Mittwoch, 23. Juni 2021
Dienstag, 1. Juni 2021

"Wir wollen, dass Gespräche  in Gang kommen, wollen etwas schaffen, das sichtbar bleibt"

Ulrike Wolf

Torgau. Philipp Kienast und das Team der Freiraumgalerie Halle (Saale) erarbeiten ein Kreativ-Konzept für Torgau-Nordwest. 

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Der Torgauer Stadtteil Nordwest soll aufgewertet und lebenswerter werden.

In der letzten Stadtratssitzung am 19. Mai wurde auch der Wunsch nach einem langfristigen Konzept für das sogenannte Problemviertel laut. Die Stadt setzt in einem ersten Schritt auf Bürgerbeteiligung. Aktuell läuft online und in Papierform eine Umfrage, an der sich alle Bewohner von Torgau beteiligen können. „Nur wenn wir wissen, wo die Probleme liegen, können wir etwas gegen diese unternehmen“, sagte Oberbürgermeisterin Romina Barth zum Start der Umfrage. Diese entstand in Zusammenarbeit mit der „Freiraumgalerie – Kollektiv für Raumentwicklung“ aus Halle an der Saale. Im TZ-Interview stellt sich der 32-jährige Philipp Kienast vor und erläutert, wie die Freiraumgalerie die Stadt bei einem Konzept für Nordwest helfen kann.

Herr Kienast, wie würden Sie sich den Lesern der Torgauer Zeitung bzw. den Bewohnern von Torgau- Nordwest vorstellen?

Ich bin Philipp Kienast, gebürtiger Hallenser und bin einer der Akteure der Freiraumgalerie; insgesamt sind wir ein Team aus fünf Personen. Die Freiraumgalerie ist kein klassisches Planungsbüro, wie zum Beispiel in der Architektur oder Gebäudeplanung, sondern wir sind ein fachübergreifendes Team, zu uns gehören zum Beispiel Künstler und Pädagogen. Unser kreatives          Planungsbüro beschäftigt sich mit drei Hauptthemen: Kunst im öffentlichen Raum, Stadt- und Quartierentwicklung sowie   urbane Bildung. Wir sehen den öffentlichen Raum als Gestaltungsfläche und setzen bei unserer Arbeit auf Bürgerbeteiligung.

Sie selbst bringen sich im Team der Freiraumgalerie vielfältig ein …

Ich habe Englisch, Politik und International Area Studies studiert, ein interdisziplinärer Studiengang. Ich komme damit ursprünglich aus der Geografie, arbeite für die Projekte der Freiraumgalerie, aber auch für das Quartiersmanagement Silberhöhe, ein Stadtteil im Süden von Halle, der aus Plattenbauten besteht. In der Freiraumgalerie bin ich unter anderem für das Projektmanagement und die Öffentlichkeitsarbeit zuständig.

Zu Torgau-Nordwest: Aktuell läuft die Umfrage, was den Bürgern an ihrem Stadtteil gefällt und was sie gern verändern würden. Nach Auswertung der Umfrage ist eine Lichtinstallation im Gespräch. Wissen Sie schon wann und wo?

Ich kann das noch nicht verbindlich sagen, das hängt auch von den Ergebnissen der Umfrage ab. Die Online-Umfrage hatte sich die Stadt gewünscht, sie ist für die Erstellung unseres Kunst- und Beteiligungskonzepts relevant. Im vergangenen Jahr gab es dazu mit der Stadtverwaltung und unter anderem mit Stefanie Kasubke, Präventionsbeauftragte für den Stadtteil Nordwest, den Bürgerpolizisten des Polizeireviers Torgau und mit Barbara Winkelmann vom Jugendcafé Chillout Gespräche, einen Workshop im Stadtteiltreff.

Wir erarbeiten ein Konzept für verschiedene Interventionen und Szenarien, darunter ist eine Lichtinstallation oder ein ähnliches Projekt eine von vielen Möglichkeiten. Für Juli ist auf jeden Fall ein „Stadtatelier“ in Nordwest geplant: An einer Wand im Stadtteiltreff sollen die Ergebnisse und Aussagen der Umfrage dargestellt werden. So etwas heißt „Graphic Recording“: was die Menschen sagen, wird verbildlicht. Das kann sich am ganzen Aktionstag immer wieder verändern, es wird übermalt, ergänzt und vor allem: festgehalten.

