Dienstag, 27. Juli 2021
Mittwoch, 26. Mai 2021

Kirche und Corona: "Insgesamt war es ein ziemlich krasser Einbruch"

Kirche in TorgauFoto: Ulrike Wolf

Ulrike Wolf

Wie geht es den Kirchgemeinden und Kirchenmitgliedern in Torgau, welche Themen beschäftigen die Gläubigen und wie gestaltet sich das Gemeindeleben während der Coronazeit? Die Torgauer Zeitung hat mit Pfarrerin Christiane Schmidt von der evangelischen Kirche und Pfarrer Bernd Schacht von der katholischen Kirchgemeinde Torgau gesprochen. 

 

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Torgau. Vor einigen Tagen haben die evangelischen und katholischen Kirchen Pfingsten gefeiert. Es ist das dritte große Fest im Kirchenjahr, nach Weihnachten und Ostern. Und auch in diesem Jahr war wegen Corona vieles nicht wie sonst, Gottesdienste wurden zwar gefeiert, aber eben im kleineren Rahmen, mit Abstandsregeln, mit Maske und ohne gemeinsamen Gesang. Wie geht es den Kirchgemeinden und Kirchenmitgliedern in Torgau, welche Themen beschäftigen die Gläubigen und wie gestaltet sich das Gemeindeleben während der Coronazeit? Die Torgauer Zeitung hat mit Pfarrerin Christiane Schmidt von der evangelischen Kirche und Pfarrer Bernd Schacht von der katholischen Kirchgemeinde Torgau gesprochen. 


Warten und Hoffen. Fürsorge und Flexibilität

Für beide Theologen galt es schnell, flexibel, aber mit Fürsorge und Bedacht auf die ständigen Änderungen während Corona einzugehen. Keine leichte Aufgabe.  Für Schmidt und Schacht heißt es derzeit immer noch warten und hoffen, dass wieder mehr Begegnungen im größeren Rahmen möglich sind, dass Chöre, Gesprächskreise, die Kinderkirche und Konfirmationsgruppen sich wieder begegnen können. Viele Gemeindemitglieder haben sich lange nicht mehr gesehen. Die Nachrichten über die Coronapandemie verfolgen beide aufmerksam. Es sei ein ständiges Hoffen und Bangen, sagt Pfarrer Schacht. Worüber sich beide Sorgen machen? Nach vielen Unterbrechungen des Sonntagsgottesdienstes und beispielsweise des Religionsunterrichtes befürchtet Schacht, dass das Gemeinschaftsleben auch nach den Lockerungen nicht wieder zurückkehrt wie vorher. Über die Coronazeit sagt er: „Es war ein unübersichtliches Hin und Herr. Erst wurden Gottesdienste ausgesetzt, zwischendurch wieder gefeiert. Insgesamt war es ein ziemlich krasser Einbruch.“ Eine schwierige Zeit, in der neue Wege gefunden werden mussten. „Wie für viele andere auch, sind die Kontaktbeschränkungen die schmerzlichste Folge der Pandemie für unsere Gemeinde. Wir Mitarbeiter in den Kirchengemeinden der Region haben versucht, möglichst viele Gemeindeglieder auf verschiedenen Wegen zu erreichen, also per Briefkasten oder auch über unsere neue Internetseite lichtmomente-region-torgau.de.“, berichtet Christiane Schmidt. Unter Berücksichtigung der Hygienemaßnahmen organisierte Sie die Gottesdienste an den Sonntagen. Der Gottesdienst, für gläubige Menschen ein wichtiger Bestandteil des Lebens, der laufenden Woche. Ein Ritual, dass nicht einfach wegbrechen sollte.


Mehr Gesprächsbedarf, mehr Einsamkeit

Corona brachte Verunsicherung, Not, Krankheit und vermehrten Gesprächsbedarf. Für Pfarrer Schacht war es schmerzlich, dass seine Besuche im Krankenhaus und in Pflegeheimen unmöglich wurden. Und: „Auffällig war für mich, dass wiederholt Menschen mit psychischen Störungen zu uns in die Gemeinde kamen und Hilfe suchten. Sie hatten alle Vorgänge und Vorgaben rund um die Corona-Pandemie gar nicht verstanden und fühlten sich zusätzlich verunsichert und allein.“, so der Seelsorger. Schacht stellt eine Spaltung der Menschen fest: Auf der einen Seite gibt es diejenigen, die erfolgreich neue Möglichkeiten suchen und praktizieren und auf der anderen Seite Menschen, die in ihrer Schwäche allen Nachteilen und Einschränkungen hilflos ausgeliefert sind. Bernds Schacht vermisst die Solidarität, das Miteinander.
Corona brachte dringenden Gesprächsbedarf. Generell wollten und wollen die Menschen sich mehr austauschen als vor der Pandemie. „Es gab viel Bedarf, über die Sorgen, Ängste und Probleme, über die Unsicherheit und die erzwungenen Veränderungen im Lebenslauf zu reden.“, erklärt Pfarrerin Schmidt. „Es gab auch vermehrt das Gefühl der Einsamkeit und natürlich, wie sonst auch, Gespräche im Zusammenhang mit Krankheit und Sterbefällen.“, so Schmidt weiter. Im Coronajahr gab es in ihrer Gemeinde keine einzige Hochzeit, etliche Taufen wurden aufgeschoben und die Konfirmationen ins nächste Jahr verlegt.


