Montag, 21. Juni 2021
Dienstag, 27. April 2021

"GERETTET!"

René WagnerFoto: Quelle: DIZ Torgau

Elisabeth Kohlhaas, DIZ Torgau

Torgau. Vor dem Zusammentreffen von amerikanischen und sowjetischen Soldaten am 25. April 1945 an der Elbe waren in Torgau Tausende Häftlinge aus den beiden Wehrmachtgefängnissen Fort Zinna und Brückenkopf auf Räumungsmärsche getrieben worden. 

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Für sie kam die Befreiung erst Tage oder Wochen später. Nicht wenige Gefangene fielen den letzten Verbrechen der Wehrmachtaufseher zum Opfer, die bis zum Schluss mit aller Gewalt gegen flüchtende und erschöpfte Häftlinge vorgingen. Zu den Gefangenen, die die Märsche glücklicherweise überlebten, gehörte René Wagner aus dem Elsass. Er hielt die Erlebnisse während der letzten Tage seiner Gefangenschaft in einem Tagebuch fest.

Der 23-Jährige kam im November 1944 aus Straßburg in das Wehrmachtgefängnis Fort Zinna. Noch Anfang April 1945 wurde er in Torgau wegen angeblicher Spionage angeklagt. Er sollte vor das Reichskriegsgericht in Torgau gestellt und zum Tode verurteilt werden. Diese Verhandlung fand nicht mehr statt.

René Wagner war ein Jahr vorher, im Frühjahr 1944, im Elsass verhaftet worden. Ein Spitzel hatte ihn verraten, weil Wagner wusste, dass sein Cousin Elsässern dabei half, nach Frankreich zu fliehen. Die jungen Männer wollten mit dieser Flucht der Zwangsrekrutierung zur deutschen Wehrmacht entgehen. Außerdem hatte René Wagner sich mit dem Spitzel über die Lage auf dem Flugplatz der deutschen Luftwaffe im Elsass unterhalten, auf dem er arbeitete. Die Gestapo folterte René Wagner und ließ ihn nach mehreren Monaten Haft von Straßburg nach Torgau bringen.

Bereits Mitte April 1945 wurde René Wagner mit Tausenden Häftlingen im Zuge der Räumung des Wehrmachtgefängnisses Fort Zinna in Marsch gesetzt. Die Gefangenen wurden am nächsten Tag aber zurückgetrieben, weil die Kampflage unübersichtlich war. Am 24. April, nur einen Tag vor dem Eintreffen der amerikanischen und sowjetischen Einheiten in Torgau, musste René Wagner das Fort Zinna in der Nacht ein weiteres Mal verlassen. Die Aufseher trieben die Gruppe der Gefangenen nach Nordwesten.

Über den Marsch schrieb René Wagner angstvolle Worte in sein Tagebuch: „Am Morgen um 3 Uhr verlassen wir Torgau, … den Amis entgegen. Anstrengender Tag. Sind beunruhigt wegen des Schicksals, das uns bestimmt ist.“ Nach zwei Tagen trafen die Gefangenen auf die amerikanische Front. Nach einer weiteren Nacht im Freien und mitten im Durcheinander des Frontverlaufs gelang es Wagner, zu den amerikanischen Truppen in Bitterfeld zu flüchten. Als Häftling der Wehrmacht trug er eine Wehrmachtuniform – zuerst musste er deshalb Überzeugungsarbeit leisten, dass er überhaupt ein Gefangener der Deutschen war. In seinem Tagebuch notierte er über die erste Nacht in Sicherheit erleichtert: „GERETTET. Hören mit Freude und Ergriffenheit die ersten Swing-Rhythmen und schlafen dabei ein.“

Mitte Mai 1945 traf René Wagner wieder in seiner Heimat in Straßburg ein.


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