Welche Aktionen wird es noch geben?

Unsere Teilnahme an einem Stadtteilfest während der Interkulturellen Woche – wenn es die Pandemie zulässt. Es ist alles noch in der Planung, das Stadtatelier im Juli wird auf jeden Fall umgesetzt. Die aktuelle Umfrage wird bis Juli laufen, wir werden diese gemeinsam mit der Stadt auswerten. Unsere Leistung ist dabei ein Gesamtkonzept für den Stadtteil zu erstellen, verschiedene Szenarien aufzuzeigen, die dann möglicherweise von der Freiraumgalerie oder anderen Akteuren weiter umgesetzt werden. Bis August soll unser Konzept stehen. Wir haben viele Ideen gesammelt, zum Beispiel Orte für Aufenthaltsmöglichkeiten für Jugendliche, Sitzmobiliar für den öffentlichen Raum, eine Graffitiwand. Zwei zusätzliche Mitarbeiterinnen haben wir dafür, darunter eine Produktdesignerin, die uns bei der visuellen Umsetzung unserer Ideen hilft.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Gestaltung öffentlicher Räume?

Unser großes Referenzprojekt im Bereich Stadtentwicklung und Kunst im öffentlichen Raum ist der Hallenser Stadtteil Freiimfelde, aber auch Halle-Neustadt. Im Bereich Quartierentwicklung ist Torgau-Nordwest unser erstes Referenz-Projekt außerhalb von Halle, wir freuen uns sehr darauf.

Wie entstand der Kontakt zur Stadt Torgau?

2019 hatte uns die Stadtverwaltung kontaktiert. Man kannte unsere Referenzprojekte aus der Medienberichterstattung.

Wie kann Kunst im öffentlichen Raum Kriminalität, Stigmatisierung und zwischenmenschlichen Problemen entgegenwirken?

Kunst im öffentlichen Raum ist ein starkes Mittel in der Stadtentwicklung, aber kein Allheilmittel. Es braucht immer auch Akteure und Offizielle vor Ort, um komplexe Probleme zu klären. Kunst kann allerdings schnell Veränderungen sichtbar machen, kann Meinungen und Inhalte von Zielgruppen darstellen, die sonst nicht gehört werden. Egal ob Halle oder Torgau: Farben erzeugen Aufmerksamkeit, Kunst ist ein Kommunikationsimpuls, man kommt ins Gespräch, es entstehen klare und direkte Meinungen. Oder man lernt, sich eine Meinung zu bilden, man wird gehört. Das ist unsere Idee des Stadtateliers. 

Was ist in Nordwest Ihr konkretes Ziel?

Wir wollen, dass Gespräche in Gang kommen, wollen etwas schaffen, das sichtbar bleibt.

Die Menschen sollen sich mit dem öffentlichen Raum und ihrer Nachbarschaft positiv identifizieren können. Wir wünschen uns, dass die Bewohner von Nordwest uns ihre Meinung, ihre Wünsche sagen. Wir wollen sie mit unserem Konzept ein Stück weit abholen.

 

Seit fast drei Wochen läuft die Umfrage. Über 100 Bürgerinnen und Bürger haben sich online derzeit daran beteiligt. „Ein tolles Feedback“, freut sich Philipp Kienast. „Wir hoffen, dass noch viel mehr Menschen die Chance in der Umfrage sehen, sich an der künftigen Gestaltung des Stadtteils zu beteiligen“, sagte Oberbürgermeisterin Romina Barth. 

Die Umfrage kann man online unter https://survey.lamapoll.de/Online-Umfrage-Torgau-Nordwest-1/ finden. Gedruckte Umfragebögen liegen aber auch im Rathaus an der Pforte sowie im Stadtteiltreff in Nordwest aus. 

Die Freiraumgalerie plant, die Fragen in andere Sprachen, zum Beispiel ins Slowakische, Bulgarische, Ungarische oder Rumänische zu übersetzen. Die Anregung dazu kam von Franziska Fischer vom DRK Torgau, die als Migrationsberaterin in Nordwest arbeitet. Von der Umfrage hängt ab, wie es beim Thema Stadtentwicklung in Nordwest weitergeht.


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