Dienstag, 3. August 2021
Montag, 7. Juni 2021

"Die Kinder sind die Verlierer der Pandemie"

Ulrike Wolf

Corona, LAGA-Vorbereitung und Torgau-Nordwest. Ein Interview mit FDP-Stadtrat Peter Nowack

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Herr Nowack, was wünschen Sie sich bei der Vorbereitung der LAGA, was wünschen Sie sich von den Akteuren? Und was soll für Torgau bleiben, Stichwort Nachhaltigkeit?


 Wir vom Johann-Walter-Gymnasium haben uns als Schule der Stadt mit Kultur und Auftritten dafür engagiert, dass Torgau die LAGA bekommt. Jetzt haben wir sie und ich bin darüber sehr froh. Es wird landschaftsgestalterisch und kulturell viel entstehen, was nachhaltig sein wird, was bleibt. Meine große Sorge ist, dass wir (es) nicht alle Baumaßnahmen, alle Vorbereitungen bis April 2022 schaffen werden. Es gibt viel zu tun, ich hätte mir auch vorstellen können, die LAGA um ein Jahr zu verschieben. Als FDP-Stadtrat hätte ich mir gewünscht, dass die Lose zu den Bauausschreibungen kleiner gewesen werden. Insgesamt gibt es 25 Millionen Euro Fördermittel. Bei den Ausschreibungen ging es um Baumaßnahmen in Millionenhöhe, da bewirbt sich kein kleines Unternehmen wie beispielsweise ein Gartenbaubetrieb mit 10 Mann. Die Handwerker der Region haben da nicht viel davon.


Stichwort Baumaßnahmen, was sind Ihre Gedanken zum Thema Bahnhof?


Die Stadt und die Stadträte haben dazu so viele Diskussionen und Sitzungen geführt, so viel Energie reingesteckt. Am Ende werden die Zweifler sagen: Gut, dass wir den abgerissen haben. Und ich sage, es ist gut, dass wir einen neuen Bahnhof bauen, aber: er kommt an die falsche Stelle. Die Bahn verlegt den Bahnsteig um 200 Meter nach Osten, in die Nähe des Busbahnhofes. Also Haltepunkt und Bahnhofsgebäude liegen auseinander. Das wird gerade für ältere Bürger oder Fahrgäste mit Behinderungen ein Problem.


Kommen wir zum Thema Kriminalitätsstatistik. Sie sagten in der letzten Stadtratssitzung am 19. Mai das aufgrund von Corona, die Schulen dicht waren und somit nicht so viele Räder geklaut wurden. Ist die Kriminalitätsstatistik wegen Corona anders zu bewerten und ist Fahrraddiebstahl an Torgaus Schulen ein Thema?


Hinfällig ist die Statistik natürlich nicht. Sie ist sogar sehr aussagefähig, wenn man die Zahlen richtig interpretiert. Es ist aber eine logische Schlussfolgerung, wenn Schulen dicht sind, keine Schüler da sind und weniger Bürger mit dem Zug unterwegs sind, auch weniger Fahrräder geklaut werden. Wir haben an unserem Gymnasium in den letzten Jahren einiges getan dafür, dass die Räder unserer Schüler besser gesichert sind, dass die Zahlen rückläufiger werden. Warum werden Fahrräder in Torgau gestohlen? Es geht um Drogenbeschaffungskriminalität, da sind Banden unterwegs. Mit dem Bolzenschneider geht es über den Zaun, es werden ganze Räder oder Einzelteile zum Wiederverkauf gestohlen. Das passiert nicht täglich, aber es passiert.

Im letzten Stadtrat sagten Sie beim Thema Schulen und soziale Arbeit:  "Die Kinder sind die Verlierer der Pandemie". Was hätte im Bereich Bildung besser gemacht werden müssen?


