Mittwoch, 23. Juni 2021
Mittwoch, 2. Juni 2021

Zu wenig Lehrlinge im Bäckereihandwerk

Damit seine Kunden morgens frische Brötchen haben muss Bäckermeister Michael Füchsel zeitig aufstehen. Foto: Ulrike Wolf

von unserer Redakteurin Ulrike Wolf

Torgau. Der Torgauer Bäckermeister Michael Füchsel spricht über mögliche Gründe des Nachwuchsmangels.

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?Mit großen Handschuhen zieht Bäckermeister Michael Füchsel ein Blech mit Brötchen aus dem Ofen. Heute ist er ohne seinen Sohn Maximilian in der Backstube, denn im Moment ist der 32-Jährige in Leipzig, drückt nochmal die Schulbank, Endspurt in Sachen Meisterprüfung zum Bäcker. Zurzeit steht Betriebswirtschaft und Personalführung auf dem Stundenplan.

Michael Füchsel hatte sich so langsam mit dem Gedanken abgefunden, nach und nach die Bäckerei aufzugeben und in einigen Jahren in den Ruhestand zu gehen. Eines Tages stand Maximilian vor ihm: „Wir können die Bäckerei doch nicht einfach zumachen“, sagte der junge Mann, der bereits Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftswissenschaften studiert hat. „Da war ich überrascht, ich hatte ihn nie dazu gedrängt, das Geschäft zu übernehmen“, erklärt der 60-jährige Michael Füchsel. Der Bäcker ist froh, ohne sein Sohn sehe es personell schlechter aus. Während Corona sowieso, denn zwei Mitarbeiter fielen zeitweise aufgrund einer Infektion mit dem Virus aus.

Zu wenig Azubis in Nordsachsen

In Nordsachsen arbeiten laut Arbeitsagentur rund 440 Frauen und Männer in Bäckereien, unter ihnen 17 Azubis. Nur 17 Lehrlinge. Laut Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, Region Leipzig-Halle-Dessau, hat die Branche, wie viele andere auch, große Schwierigkeiten, genug Nachwuchs für die Arbeit in der Backstube zu finden. Michael Füchsel macht sich Sorgen, dass es in der Region Torgau immer weniger Jugendliche gibt, die sich für den Beruf des Bäckers entscheiden. Warum das so ist, darauf hat er Antworten gefunden: „Nicht jeder kommt damit klar, nachts oder in den frühen Morgenstunden zu arbeiten, wenn andere noch im Biergarten sitzen oder feiern sind. Für Viele wäre damit die Lebensqualität in Frage gestellt.

„Ich fange oftmals schon vor Mitternacht an, den Sauerteig vorzubereiten, gegen 1.30 Uhr ist dann der Teig für Brötchen und Brot dran. Der Kuchen ist sogar schon im Ofen zu dieser Zeit“, berichtet der erfahrene Bäcker Füchsel. Gegen 5 Uhr muss alles fertig sein, denn da öffnet die Hauptfiliale in der Holzweißigstraße in Torgau und die Leute, die aus der Nachtschicht kommen, warten bereits auf ihre warmen Brötchen. Gegen 5:30 Uhr beliefert der Bäckermeister dann die zwei Filialen in Torgau Nordwest und Süptitz. Manchmal kommt Michael Füchsel erst gegen Mittag zur Ruhe und hat Pause. Jedoch sagt der Bäckermeister auch, dass seine treuen Mitarbeiter ihm sehr viel Arbeit abnehmen. So gibt es freilich auch Tage, an denen er nicht so viel in der Backstube steht und sich um Organisatorisches kümmern kann: „Ich bin sehr froh, ein gutes Team zu haben, ich kann mich zu 100 Prozent auf meine Leute verlassen“, sagt Füchsel stolz.

Krisenfest, familiär und kreativ

Kennen junge Menschen noch „normales“ Arbeiten in einem Handwerksberuf? „Der Jugend wird viel vorgegaukelt in den sozialen Medien. Sie wollen lieber Influencer sein, oder Dinge tun, bei denen man chic rüberkommt, aber dies entspricht nur sehr selten der Realität “, sagt Füchsel. Bei den vielen schwierigen Bedingungen des Bäckerberufes sei aber zu bedenken, dass es auch viele Vorteile gibt. „Unsere Branche ist krisenfest und man kann seine kreative Seite ausleben“. Ein weiterer Vorteil: da die Bäckereibetriebe oft kleine oder mittelständische Unternehmen sind, geht es familiär zu. „Wir reden miteinander und ich kümmere mich um meine Mitarbeiter “, betont Füchsel.

Geht man als Jugendlicher in einen Handwerksberuf oder nicht? Michael Füchsel hatte im Februar 1986 nach dem Tod seines Vaters nicht viel Zeit zum Nachdenken, er übernahm die Bäckerei, weil es weitergehen musste. „Damals war ich 25 Jahre alt und bin ins kalte Wasser gesprungen“, erinnert sich der 60-Jährige.

Beratungsangebote der Handwerkskammer nutzen

„Ob der Bäckerberuf das Richtige ist, kann man nur über ein Praktikum herausfinden“, sagt Kerstin Klage, Ausbildungsberaterin der Handwerkskammer zu Leipzig, die in Torgau ihr Büro hat. Sie ist mit ihren Beratungsangeboten für Schüler und auch für Eltern da, wenn es um die Berufswahl geht. Sie informiert zum Beispiel über den Ausbildungsablauf und Ausbildungsinhalte, über gesetzlich geregelte Arbeitszeiten für Minderjährige oder zur Ausbildungsvergütung. „ Es gibt einen allgemeinverbindlichen Tarif für Bäcker und Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk, aktuell sind es im 1. Lehrjahr 645 Euro, im zweiten 720 Euro und im dritten Lehrjahr 850 Euro, hinzu kommt der Zuschlag für Nachtarbeit und die Feiertagszuschläge“, erläutert Klage und fügt hinzu: „ Das Gehalt ist es nicht, wer Bäcker werden will braucht Leidenschaft für diesen Beruf “. Kerstin Klage ruft dazu auf, zum Beispiel die Berufsinformationstage zu nutzen. „Dabei stellt die Wirtschaft Praktikumsplätze zur Verfügung, stundenweise können Jugendliche vorbeikommen oder einen ganzen Praktikumstag in einem Betrieb verbringen“, erläutert die Ausbildungsberaterin.

Das Projekt wird durch die Mitglieder des Arbeitskreis SCHULEWIRTSCHAFT Torgau und durch das Landratsamt Nordsachsen organisiert. Klage appelliert aber auch an die Unternehmen: „Je mehr Betriebe sich daran beteiligen umso besser ist es “ und ruft auch Bäcker dazu auf, Praktika anzubieten. Für alle Jugendlichen, die Fragen zur Bäckerausbildung haben: Kerstin Klage hilft gern weiter und ist in Torgau unter der Telefonnummer 03421-902417 zu erreichen. „Ich kann zeigen, welche Ausbildungsmöglichkeiten es in der Region gibt, denn die Jugendlichen sollen doch in der Region bleiben“, sagt Klage abschließend.


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