Freitag, 24. September 2021
Donnerstag, 15. April 2021

Bei eBay-Kleinanzeigen die leibliche Schwester gefunden

Zwei Schwestern im Glück. Jana Cielas und Tina Pötzsch trafen sich in dieser Woche zum ersten Mal.Foto: Nico Wendt

von unserem Redakteur Nico Wendt

Döbrichau. Es gibt Geschichten, die sind so verrückt, dass sie eigentlich nur das Leben selbst so schreiben kann. Jana Cielas aus Döbrichau hat 13 Jahre nach ihrer Schwester gesucht. Eine Rasenmäher-Anzeige lieferte den Treffer 

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Döbrichau. Es gibt Geschichten, die sind so verrückt, dass sie eigentlich nur das Leben selbst so schreiben kann. Jana Cielas hält eine Frau zärtlich in ihren Armen. Beide strahlen sich an. Immer wieder kullern Tränen. Die Döbrichauerin vermag kaum in Worte zu fassen, was gerade in ihrem Innersten vorgeht. Denn die Frau, die sie da sanft streichelt und berührt, ist wahrhaftig ihre leibliche Schwester. Bis Mittwoch dieser Woche kannten sich beide überhaupt nicht. Es waren jede Menge Zufälle und glückliche Fügungen im Spiel, die zu diesem Kennenlernen führten. Man könnte auch sagen, das Schicksal hat ein großes Stück gelenkt und geholfen: Es sollte einfach so sein! 

Ohne Baby zurück 

Jana Cielas fällt es schwer, die Erinnerungen weit zurück in die Vergangenheit zu richten. Das, was sie erlebte, war alles andere als eine glückliche Kindheit. Die 51-Jährige spricht von einem Trauma. Mit den Folgen habe sie bis heute zu kämpfen. „Meine Mutter war Alkoholikerin“, sagt Jana Cielas und ihre Blicke deuten an, was sie gerade nicht ausführlicher beschreiben will. Eines Tages habe die Mutter das Haus schwanger verlassen und sei ohne Kind zurückgekehrt. Viele Einzelheiten – auch darüber – hat Jana Cielas verdrängt. Aber der Gedanke, eine Schwester zu besitzen, ließ sie ein Leben lang nicht los. „Es ist ein Mädchen und sie heißt Tina“, waren die spärlichen Worte, die ihre Mutter darüber verlor. Danach sei über das Thema nie wieder gesprochen worden. 

Jana Cielas kam mit 13 Jahren in ein Kinderheim bei Zschortau. Irgendwann mit 14 oder 15 habe sie der Lehrer gefragt, ob sie nicht den Literaturzirkel seiner Frau besuchen will. „Er merkte, dass ich in Deutsch sehr gut und wissbegierig war“, erinnert sich die Döbrichauerin. Wenig später wurde das Verhältnis so eng, dass das Erzieher-Paar Jürgen und Elke Schuchardt die Patenschaft für Jana Cielas übernahm. Sie musste mit 16 Jahren nicht zurück nach Elsnig, wo sie aufgewachsen war. Das Erzieher-Paar wurde zu Ersatzeltern. Im Übrigen bis heute. „Ich sage Mutti und Vati, meine Kinder Oma und Opa. Manche Außenstehende wissen gar nicht, dass es nicht die leiblichen Eltern sind“, lächelt sie. 

Das letzte „Puzzlestück“

1989 lernte Jana Cielas ihren Mann Olaf kennen, ein Jahr später kam Sohn Eric und fünf Jahre später Tochter Laura zur Welt. Alles wurde gut. Alles wurde glücklich. In Döbrichau fand die Familie eine neue Heimat mit Hof, Haus, Garten und Tieren. Nur das Wissen, dass es da in der Welt irgendwo noch jemanden gibt, das beschäftigte Jana Cielas manchmal Tag und Nacht. Vor etwa 13 Jahren begann sie aktiv zu forschen. Sie schrieb Briefe an Jugendämter, meldete sich in zig Portalen im Internet an, wo Familienangehörige gesucht werden, wandte sich sogar an RTL-Moderatorin Julia Leischik von der Sendung „Vermisst“. In ihrer Verzweiflung warf Jana Cielas alle Bedenken über Bord und rief auch die leibliche Mutter an. Doch die wollte und konnte keine Auskunft geben. Ein zweiter Kontakt eskalierte derart, dass Jana Cielas schließlich vor drei Jahren wegen psychischer Probleme in eine Klinik nach Wermsdorf musste. „Ich bin meiner Familie sehr dankbar, dass sie immer hinter mir gestanden und mich aufgebaut hat“, sagt die Döbrichauerin, die seitdem als erwerbsunfähig gilt.

