Montag, 17. Mai 2021
Freitag, 23. April 2021

Susan Gast: "Hilfe im modernen Dilemma"

Susan Gast ist selbst Mutter: „Als Eltern macht man immer einen Spagat zwischen dem, was gesellschaftlich erwartet wird und dem, was den Familienalltag entspannt.“Foto: Kristin Schley

Von unserem Redakteurin Julia Sachse

Susan Gast über überreizte Kinder und eine Therapiemethode, die ihnen helfen kann

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Oschatz. Wie viel Kinder und Jugendliche heutzutage schon im ganz normalen Alltag leisten, geht angesichts der Ansprüche, die an sie gestellt werden, oftmals unter. Die Diagnose ADHS, landläufig als Aufmerksamkeitsdefizit bekannt und teilweise einhergehend mit Hyperaktivität, tritt scheinbar immer häufiger auf. Auch viele Erwachsene tragen schwer an dem Tempo, das die Zeit vorgibt und kämpfen mit Depressionen, Angst oder gar Suchtproblemen. Ergotherapiepraxen bieten vielfältige Möglichkeiten der Behandlung an – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Collm-Klinik demnächst auch die von Susan Gast.

 

SWB: Frau Gast, die Eröffnung Ihrer Praxis steht kurz bevor. Mit welchen Methoden hebt sie sich von denen vieler anderer regionaler Kollegen ab?
Susan Gast:
Neben den klassischen Therapiemöglichkeiten für Patienten, die in ihrer Leistungs- oder Handlungsfähigkeit beeinträchtigt sind, wie z.B. der Förderung motorischer und kognitiver Fähigkeiten durch handwerkliche Tätigkeiten, verfolgen wir insbesondere den systemischen Ansatz zur Unterstützung von Kindern und deren Familien, die an einer Entwicklungs- oder Lernstörung sowie unter Verhaltensauffälligkeiten leiden. Einen besonderen Schwerpunkt hat dabei eine Therapieform namens Neurofeedback, die hier in der Region noch recht unterpräsentiert ist.


Was genau versteht man darunter und für wen ist es besonders geeignet?
Neurofeedback meint eine Spezi­alrichtung der Arbeit mit Messda­ten aus sogenannten Biofeedback-Untersuchungen. Ganz konkret heißt das, dass wir anhand von Hirnstrommessungen, dem so­genannten EEG, die Aktivität der verschiedenen involvierten Hir­nareale abbilden, während der Patient selbst auf einem Monitor ein Spiel oder einen Film sieht. Das Spiel oder der Film laufen nur dann einwandfrei, wenn das gewünschte Erregungsmaß der betroffenen Hirnregion erreicht ist. So lernt das Gehirn spielerisch, dieses Niveau zu halten und seine Funktionen nachhaltig zu verbessern – ein entscheidender Vorteil gegenüber von Medikamenten!  Die Patienten kommen sehr gern zu diesen Terminen, denn es fühlt sich nicht nach Arbeit an, der Kopf vollbringt in dieser Zeit jedoch Höchstleistungen.


Wie meinen Sie das? Kommen die Kinder unaufmerksam zu Ihnen und gehen konzentrierter nach Hause?
Überspitzt könnte man das so sagen. Bereits nach etwa drei Sitzungen spüren die Kinder und ihr Umfeld bereits deutliche Veränderungen. Je nach Störungsbild braucht es etwa 20 Sitzungen für eine dauerhafte Veränderung. Es ist so, dass viele Familien sich heutzutage in einem modernen Dilemma befinden: Während sich das Umfeld, in dem Kinder aufwachsen, von seiner Beschaffenheit grundlegend verändert hat – beispielsweise die hochtechnologisierte Alltagswelt ein hohes Potenzial an visuellen und akustischen Reizen birgt und der Nachwuchs sich viel zeitiger mit smarter Technik und der ständigen Erreichbarkeit verschiedenster Inhalte befasst –, werden seitens des Schulsystems und der älteren Teile unserer Gesellschaft immer noch dieselben Ansprüche formuliert wie vor 30 Jahren: Ein „ordentliches Schulkind“ sollte ausgeglichen und ruhig dem Unterricht folgen, der sich leider noch viel zu wenig den Lernbedürfnissen der Kinder entsprechend entwickelt hat. Früher kamen die Kinder heim und zogen mit ihren Freunden los, tobten sich aus und wurden die überschüssige Energie nach dem Stillesitzen und Zuhören los. Heute ist das elementar anders und da können die Eltern nicht immer viel dafür.


Also helfen Sie den Familien dabei, dieses Dilemma auszugleichen?
So kann man das sagen. So lange sich am System nichts ändert, werden aktiven Kindern viel zu häufig Medikamente verordnet, wo letztlich auch ohne Eingriff in den jungen Organismus Erfolge erzielt werden können. Erfolge, an denen die Kinder Spaß und die Eltern Freude haben, wohlgemerkt.


Über das Gebiet „Neurofeedback“ weiß der Ottonormalbürger recht wenig, wenn nicht sogar nichts. Richtet es sich nur an Kinder und Jugendliche?
Nein. Tatsächlich zeigt es auch Wirkung bei Menschen, die an Autismus leiden, an Depressionen, Suchterkrankungen, Epilepsie oder Demenz. Ich habe während meiner Praktika in spezialisierten Praxen und in der klinischen Neurologie auch Fälle erlebt, in denen eine neurologisch bedingte Blindheit kuriert werden konnte oder im Fall eines Komapatienten durch die gezielte Stimulation ausfallbedingt längere Zeit inaktiver Gehirnregionen die Genesung eingeleitet werden konnte. Das Thema ist faszinierend und birgt noch viel Potenzial für Krankheitsbilder, deren Ursache in den Strukturen des Gehirns liegt.


Planen Sie eine Art Informationstag zur weiteren Aufklärung?
Ja, ich visiere dafür die Sommermonate an und hoffe, dass Corona bis dahin etwas abklingt. Dann würde ich gern einen Tag der offenen Praxis veranstalten, im Zuge dessen ich Interessierten zeigen kann, wie Neurofeedback funktioniert, welche Behandlungsmöglichkeiten sich daraus ergeben. Außerdem würde ich langfristig auch gern mit Schulen und Kitas dazu ins Gespräch kommen, denn sie sind die Ersten, die Auffälligkeiten im Verhalten der Kinder bemerken, manchmal aber sogar etwas dagegen tun könnten. Ich weiß, dass die gesetzlichen Vorgaben im pädagogischen Bereich noch sehr unflexibel sind, aber einige freie Schulen nutzen ihre Spielräume, um den Einrichtungsalltag und das Lernen bedürfnis-
orientierter zu gestalten.

Jederzeit kann man mich mit Fragen kontaktieren:
Tel. 03435 9887213, whatsapp: 0160 8004488    


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