Donnerstag, 6. Mai 2021
Dienstag, 20. April 2021

Seit 20 Jahren dem Himmel ganz nah

Der Ballon von Steffen Krieche über Torgau.Foto: privat

Von Norbert Töpfer

Torgau. Der auffällig schöne Heißluftballon von Steffen Krieche und seiner Frau Kerstin ist in den warmen Monaten oft ein Hingucker, wenn er über die Region Torgau schwebt. Und wer Ballon fährt, hat einiges zu berichten.

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Meistens hat der 60-Jährige zwar das Kommando, aber steuern kann er das Luftfahrzeug nicht. „Wir fahren dahin, wohin der Wind uns treibt. Die Richtung können wir nicht beeinflussen. Ich kann nur die Höhe ändern, also steigen oder sinken und von oben alles entspannt genießen.“ 

Steffen Krieche startet rund um Torgau in Abhängigkeit von der Hauptwindrichtung. Sehr oft erfüllt sich der Wunsch seiner Gäste, über die tolle Stadt zu fahren. Was heißt fahren? Als die ersten Ballone auftauchten, gab es noch keine Flugzeuge und die Ballone fuhren damals durch das Luft- oder das Himmelsmeer. Der Begriff des „Ballonfahrens“ ist bis heute erhalten geblieben. 

Lebensgefährtin Kerstin ist zuständig für das Gästewohl am Boden und froh über ihre 430 PS, die sie braucht, um mit dem 4 Tonnen schweren Verfolgergespann möglichst zeitgleich mit dem Ballon am Landeplatz zu sein.

„Ich bin süchtig“

Diesen Monat sind es 20 Jahre, seit dem die Krieches dieses außergewöhnliche Hobby pflegen. Das Torgauer Duo besitzt eine sogenannte Privatpilotenlizenz für Heißluftballone. Die praktische Ausbildung erstreckte sich über alle vier Jahreszeiten. „Das ist notwendig, um das Ballonfahren richtig zu erlernen, da die Bedingungen im Sommer und Winter sehr unterschiedlich sind“, erklärt Steffen. Er gibt auf Nachfrage ohne zu zögern lächelnd zu: „Ja, ich bin süchtig, Ballon zu fahren.“ 

In ernsthafter Gefahr waren Krieche und seine Gäste oben noch nie. „Aber es gab auch schon unangenehme Situationen, weil wir ja unsere Richtung nicht bestimmen können.“ Das Paar berichtet sehr emotional von einem Ereignis bei Zwethau. „Es war unsere erste eigenständige Fahrt, ohne Ausbilder. An Bord das wertvollste Gut – unsere Töchter. Der Ballon befand sich über den Leitungen der Eisenbahnstrecke und es wurde fast windstill. Die große Anspannung übertrug sich bis auf die B87 runter, wo ich wartete. Aber es ging alles gut“, erinnert sie sich. Steffen ergänzt lächelnd: „Von unten sieht es immer schlimmer aus, wenn sich der Ballon an einer schwierigen Stelle der Erde naht. So kritisch war es nicht.“ Und er fügt an: „Trotzdem gilt: Die Vorbereitung zum Start und die Fahrt selbst darf nie zur Routine werden .

Es gibt einen ernst gemeinten Spruch, den die beiden leben: „Es ist besser, man ist unten und wünscht, man wäre oben, als man ist oben und wünscht sich, man wäre unten.“ Krieches haben das große Glück, ihre Freizeit und Ballon-Liebe mit anderen Menschen zu teilen und müssen damit nicht den Lebensunterhalt verdienen, verrät der selbständige Sat- und Kommunikationstechniker.

Bis zum Bauchnabel

Lachend erzählt das Paar von einer „Episode“, die ausgerechnet in Torgau passierte, wenige Kilometer vor ihrer Haustür. „Über dem Großen Teich waren wir sehr tief, da wir dahinter landen wollten und haben einmal kurz nicht aufgepasst. Die Folge: Der Ballon sank und ist anschließend mit dem Korb bis zum Bauchnabel im Wasser „eingeditscht“.

Bei Veranstaltungen in Amerika heißt das „splash&dash“. Aber in Torgau war es ungewollt. Zum Glück war es Hochsommer. „Ballonfahren ist die Kunst, freiwillig in die Luft zu gehen, unberechenbaren Winden zu trotzen und heil wieder herunterzukommen“erklärt Steffen Krieche.

