Donnerstag, 6. Mai 2021
Freitag, 9. April 2021

"Eine Sprengung wäre in diesem Fall zu aufwendig gewesen"

Von den Blöcken ist seit vorige Woche nichts mehr zu sehen. Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Dommitzsch. Es war der größte Abriss in Dommitzsch in den vergangenen 20 Jahren. Zwei 40-WE-Blöcke in der Straße des Friedens wurden seit Anfang Februar Stück für Stück abgetragen. Jetzt ist es geschafft. Ein Rückblick: 

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Zwei 40-WE-Blöcke in der Straße des Friedens wurden seit Anfang Februar Stück für Stück abgetragen. Dabei kam auch ein sogenannter 65-Tonnen- Longfrontbagger der Firma C.A.T.E. Abbruch und Umweltservice GmbH Leipzig zum Einsatz. Eine PS-starke Baumaschine, deren 27- Meter-Ausleger locker bis in die Dachhöhe der beiden Fünfgeschosser reichte. 

Betonschere 

Unaufhaltsam arbeitete sich die Betonschere am Greifarm vorwärts und zermalmte dabei selbst härteste, mit Stahl armierte Betonteile. Ein Schauspiel, das täglich Spaziergänger anlockte. Viele Dommitzscher verfolgten hinter den Bauzäunen aufmerksam und staunend das Geschehen. Mancher zückte Handy oder Kamera, um Fotos zu schießen und kleinere Videos zu drehen. 

Gesteinsberg 

Jetzt ist es geschafft. Seit gut einer Woche sind die beiden Wohnblöcke quasi von der Bildfläche verschwunden. Nur riesige Gesteinsberge und ein paar kleinere Haufen mit anderen Resten erinnern noch an die imposanten Bauten. Derweil hat das Leipziger Abriss-Team mit insgesamt drei Baggern schon die Kellerräume in Angriff genommen, die etwa zwei Meter tief ins Erdreich ragen. In drei Wochen soll auch davon nicht mehr viel zu sehen sein. Der Auftrag gilt als abgeschlossen, wenn das Gelände vollständig verfüllt, eingeebnet und beräumt ist. So hat es die Stadt angewiesen. Bis dahin bleibt aber noch einiges zu tun. 

Mit Nachweis 

Etwa 19 400 Kubikmeter Beton sind mit dem Abriss der Blöcke angefallen, erklärte Heike Hagemann vom zuständigen Dommitzscher Ingenieurbüro. Unliebsame Überraschungen gab es (den strengen Wintereinbruch ausgenommen) keine. Erstens seien solche Gebäudetypen aus der DDR-Ära bekannt. Zweitens war eine weitere Firma (Multi-Tec GmbH) im Vorfeld damit beauftragt, genaue Analysen über das zu entsorgende Material zu erstellen. Die Vorschriften und Umweltauflagen sind streng. „Alles muss exakt nachgewiesen und dokumentiert werden“, sagt die Planerin. Alle Materialien sind zu trennen und zu sortieren. Manche Reste seien auch nicht ganz so unproblematisch wie teerhaltige Rückstände und Dämmstoffe. So fielen beispielsweise auch ca 2500 Quadratmeter Holzwolle-Leichtplatten an, eine Art Dämmung unter der Dachhaut und im Fußbodenbereich. Schrott, Leitungen, Holz, Sperrmüll – alles musste einzeln zusammengetragen werden. 

„Weil in den Fußböden Anhydrit (Gips) enthalten war, mussten wir diese vorher separat abbrechen“, erklärt Heike Hagemann den Aufwand. Selbst ein Tatort-Reiniger sei im November zum Einsatz gekommen, um Krankheitserreger zum Beispiel durch Taubenkot auszuschließen (TZ berichtete). Bis zu vier Deponien wurden von der C.A.T.E. Abbruch und Umweltservice GmbH angefahren. Darunter die Asbestdeponie in Caaschwitz (Thüringen) und die Deponie in Sandersdorf-Brehna. Das Gros der Rückstände, nämlich die Betonreste, aber werden vor Ort in Dommitzsch mit dem Brecher zerkleinert und dann als Recyclingmaterial weiter veräußert. Ein Abnehmer aus der Baubranche steht schon bereit. 

Typ WBS 70 

Während die Einwohner der Gänsebrunnenstadt seit Rückbau der Tonwerke in den 90er Jahren nicht mehr solche umfangreichen Abrissarbeiten erlebten, ist es für die C.A.T.E. Abbruch und Umweltservice GmbH reine Routine. Allein im letzten Jahr habe man in Dessau 23 ähnliche Blöcke abgetragen. WBS 70, so die gängige Bezeichnung für die „DDR-Platte“. Entwickelt wurde die Wohnungsbauserie 70 von der Deutschen Bauakademie und der TU Dresden Anfang der 70 er Jahre, um das Wohnungsproblem zu lösen. Im Plattenwerk Neubrandenburg gingen die Betonsegmente in Massenproduktion. Bis zur Wende konnten in der gesamten Republik rund 1,5 Millionen Wohnungen auf diese Art und Weise errichtet werden. 

Auch in Dommitzsch freuten sich damals 80 Familien und Einzelpersonen über eine neue Bleibe. Dass die Bauten jetzt nicht, wie seinerzeit die Schornsteine der Tonwerke, gesprengt wurden, liege wiederum an ihrer Bauweise mit den einzelnen Segmenten. „Das wäre viel zu aufwendig. Besser geeignet für eine Sprengung sind Säulengebäude, die man dann gezielt zur Seite kippen kann oder Bauwerke, die in die Höhe ragen“, so C.A.T.E.- Geschäftsführer Tino Barthel. Außerdem seien immer Sicherheitsabstände zur nächsten Bebauung zu berücksichtigen. Bürgermeisterin Heike Karau freut sich indessen über den Baufortschritt und darüber, dass es überhaupt gelang, eine staatliche Förderung für das Projekt, das etwa eine knappe halbe Million Euro verschlingt, ausfindig zu machen. 

Fledermäuse 

Übrigens gab es auch eine enge Zusammenarbeit mit dem Naturschutz – eine sogenannte artenschutzfachliche Baubetreuung. Die Behörde schrieb nicht nur spezielle Termine und Fristen vor, sondern ordnete auch das Aufhängen von sechs Fledermauskästen, vier Nistkästen für Nischenbrüter, vier Koloniekästen für Haussperlinge, vier Nistkästen für Mauersegler sowie 26 Kunst-Nester für Mehlschwalben in unmittelbarer Umgebung an. Dabei sind Wohnblöcke in der Nachbarschaft und bestehende Bäume einzubeziehen. Die Naturschützer hatten das Vorkommen bestimmter Arten von Fledermäusen, Vögeln und Lurchen nachgewiesen, die ihren Lebensraum nicht verlieren sollen.


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