Was das Sächsische Kultusministerium gemacht hat, waren die richtigen Schritte, um der Pandemie entgegenzuwirken und am Ende war selbst Kultus nicht mehr Herr des Verfahrens. Aber ich sehe da ein gesellschaftliches Problem: Während Corona spielten die Öffnung von Baumärkten, der Bundesliga, Biergärten und Bordellen eine größere Rolle als die Bildung. Diese ewige Hin und Her. Die Schulen wurden am 14. Dezember 2020 dichtgemacht, bis jetzt sind diese noch nicht vollständig offen, das ist ein enorm langer Zeitraum. Für die Kinder und Jugendlichen sind viele inhaltliche und erzieherische Dinge, das Miteinander, verloren gegangen. Kinder aus intellektuellen Haushalten kamen mit dem Home Schooling gut klar, haben sogar Fortschritte gemacht, aber das ist nicht nie Mehrheit. Ich merke die lange Schulschließung meinen Schülern an: Sie reden weniger Miteinander. Lassen die Köpfe hängen. Die soziale Komponente der Schulen ist in den Hintergrund getreten, wir werden Jahre brauchen das wieder aufzuholen. Der Wegfall von Sport, Freizeitaktivitäten, keine Freunde treffen. Für Kinder ist das wie ein Kriegszustand. In der öffentlichen Diskussion sind zu den Baumärkten, den Biergärten, der Bundesliga und den Bordellen die Frisöre noch aufgenommen worden, aber die Kinder blieben zu oft außen vor. Wir haben in der letzten Zeit 8.000 Corona-Test an der Schule gemacht und hatten nicht einen positiven Fall. Wenn ich es hätte ändern können, hätte ich gesagt: Lasst uns Schule machen! Kitas, Schulen, Uni´s: alles wurde radikal geschlossen. Ich hätte das gern anders gelöst und die Elternhäuser entlastet. Wenn es an den Schulen keine positiven Fälle gab, dann hätte man auch mit Insellösungen arbeiten können, wir schließen nur dort, wo vermehrt positive Fälle auftreten. Wenn in der Bundesliga ein Spieler positiv getestet wurde, kam nicht die gesamte Mannschaft in Quarantäne oder die Liga wurde abgebrochen.   


Was wünschen Sie sich langfristig gesehen für die Entwicklung in Nordwest?


Die Situation in Nordwest ist nicht zufriedenstellend. Ich wünsche mir, dass Nordwest sozial umstrukturiert wird, dass es mehr Ordnung und Sauberkeit gibt und das der Stadtteil weg von Drogenkriminalität und Sachbeschädigung kommt. Wir haben in Nordwest einen starken Anteil an EU-Bürgern, die hier in der Region arbeiten und ausgesiedelte Russlanddeutsche. Ich möchte auf keinen Fall alle über einen Kamm scheren, aber die größte Problemgruppe sind die Menschen, die in den letzten Jahren dazugekommen sind. Das Thema soziale Arbeit in der letzten Stadtratssitzung war gut. Alle wurden über Themenfelder und Probleme informiert. Ich hätte mir aber gewünscht, dass es dazu einen Extra-Stadtrat gegeben hätte, da andere Tagesordnungspunkte danach ins Hintertreffen geraten waren.


Wenn morgen Bundestagswahl wäre, was würden Sie als FDP-Stadtrat den Torgauern auf dem Weg zum Wahlgang sagen, die noch unschlüssig sind?


Ich glaube, dass die Grünen, wenn sie die Chance haben, mit Hilfe von SPD und Linken an die Macht zu kommen, diese auch ergreifen werden. Ich hoffe, dass ich das nicht erlebe. Ich bin der Meinung, dass viele Menschen hier in der Region eine Grün-Rot-Rot-Regierung nicht wollen. Jeder Wähler hat es mit seiner Stimme im September in der Hand. Vielleicht wird die FDP auch das Zünglein an der Waage sein. Im Moment ist bereits Wahlkampf in der Bundespolitik und viele Themen werden angesprochen. Ich habe eine Bitte: Lasst uns nicht erst über Bildung reden, wenn Bundestagswahlen anstehen.


Was beschäftigt Sie im Moment als FDP-Stadtrat noch, welche Themen gibt es für Sie? 


Das Thema Jagdmanagement, das neulich im Stadtrat von der Tagesordnung gestrichen wurde und das Thema Jugendparlament. Dies ist leider gescheitert, aber es gibt junge Leute die daran festhalten und sich zu einem Jugendforum zusammengetan haben und weiterarbeiten wollen. Das macht Hoffnung. Aber auch, wie wir nach der langen Coronazeit den Tourismus in die Stadt zurückholen können und wie wir Torgau zu einer Kulturstadt mit Kunst, Konzerten und Lesungen entwickeln. Es stellt sich die Frage: Was wird mit dem Kulturhaus, wenn eine neue Spielstätte aus finanzieller Sicht in weiter Ferne liegt. Und: Wir brauchen für Sport und Freizeit dringend einen Kunstrasenplatz, eine neue Turnhalle in Nordwest und mehr Hallenkapazitäten für Schulen und Vereine. Die Sportstätten sind in den letzten zwei Jahrzehnten in ihrer Bedeutung vernachlässigt worden.

Herr Nowack, ich bedanke mich für das Gespräch.

Interview: Ulrike Wolf
 

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