Donnerstag, 6. Mai 2021
Montag, 26. April 2021

Abgebrochen, sortiert und verladen

Seit Donnerstagabend klafft vorerst ein Loch mehr in der Stadt. Foto: Thomas Keil

Von unserem Redakteur

Torgau. Das alte Torgauer Bahnhofsgebäuude ist aus dem Stadtbild verschwunden. Die TZ blickt noch einmal auf den mehrere Wochen dauernden Prozeß zurück.

Facebook Twitter WhatsApp Mail Drucken

Langsam nähert sich der Greifer dem Dach – eine Schale nach oben, die andere nach unten gerichtet. Vorsichtig gleitet die untere Schale unter den Dachbalken. Langsam hebt sich der Arm des Baggers und damit das Dach. Darunter lösen sich erste Balken des Fachwerks von den Steinen. Befreit von der Last purzeln einzelne Ziegel zu Boden. Offensichtlich geht so zu schnell zu viel kaputt – Kollateralschäden drohen. Also nochmal den Arm senken und neu zugreifen. Der Baggerfahrer entscheidet sich, das Dach lieber Stück für Stück abzutragen.

Um 14.59 Uhr war es dann am Donnerstag soweit: Die letzte Wand des alten Bahnhofsgebäudes fiel.

T-Träger und Schaltschrank
Wo in den Tagen vorher einfach mit der zinkenbewehrten Verlängerung Dachabschnitte im Ganzen herunter gerissen wurden, mussten die Abrissprofis zum Schluss mehr Vorsicht walten lassen. Schließlich sollte das Stellwerk erhalten bleiben. Es ist der östlichste Teil des alten Bahnhofsgebäudes. Hier residiert unter anderem die Bahnsteigaufsicht. „Das wird langsamer gehen, wir müssen auf den Schaltschrank kurz hinter der Trennung Rücksicht nehmen“, kündigte der Baggerfahrer bereits am Mittwoch zum Feierabend an. Doch der grüne Schrank mit den Emaile-Schildern blieb nicht das letzte Hindernis. Ein Deckenbalken des Stellwerkes ist ein massiver Stahlträger, Doppel-T-Profil und rund 300 Millimeter hoch. Dieser ragt weit in den Bereich der ehemaligen Gepäckabfertigung hinein und muß zerteilt werden.

Anfang Februar begann der Abriss des alten Bahnhofsgebäudes mit der Entkernung. Bereits in der Anfangsphase des Rückbaus wurden erste Wandelemente entfernt. „Diese wölbten sich bereits nach außen“, hieß es im März von Seiten der Arbeiter. Zuvor war an diesen Stellen die Wärmedämmung entfernt worden. Später wurde es scheinbar ruhig um die Arbeiten – von der Stadt kommend waren nur wenige Änderungen am Baukörper erkennbar. Aus Sicherheitsgründen wurde die hintere Hälfte des Ober- und Dachgeschosses bis zum Parterre von Hand abgebrochen. „Um sicherzustellen, dass keine Trümmer auf den Bahnsteig fallen“, hieß es dazu von der Stadt Torgau als Auftraggeberin. Pünktlich nach Ostern rückte der erste Bagger an. Dieser fraß sich in den folgenden Wochen von West nach Ost durch das Gebäude. Stück für Stück wurde das Material abgetragen, sortiert und in Container verladen. In den letzten zwei Wochen war sogar noch ein zweiter Bagger vor Ort, um die Sortier- und Verladearbeiten zu unterstützen.

Souvenirs
Einige Anwohner erfragten Teile der Balken als Souvnirs und die Interessengemeinschaft um Reinhard Wehner bat um die eine metallene Säule aus dem Bereich der Bahnhofsrestauration. Am Sonntag lag die Säule nicht mehr vor Ort, ihr künftiges Schicksal ist bislang unbekannt.

Dagegen konnten die Wandbilder nicht gerettet werden, weil sie auf Putz aufgetragen worden sind. „Sobald man da mit dem Bagger ranfasst, bröckelt es auseinander“, heißt es aus der Stadtverwaltung Torgau. Insgesamt waren es drei Bilder: Die ersten beiden zeigten zum Einen Torgau mit Luther und seiner Frau und zum anderen den Handschlag auf der Elbebrücke kurz nach dem Elbe Day – beide Bilder sind sicherlich keine 30 Jahre alt. Das dritte Bild ist deutlich älter und versteckte sich hinter der abgehängten Decke über dem Eingangsportal. In früheren Zeiten grüßte es wohl den ankommenden Reisenden. Dementsprechend zeigte es eine Torgauer Stadtansicht, wie man sie 1620 aus Norden kommend erlebte.


Dazu der Kommentar von TZ-Volontär Thomas Keil:

Es ist noch Zeit

Ein baufälliges Haus, das nur noch Pfefferkuchen zu sein scheint – da müßte der Abriss doch schnell gehen. Sollte man meinen. Dennoch zog sich der Rückbau des alten Torgauer Bahnhofsgebäudes rund und roh drei Monate hin. In Anbetracht der Umstände scheint es mir dennoch zügig genug zu sein.

Hätte das Haus irgendwo im Nirgendwo gestanden, wäre man ihm wahrscheinlich einfach mit der klassischen Abrissbirne zu Leibe gerückt. Doch mit den parallel dazu ausgeführten Arbeiten rund um das Gleis 1 und den aufrecht erhaltenen Bahnbetrieb mit Personenzügen und Halt in Torgau war diese profane Methode nicht möglich. Zu viel Material wäre in Richtung der Gleise gekippt und hätte dort bestimmt auch Personen verletzt. So ist es also der umsichtigen Arbeitsweise der Abrissprofis und auch der Bahnsteigaufsicht zu verdanken, dass nur einmal Wandteile in Richtung Gleis 1 kippten und dabei nicht mehr als ein paar Bauzäune demoliert wurden.

Außerdem bleibt noch ein gutes halbes Jahr bis zur avisierten Eröffnung des neuen Gebäudes im November. Das dürfte genügend Zeit sein, den Keller auszuräumen, die Grube zu verfüllen, die Bodenplatte zu gießen und dann die Module darauf zu stellen.


Das könnte Sie auch interessieren

DER MAZDA CX-3

 

Weitere Veranstaltungen unter:
www.leipzig.ihk.de