Dienstag, 27. Juli 2021
Dienstag, 18. Mai 2021

Erst an der Grenze zu Polen wieder aufgewacht

Ex-Schiedsrichter Eberhard Sowa mit der Broschüre "Neunzig Minuten und mehr – Ein Schiedsrichter erzählt", herausgegeben von Heiko Wittig.

Von unserem Redakteur Thomas Manthey

Die Story von Ex-Schiri Ebenhard Sowa über ein besonders Freundschaftsspiel - aus der Broschüre "Neunzig Minuten und mehr - Ein Schiedsrichter erzählt.

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Fußball. Er gehörte mit zu den besten Fußball-Schiedsrichtern, die der Altkreis Delitzsch hervor gebracht hatte. Auch im Spielkreis Torgau hatte er sich ob seiner Übersicht und Umsicht sowie aufgrund seines Umgangs mit Spielern, Trainer, Funktionären und Fans einen guten Namen gemacht. Er wurde für seine Qualität geschätzt und war geachtet. Er übernahm Verantwortung und leitete auch brisante Spiele: Heiko Wittig aus Löbnitz. 

Nach Beendigung seiner Schiedsrichter-Laufbahn wechselte Wittig, der von Beruf Lehrer ist, 1990 in die Politik. Aktuell ist der Löbnitzer als Fraktionsgeschäftsführer bei der SPD angestellt und wirkt seit 2008 als Fraktionsvorsitzender aktiv im Kreistag Nordsachsen mit.

Regelmäßig trifft sich der heute 54-Jährige mit alten Sportfreunden und ehemaligen Schiedsrichter-Kollegen. Und auf diesen Treffen schwelgen die Teilnehmer schnell in Erinnerungen und macht die eine oder andere Episode die Runde. Alsbald kam den Schiedsrichter-Kumpels die Idee“Das alles müsste mal in einem Buch zusammengefasst werden“. Gesagt, getan! Aus Erinnerungen seiner Schiedsrichterkollegen und seinen eigenen verfasste Heiko Wittig vor rund acht Jahren die Broschüre mit dem Titel „Neunzig Minuten und mehr – Ein Schiedsrichter erzählt“. Darin beschreibt der 54-Jährige Spielsituationen, Handlungen sowie Geschehnisse auf und neben dem Fußballplatz, allesamt erlebt von befreundeten Schiedsrichter-Kollegen.

Die erste Episode widmet der Löbnitzer dem ehemaliger Bezirksliga-Schiedsrichter Eberhard Sowa aus Torgau. Wittig beschreibt Sowas Erlebnisse im Zusammenhang mit einem hochrangigen Freundschaftsspiel in Leipzig. 

Zu DDR-Zeit war es so üblich, dass sich Leipzigs Mannschaften während der Leipziger Messe zu Freundschaftsspielen internationale Gäste einluden. Während einer der Leipziger Frühjahrsmessen wurde Sowa (76 Jahre) als Schiedsrichterassistent, damals hieß dieser noch Linienrichter, im Spiel Chemie Leipzig gegen Gornik Zabrze angesetzt. 5000 Zuschauer lockte dieses Freundschaftsspiel in das ehrwürdige Stadion von Chemie Leipzig. Was dann passierte, beschreibt der beliebte und bekannte Torgauer selbst:„Da ich zu diesem Zeitpunkt noch kein Auto hatte, war ich mit dem Zug zu diesem Spiel angereist. Als der Anpfiff ertönte, ahnte ich nicht, dass ich erst 24 Stunden später wieder in Torgau eintreffen würde. Wie das bei internationalen Spielen üblich ist, gab es von Seiten der Gastgeber einen Empfang mit gut Speis und Trank. Auch wir drei Unparteiischen waren mit eingeladen. Bevor die gedeckte Tafel eröffnet wurde, tauschte man noch gegenseitig Geschenke aus. Wir Schiedsrichter wurden ebenfalls mit einem Geschenk von der polnischen Seite bedacht. Mein Tischnachbar war kein geringerer als der damalige Nationalspieler Manfred Walter. Wir hatten viel zu erzählen. Manfred über seine Einsätze in der Nationalmannschaft, ich über meine Schiedsrichter-Laufbahn. Zwischendurch ertönte immer wieder Twoje zdrowie, das Wort  Prost auf polnisch oder aber auf deutsch. So verging die Zeit. Und ich ließ einen Zug nach dem anderen nach Torgau abfahren. Als schließlich der Zeitpunkt für die letzten Zug  in Richtung Torgau um Mitternacht nahte,  ließ ich mich vom Fahrdienst der Chemiker zum Hauptbahnhof fahren. Kaum in dem Zug eingestiegen, hatte das Bier und das eine oder andere Schnäpschen für die notwendige Bettschwere gesorgt und ich schlief ein. Fest. Sehr fest! Allerdings war es dann kein Traum, als zwei polnische Zöllner mich aufforderten meinen Passport zu zeigen. Was ist hier denn los, schoss es mir durch den Kopf! Mein immer noch verschlafender Blick durchs das Fenster des Zuges klarte sich augenblicklich auf und wurde schärfer: Ich war in diesem Moment auf dem Grenzbahnhof Forst (heute Brandenburg) angekommen war. Hier war nun mal die DDR zu Ende. Schnellen Schrittes verließ ich den Zug begab mich zur Auskunft (die es damals noch gab) und brachte in Erfahrung, dass der Gegenzug in Richtung Leipzig in circa 30 Minuten eintreffen würde. Was dann auch geschah. Ein Hinsetzen im Zug in Richtung Torgau vermied ich, wollte ich doch nicht wieder Gefahr laufen einzuschlafen. Also stand ich fast die gesamte Rückfahrt. Als der Zug den Bahnhof Falkenberg/Elster passierte setzte ich mich doch wieder hin, in dem Glauben jetzt kann ja nichts mehr passieren. Doch meine Müdigkeit war stärker. Ich schlief also wieder ein, wurde wach und stellte nun fest, dass der Zug im Eilenburger Bahnhof stand. Wieder stieg ich aus, studierte den Fahrplan und hatte diesmal kein großes Glück. Neunzig Minuten musste ich warten, ehe ein Zug in Richtung Torgau eintraf. Als ich endlich zu Hause gelandet war, war es mittlerweile 9.30 Uhr. Ich brauchte einige Zeit, um meiner Frau glaubhaft zu machen, was passiert war. Drei Wochen später war Frauentag, dieser Ehrentag war in der DDR hoch angebunden. Diesen Tag nutze ich als Möglichkeit meine kleine Verfehlung wieder gut zu machen. Als ich Wochen später erneut einen Schiedsrichter-Einsatz bei Chemie Leipzig hatte, lehnte ich das alkoholische Getränk nach dem Spiel dankend ab. (Fortsetzung folgt) Eberhard Sowa/Thomas Manthey

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