Viele Telefonate und Online-Konferenzen

Gespräche, ein Vorbeikommen im Gemeindebüro, sich austauschen- schwer möglich. Stattdessen wurde viel übers Telefon kommuniziert. Christiane Schmidt spricht von positiven Neuentdeckungen im digitalen Bereich für Ihre Arbeit:  “Gemeindekirchenratssitzungen via Telefonkonferenz oder Zoom-Meetings sind inzwischen Routine geworden.“, sagt sie erfreut. 
„Es gab eine große Regsamkeit sowie Gebete oder Gottesdienste am Computer, also im Internet.“, stellt auch Pfarrer Schacht fest. Er ist davon überzeugt, dass die geknüpften Kontakte sich erhalten und ein bleibender Gewinn für seine Gemeinde sind. „Außerdem waren die Online-Konferenzen sachlicher und zielgerichteter“, resümiert Schacht. 
Trotz der vielen Schwierigkeiten betont Pfarrerin Schmidt ihre positiven Erlebnisse der vergangenen Zeit. „Die Festwoche der Kirchenmusik kurz nach der ersten Welle mit wunderbaren Konzerten und der Verabschiedung unseres Kantors in den Ruhestand“, nennt sie dabei.  Schön sei auch die große Gruß-Aktion zu Ostern 2020 gewesen. Überall im Stadtgebiet waren die Sonnenblumengrußkarten zu finden, freut sich die Theologin.

 

Kirchenaustritte auch in Torgau? 

Verlorengegangenes Vertrauen, die Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch. Immer wieder ist die Katholische Kirche in den Schlagzeilen. Mehr Kirchenaustritte werden gemeldet. Doch gilt das auch für Torgau? „Das Prinzip kann ich für Torgau nicht ganz bestätigen. Manchmal gibt es kurzfristige Wellen von Kirchenaustritten, scheinbar aufgrund von tagesaktuellen Meldungen über die Kirche.“ erklärt Katholik Schacht. Was Corona letztendlich bewirkt hat, kann er noch nicht abschließend sagen. „Es kann eine Lockerung der Kirchenbindung bewirken, aber vielleicht auch eine größere Sehnsucht nach geistlicher Gemeinschaft.“, meint Schacht. Auch Pfarrerin Schmidt hat darüber nachgedacht. „Es gibt wohl sehr verschiedene Gründe, aus der Kirche auszutreten. Generell kann man sagen, dass meist Menschen diesen Schritt tun, die sich innerlich längst von ihrer Kirche verabschiedet haben. Junge Leute tun es oft auf Anraten ihres Steuerberaters, wenn es bei der Steuererklärung um Einsparmöglichkeiten geht.“ sagt Schmidt. Aber auch ein akutes Ärgernis, wie zum Beispiel einzuhaltende Gestaltungsvorschriften auf dem Friedhof würden zu Austritten führen, berichtet Schmidt. Aber: „In Torgau gab es bisher keine großen Austrittswellen.“, so die Pfarrerin. „Am traurigsten bin ich, wenn junge Menschen, die ich erst vor kurzem konfirmiert habe, die Kirche verlassen.“, sagt Schmidt. Laut dem Ratsvorsitzenden der EKD, Heinrich Bedford-Strohm, sind im vergangenen Jahr deutlich weniger Menschen aus der evangelischen Kirche ausgetreten als 2019. „Krisenzeiten sind immer Zeiten, in denen die Menschen Halt und Hilfe suchen, auch in der Kirche bzw. im Glauben. Zuspruch und Orientierung, Bewahrung und Hilfe waren gefragt, die die Bibel uns durch Gottes Wort und seine Gnade verspricht.“ so Schmidt. Wäre die Corona-Pandemie auch eine Chance gewesen, mehr Kirchenmitglieder zu gewinnen? Schmidt sagt dazu, dass es in Zeiten von Kontaktbeschränkungen eben schwierig sei, fremde Menschen zu erreichen und einzuladen. Mit den digitalen Angeboten habe man aber Menschen erreicht, die man analog nie getroffen hätte. 


Gebete, Musik und Inspiration auf neuer Webseite 


Das Thema Corona hält Theologin Schmidt in Atem. Sie mache sich Sorgen über die Lage im Land: „Über die Leichtgläubigkeit vieler Mitmenschen, die den „geteilten“ Meldungen in den „sozialen“ Medien mehr Glauben schenken als versierten Wissenschaftlern.“ Und darüber, dass womöglich nach Corona die alten Probleme bleiben: die schlechte Bezahlung von Pflegekräften, der Druck in den Krankenhäusern, Personal zu sparen oder die mangelhafte digitale Ausstattung von Schulen.
Miteinander in Kontakt bleiben, verbunden mit den Gemeindemitgliedern sein. Das ist beiden Kirchen in Torgau wichtig. Auf der Internetseite lichtmomente-region-torgau.de sind alle Interessierten eingeladen, sich von Gebeten, Andachten, Musik und Gedanken aus der Region Torgau inspirieren zu lassen. Pfarrerin Schmidt ruft dazu auf, sich aktiv an der Gestaltung der Seite zu beteiligen. 
 

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