Dienstag, 27. Juli 2021
Dienstag, 11. Mai 2021

Drei Meinungen zu #allesdichtmachen

Von Marie-Luise Dreßen

Torgau. Was bleibt von der Video-Aktion #allesdichtmachen, nachdem die Medienwelle vorübergerollt ist? Drei Künstlerinnen, drei Meinungen.

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Torgau. Hinter dem Hashtag #allesdichtmachen steht eine Initiative von 52 deutschsprachigen Schauspielern, die in kurzen Videos mit Sarkasmus und Ironie die Maßnahmen zur Eindämmung der Coronapandemie kommentieren.

Ins Leben gerufen wurde diese Aktion unter anderem von Bernd K. Wunder (mit bürgerlichem Namen Bernd  Katzmarczyk) , dem Filmregisseur Dietrich Brüggemann und den Schauspielern Jan Josef Liefers und Volker Bruch.

Die Aktion stieß auf unheimlich viel Gegenwind und Kritik. Die Künstler wurden in den sozialen Netzwerken extrem unter Druck gesetzt und viele haben ihre im Internet kursierenden Videos von der Plattform löschen lassen, weil sie sich entweder nicht mehr mit der Aktion identifizieren können oder dem öffentlichen Druck nicht mehr standhalten konnten.

Was ist nun von der Initiative zu halten? Ist das Kunst oder kann das weg?

Einige Torgauer Künstlerinnen haben sich bereit erklärt, ihre Meinung zu der Aktion in Worte zu fassen. TZ-Autorin Marie-Luise Dreßen hat sie eingesammelt.

 

Ina Bär, Torgau, Musikerin und Malerin

 Ich muss zugeben, ich habe mich ein wenig schwer getan, da ich allgemein vom Medienrummel nicht viel halte, deshalb hatte ich die Aktion #allesdichtmachen nur am Rande wahrgenommen. 

 Nun habe ich mir einige Videos dazu angeschaut und ich muss sagen, dass ich damit im Zwiespalt stehe.

Zum einen ist die Kunst für mich immer ein sehr gutes und wirksames Sprachrohr von Menschen zu Menschen, damit ist für mich eine große Verantwortung verbunden. In diesem Falle ist es ein Hilferuf von Künstlern, welche faktisch zwangsmäßig einem Berufsverbot erlegen sind. Das kann ich sehr gut nachvollziehen, da ich ja selber in der Kunstszene tätig bin und auch mir die Hände schmerzvoll gebunden sind, wobei ich aber noch das Glück habe, dass der Musikschulbetrieb bei uns in Nordsachsen trotzdem weiterläuft, wenn auch quasi in der Notlösung per Online-Unterricht. Aber das Wunderbare, fast alle Schüler und Eltern sind genauso engagiert mit dabei. Das hilft unserer Musikschule zu überleben!

Für die freien Künstler ist das schon wesentlich schwieriger, denn hier geht es um die nackte Existenz, nicht nur um die eigene persönliche, sondern um die Existenz der Kunst und Kultur an sich, um die Existenz der Lebenskultur überhaupt!!!

Ich hatte mich gefragt, ob solch eine Aktion in dieser Form des gefährlichen Zunders, also in Form von Zynismus und Sarkasmus richtig ist? Denn Sprache kann auf vielen Ebenen vermitteln, Sprache kann nachhaltig wirken, Sprache kann vernichten, kann hochheben, kann aber auch Trittbrettfahrer einladen, das Wort für sich zu gebrauchen, fremd zu nutzen. Ich empfinde, das Kommunikationsmittel des Sarkasmus hat zwar mächtig viel Wirbel aufgerührt, konnte aber keinen nachhaltigen Diskurs entwickeln. 

Aber dennoch, eins steht für mich außer Frage: wir sind alle in einer persönlichen Form betroffen und ich halte es von der Bundesregierung für einen fatalen Fehler, an der stupiden und undifferenzierten Lockdown-Politik festzuhalten. Stattdessen sollte über alternative Lösungsmöglichkeiten nachgedacht werden, sollten Modellprojekte aktiv gefördert werden, denn es gibt viele gute Ideen, die es lohnt umzusetzen.

Denn Corona können wir nicht besiegen, Corona wird immer sein, aber die Pandemie können wir so überwinden! 

 Professor Elvira Dreßen, Torgau, Opernsängerin, Hochschuldozentin und Musikschuldirektorin

Schauspieler wollen spielen und nutzen jede Gelegenheit, um ins Rampenlicht zu treten. Klar, dass jeder dabei sein wollte, wenn unter anderem Ulrich Tukur und Meret Becker auf der Besetzungsliste stehen. Ich bezweifle, dass sich die Mehrzahl der Darsteller Gedanken darüber gemacht hat, was sie mit ihrer Präsentation anrichten, dass sie mit ihren  aufgesagten Texten  so viele Menschen verhöhnen und der unerträglichen Querdenkerszene in die Hände spielen.

Sie wollten zum Nachdenken anregen und hätten doch selbst erst einmal nachdenken sollen. Ein Schauspieler ist nicht automatisch schlau, nur weil er im Tatort einen Professor spielt. Auf dieses Projekt hätten wir sehr gut verzichten können. Wie gut wäre es, wenn unsere prominenten Fernsehschauspieler ihre Popularität nutzen würden, um den Menschen Mut zuzusprechen und Hoffnung zu machen in dieser schweren Zeit.“

 

Hildegard Saretz, Torgau/Berlin, Kirchenmusikerin

Ich habe bei weitem nicht alle Beiträge zur #allesdichtmachen Initiative gesehen, aber die wenigen, die ich kenne, sind ganz gut gemacht, unterhaltsam und zum Teil auch witzig. Ich kann die Schauspieler gut verstehen, die nach einem Jahr quasi Berufsverbot auf die Anfrage des Regisseurs Dietrich Brüggemann reagieren und mitmachen.

Der einen oder anderen Coronabeschränkung mangelt es ja auch an nachvollziehbarer Effizienz. Trotzdem hat uns die Politik der Bundesregierung alle erfolgreich vor einer größeren Katastrophe bewahrt.

Man merkt in den Videobeiträgen deutlich, dass keiner der Verfasser einen schweren Verlauf von Covid-19 aus der Nähe erlebt hat, geschweige denn um einen Verstorbenen trauert.

Es ist ja nicht nur der Tod, den es zu verkraften gilt, sondern auch die Bedingungen der Pandemie, einen Angehörigen so allein sterben lassen zu müssen. Angesichts dieser Tragödien hätte man die Videos nicht drehen dürfen.

Unglücklicherweise hatte die Aktion #allesdichtmachen die zeitliche Nähe zum Gedenktag für die Coronatoten am 18. April, schlechter hätte der Termin nicht sein können.

Und trotzdem ist es gut und wichtig, dass unsere pluralistische Gesellschaft solche Aktionen aushalten kann, selbst wenn sie auch noch den Querdenkern Argumente liefert.

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