Das „letzte Puzzlestück“– empfand sie – könnte vielleicht helfen, endlich die Vergangenheit aufzuarbeiten und einen Schlussstrich zu ziehen. Also machte sich die 51-Jährige noch entschlossener ans Werk. „In den Internet-Foren sind Personen, die oft schon Jahrzehnte auf der Suche nach Angehörigen sind, die viel Erfahrung und Kontakte haben.“ So bekam Jana Cielas kleine Tipps und Hilfestellungen, die sie beständig voran brachten. Man wusste, dass die Vornamen zu DDR-Zeiten meist nicht geändert wurden. „Ich kannte den Februar als Geburtsmonat. Irgendwann bekam ich den anonymen Hinweis, dass am 14. Februar 1983 eine Tina in Leipzig zur Adoption freigegeben wurde. Das war vor fünf Jahren.“ 

Heiße Spur 

Die heiße Spur verlief aber im Sande, bis Jana Cielas vor einigen Monaten neu Anlauf nahm. Und wieder gab die Internet-Gemeinde den Anstoß. Sie solle nach Geburtstagen recherchieren, so die Empfehlung. Der 14. Februar 1983 ergab einen Zufallstreffer. Tina Pötzsch hieß das Baby, das gleich nach der Geburt in Leipzig neue Eltern erhielt. Und tatsächlich entdeckte die Ostelbierin bei Facebook ein Profil mit Foto, das gut passte. Doch die abgebildete Frau reagierte nicht auf persönliche Anschreiben. Sie hatte, wie sich später herausfand, solche Nachrichten blockiert. Enttäuschung, Ernüchterung. Dann neue Hoffnung. 

Jana Cielas konnte es nicht fassen, als ihr die Internet-Gemeinde plötzlich vor drei Wochen einen Link zuspielte. Bei eBay-Kleinanzeigen sei eine Tina Pötzsch gerade dabei, einen Rasenmäher zu verkaufen. Die Döbrichauerin griff zur Tastatur, schrieb per eMail an die Adresse.

Völlig überrumpelt 

Über den genauen Verlauf können die Schwestern im Nachinein herzlich lachen. Denn nach ein paar anfänglichen Floskeln, den Mäher betreffend, kam Jana Cielas schnell zur Sache. Und Tina Pötzsch, geboren am 14. Februar 1983 – nunmehr wohnhaft im Erzgebirge– zeigte sich völlig überrumpelt und verstand die Welt nicht mehr. „Ich wusste doch gar nicht, dass ich eine Schwester hab“, sagt sie. Erst die eigene Recherche und ein Auszug im Geburtenregister fegten bei der 38-jährigen alle Zweifel beiseite und die junge Frau war aus dem Häuschen. 

Stundenlange Telefonate und einige Video-Chats folgten. Das Lied der Münchner Freiheit „Bis wir uns wiedersehen“ ebnete den Weg für ein sehr emotionales und tränenreiches Treffen in dieser Woche. Seitdem sind die beiden unzertrennlich. „Wir waren auf Anhieb auf der selben Wellenlänge. Wir haben viel nachzuholen und werden den Kontakt nie mehr abbrechen lassen“, beteuern die Schwestern im Glücksrausch der Gefühle. Und ja, der Rasenmäher bei eBay sei noch zu haben, zwinkern Jana Cielas und Tina Pötzsch beinah schelmisch, um sich gleich darauf wieder herzlich zu drücken.

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