auf der Suche nach einem Platz, an dem sie mit der Natur im Einklang leben kann, denn die Sängerin hatte aus gesundheitlichen Gründen beschlossen, dem turbulenten Großstadtleben in Berlin den Rücken zu kehren. 

Der malerische Hof zwischen Torgau und Dommitzsch sollte von da an für Julla samt ihrer Hündin und ihren Katzen eine neue Heimat werden. Mit ihrem Umzug auf den Hof kam auch die große Liebe, denn hier lernte sie den Bad Schmiedeberger Eigentümer Thomas Höhne kennen. Nach einer von Julla lang herbeigesehnten mehrmonatigen Eselwanderung vor zwei Jahren durch die Dübener Heide, beschloss das sympathische Paar, zusammen auf dem Striehmühlenhof zu wohnen und vielen verschiedenen bedrohten Haustierrassen eine Heimat zu geben. 

Neben den Ponys, Eseln und Schweinen leben unter anderem seltene Orpingtonhühner und chinesische Seidenhühner auf dem Hof. Thomas Höhnes Lieblingshuhn Elvira büchst immer wieder aus dem schützenden Gehege aus. „Die kommt bald in den Topf“, lacht der bärtige Neubauer, der gelegentlich im Garten sitzt und ab und an auch mal zum Dudelsackspielen Zeit findet. Aber eigentlich leben hier die Tiere in freundschaftlicher Eintracht auf dem Hof mit den Menschen zusammen. Locken-Ganter Gustav wird bald Vater. Seine Gänsedamen brüten momentan im eigens dafür vorbereiteten Gänsestall nicht nur ihre eigenen, sondern auch Eier von seltenen Emdener und Diepholzer Gänsen aus.

Große Pläne

Das weitläufige Grundstück bietet auch Coburger Fuchsschafen und einer Thüringer Waldziege viel Auslauf. Sie machen sich durch Rasenpflege und frische Milch nützlich. Julla von Landsberg und Thomas Höhne halten die Tiere in kleiner Zahl und haben viele spannende Visionen für die Zukunft. 

Die Corona-Krise traf die Berufsmusiker im vergangenen Jahr sehr hart. Beiden ging schlagartig die Existenzgrundlage verloren. Sämtliche Konzerte wurden ersatzlos abgesagt. Aber anstatt zu klagen und ängstlich abzuwarten, schmiedeten sie große Pläne und steckten ihre geballte Energie in die Umsetzung. 

Mit Unterstützung der Leader-EU-Förderung zur Entwicklung im ländlichen Raum und gemeinsam mit dem Regionalmanagement in Bad Düben, konnte damit begonnen werden, den sanierungsbedürftigen Stall wieder auf Vordermann zu bringen. Dort soll bald ein Schulungsraum entstehen, mit direktem Zugang in den Stall. Julla von Landsberg orientiert sich beruflich neu und sucht nach Möglichkeiten, eine sinnvolle Ausbildung für sich zu finden, um den Hof nachhaltig und mit viel Fachwissen führen zu können. Inspiriert durch die zweimonatige Eselwanderung in der Dübener und Dahlener Heide möchte sie in Zukunft Eselwanderungen anbieten, um die Schönheit der Heide- und Elbelandschaft interessierten Besuchern auf besondere Weise nahezubringen.

Weiteres Standbein

Ein weiteres neues Standbein ist das Angebot für Familien: auf dem kleinen Bauernhof eine Auszeit vom Alltag genießen. Das am Haus angrenzende Appartement bietet bis zu vier Urlaubern eine Herberge. Geplant ist auch die Anschaffung eines mobilen „Tiny-Houses“, das man auf dem Grundstück variabel einsetzen könnte. Die Hofbetreiber möchten dieses, von ihnen als so großes Glück empfundene Leben auf dem Bauernhof, im Einklang mit der Natur und den hier lebenden Tieren, gern mit anderen Menschen teilen. 

Der obere Mühlteich wird im April auch wieder mit Großem Zander, Schleien und Karpfen besetzt. Schon im letzten Frühling wurde probegeangelt und die kleinen und großen Fischer konnten einen kapitalen Fischertrag mit nach Hause nehmen. Während Thomas Höhne auch weiter Musik unterrichtete  wenn es denn möglich war, hat sich Julla von Landsberg seit dem Beginn der Coronapandemie ganz dem Landleben verschrieben und geht nun völlig in dieser Aufgabe auf. Von früh bis spät arbeitet das unermüdliche Paar auf dem Hof. Es gibt immer etwas zu tun – und immer etwas zum Lachen. 

Viele Interessen

Beispielsweise damals, als noch keine Gefährtin für Zwergesel Tonda auf dem Hof lebte und die Schafe als Ersatzspielgefährten bei allzu wilden Eselspielen herhalten mussten. Zum Glück für alle Beteiligten kam die Eselstute Alba auf den Hof, in welche sich Tonda auf der Stelle bis über beide Eselsohren verliebte und sie ihm zu einer ebenbürtigen Spielkameradin wurde. Oft sieht man sie zusammen auf der Weide  herumtollen.

Vom Fischer zum Musiker, vom Musiker zum Fischer: Schon einmal, vor 30 Jahren, hatte sich die Berufswelt für Thomas Höhne schlagartig verändert. Aus politischen Gründen konnte er seinen Beruf als Fischer nicht mehr ausüben und nahm seine Begabung, die er von seinen Vorfahren erbte, wahr, um Musiker zu werden. 1991 wurde aus dem Teichwirt ein selbstständiger Musiker. Und nun schließt sich der Kreis wieder. Nichtsdestotrotz werden die beiden auch zukünftig immer wieder Musik machen. Thomas Höhne ist Mitbegründer des Fördervereins der Kirche Polbitz und plant, dort sowie in den Kirchen im Landkreis diverse Konzerte mit seiner Partnerin zu veranstalten. 

In großer Hoffnung darauf, dass das Leben wieder ein wenig an Normalität gewinnt und die Kultur- und Tourismusbranche wieder Fahrt aufnehmen, freut sich das fröhliche Paar auf viele weitere ereignisreiche Jahre und unzählige glückliche Gäste auf dem Striehmühlenhof.

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