Mit dem Ballon erlebte das Paar viele Höhepunkte, von denen sie noch heute schwärmen. Israel war einer der davon. Ein Israeli, den sie bei einem Ballonfest in Österreich kennengelernt hatten, lud sie für Anfang Oktober 2014 zum Laubhüttenfest in seine Heimat ein. Die Ballons gelten bei diesen Events in den Regionen Gilboa und Eshkol als die Attraktion. Und die Krieches aus dem fernen Torgau durften gemeinsam mit Teams aus sieben Ländern am Rand der Wüste Negev in die Luft gehen, nachdem sie ihren Ballon mit DHL nach Israel geschickt hatten. 

Als Dank an das Publikum gibt es wie bei vielen Veranstaltungen das sogenannte Ballonglühen. Dabei werden die farbigen Ballonhüllen in der Dämmerung aufgerüstet und mit dem Brenner von innen beleuchtet. Das ergibt mit den verschiedensten Farben und auch Formen ein imposantes Bild. Die Augen der Krieches strahlen noch immer, wenn sie davon berichten. 

Neben vielen Veranstaltungen in Israel haben das Paar in den USA (Arizona), Österreich, Italien und in Namibia den Luftraum „erobert“. Das deutsche Allgäu und das Tannheimer Tal in Österreich sind die Lieblingsziele des Duos im Winter.

Auch über Dinge, über die Außenstehende nur den Kopf schütteln, erzählen sie. Ein Beispiel: Das Verfolger-Auto gehört stets dazu, weil die Ballon-Fahrer vorher nie genau wissen, wo sie landen. „Kerstin sind die einheimischen Wälder, Felder und Schleichwege wohl vertraut, zum Ärger der Jäger. Ich erkenne sie von oben erst aufgrund der riesigen Staubwolke“, erzählt Steffen. Auch Romantisches gibt es : „In unserem Ballon gab es bereits drei Heiratsanträge“, weiß Kerstin noch.

Beide lieben diese Art der unkalkulierbaren Fortbewegung. „Man muss ein bisschen verrückt sein. Unser Leben hat sich durch die Ballon-Fahrerei völlig verändert“, schaut Kerstin zurück. Die Vertriebsingenieurin im Außendienst (Heizkostenabrechnung, Firma ista), setzt noch lachend einen drauf: „Da bleibt schon mal zu Hause die Arbeit liegen, wenn schönes Wetter ist.“ Steffen erklärt schmunzelnd die Folgen ihres aufwendigen Hobbys: „Wir haben nur noch Schlecht-Wetter-Freunde.“ 

Geringe Gefahren

Übrigens, „Kotzbeutel“ haben die Krieches nicht an Bord. „Ich kann mich nicht erinnern, dass einer unserer Gäste schon mal um ein solches Teil gebeten hat“, sagt Steffen lachend. Und Toiletten gibt es natürlich auch nicht. „Die gute Stunde, die wir in der Luft sind, hat bis jetzt jeder ausgehalten“, erinnert sich Kerstin. Apropos Gäste, sie müssen schon kräftig mit anpacken. Von Beginn an wird im Team der Ballon aufgerüstet, das entsprechende Zubehör vom Hänger geladen. Das gilt auch fürs Einpacken nach der Landung.

Für besonders gefährlich hält Krieche das Ballonfahren nicht. „Im Vergleich zum Straßenverkehr oder einigen anderen Luftsportarten birgt unser Hobby nur geringe Gefahren, wobei wir uns stets nach den Wettervorhersagen richten, denn Sicherheit geht vor“, spricht er Klartext. 

Der attraktivste Startplatz ist bei Wind aus Ost die Elbwiese mit Fahrt über das Schloss und die Stadt Richtung Entenfang. Da schleichen sie sich leise an, meist über die Eilenburger Straße und schauen auf die zahlreichen Balkone unter ihnen, kurz unterbrochen vom Fauchen des kräftigen Brenners. „Für viele Torgauer ist das über die vielen Jahre ein sehr vertrautes Geräusch.

Meist wird jedoch am Entenfang gestartet, da der Wind aus Westen viel häufiger ist und wir sind froh, dass wir auf einem Areal von Karl-Friedrich Potzelt, starten dürfen. Wir bekamen von ihm vor 20 Jahren sofort die Erlaubnis“, erklärt Krieche.

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