Montag, 21. Juni 2021
Freitag, 11. Juni 2021

Sabine Lehmann: "Sehnsucht und Freiheit"

Sabine Lehmann: „Die Schüler in Falkenberg haben ihre Störche Erna und Helmut getauft.“ Foto: SWB/HL

Von unserem Redakteur

Sabine Lehmann über ein Stück Hoffnung, Revierkämpfe und eine Duschkabine

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Falkenberg.  Im SonntagsWochenBlatt-Gespräch erklärt Sabine Lehmann,  seit 2015 Weißstorch-Beauftragte im Altkreis Herzberg, warum sie die Arbeit mit Störchen glücklich macht.

SWB: Was fasziniert Sie an Störchen?
Sabine Lehmann:
Störche sind eindrucksvolle Vögel, die majestätisch schreiten, Ruhe und Gelassenheit ausstrahlen. Wir Menschen verbinden Sehnsucht und Freiheit mit den Störchen.


Warum?
Weil sie wegfliegen und jedes Jahr wie selbstverständlich zurückkehren. Störche machen einfach Freude, sind eine imposante Erscheinung. Die Leute warten jedes Jahr auf sie. Kommen sie wieder in ihren Horst, ist das jedes Mal wie ein kleines Stückchen Hoffnung.


Wie wurden Sie Weißstorch-Beauftragte?
Der Falkenberger Naturschutzverein „Elsteraue“, wo ich Mitglied bin, stellt immer den Weißstorch-Beauftragten. Auf Betreiben meines Onkels, Dieter Lehmann, ließ ich mich überzeugen und bin seit 2015 von der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises Elbe-Elster offiziell bestellte Weißstorch-Beauftragte im Ehrenamt.


Wie viele Horste betreuen Sie?
Zurzeit sind es 26 besetzte Horste, wo gebrütet wird, sechs Horste, die besetzt sind, wo aber nicht gebrütet wird und zwölf unbesetzte Nester von Falkenberg bis Ahlsdorf bei Schönewalde und Zühlsdorf bis Hillmersdorf.  


Was zählt zu Ihren Aufgaben?
Die Aufgaben sind vielfältiger Natur. Jedes Nest hat sogenannte Horsteltern oder Anwohner, auf dessen Grundstück sich die Nester befinden. Mit ihnen halte ich Kontakt, erhalte Informationen, pflege die Netzwerke. Des Weiteren kümmere ich mich um die Haltung, Pflege und den Neuaufbau der Nisthilfen. Zu meinen Aufgaben gehört weiterhin die jährliche Brutbestandserfassung und das Ablesen sowie die Beringung von Jungstörchen mit dem Landes-Weißstorchbetreuer im südlichen Brandenburg Holger Teichert. Auf unseren Touren zu den Horsten kommen schnell 200 Kilometer zusammen. Außerdem halte ich Kontakt zur enviaM, die uns unkompliziert Hebebühnen zur Verfügung stellt. Zudem organisiere ich den Storchentag, der letztmalig 2018 stattfand, im Naturschutzzentrum Kleinrössen. Nicht zuletzt kümmere ich mich um die Öffentlichkeits- und Pressearbeit.


Können Sie den Mythos, dass Storchenpaare ein Leben lang zusammenbleiben, aufklären?
Der Storch ist immer bestrebt, zu seinem Brutplatz, wo er mit seiner Partnerin die Jungstörche aufgezogen hat, zurückzukehren. Das gilt für Männchen wie Weibchen. Ein Pärchen findet sich, nicht weil es unbedingt der Partner aus dem vergangenen Jahr ist, sondern weil es der bekannte Brutplatz ist. Manchmal kommt es zu den berüchtigten Revierkämpfen, wo ein anderes Tier den Horst für sich beansprucht. Das sorgt für große Unruhe. Anhand der Beringung lässt sich das immer schön nachverfolgen – wer mit wem zusammen ist.


Woher kommt Ihre Begeisterung für die Natur?
Wir sind als Kinder in der Natur aufgewachsen, waren immer im Wald unterwegs, haben uns mit Tieren und Pflanzen beschäftigt. Ich wollte verstehen, wie das Leben funktioniert und finde es beruhigend, wenn es auch nach schlechten Jahren in der Natur immer wieder weitergeht.


Was hat es mit den verschiedenen Zugrouten der Störche auf sich?
Es gibt die Westzieher über Spanien, wobei einige gleich dort überwintern sowie Störche, die die Ostroute über die Türkei und Israel wählen – über 11.000 Kilometer in drei Wochen bis Südafrika zum Überwintern fliegen.


Eine phänomenale Leistung.
In der Tat. Man muss sich vorstellen, dass die Jungstörche nach zwei Monaten ihre Eltern verlassen, sich Mitte August sammeln und losfliegen, ohne die Strecke zu kennen. Das alles ist angeboren und Instinkt. Aus unserer Region ziehen die Störche größtenteils über den Osten in die Winterquartiere.


Welche Gefahren lauern unterwegs?
Strommasten und Windräder stellen große Gefahren dar. Vor Erschöpfung stürzen die Störche schon mal ins Meer, von wo aus sie nicht mehr starten können, weil der Auftrieb fehlt. Ein Drittel der Jungstörche erreichen ihr Ziel nicht und die Natur nimmt ihren Lauf.


Auch hierzulande ist es nicht ungefährlich.
Richtig. Zum Beispiel sind im Nest in Löhsten in diesem Jahr zwei Jungstörche durch das kühle und regenreiche Frühjahr erfroren.


Sie sprachen aber auch von Revierkämpfen.
Richtig. Nach einem dramatischen Revierkampf in den Abendstunden des 26. April 2021, bei dem die Störchin vom letzten Jahr ihren Brutplatz in Falkenberg samt Storchenmann erfolgreich zurückerobert hat, kehrte auf dem Nest Ruhe ein. Schon kurz darauf kam es zur erneuten Paarung. Am 6. Mai 2021 legte die Störchin das erste Ei ab und zwei Tage später das zweite. Beide Störche wechseln sich seitdem beim Brüten ab. Bei den Jungstörchen, die erst nach drei, vier Jahren geschlechtsreif werden, sind einige Rowdys dabei, die keine Rücksicht auf Verluste nehmen.


Haben Sie noch eine Anekdote auf Lager?
Jungstörche, die aus dem Nest geworfen werden und überleben, verbringen wir in die Revierförsterei nach Reddern, wo sie Revierförster Gernot Heindel mithilfe seiner Familie aufzieht und auswildert. Einmal kam ein Anruf, wo er sagte: „Lehmann I“ und „Lehmann II“ – so hatte er die Jungstörche getauft – sind erfolgreich ausgeflogen. Das macht mich glücklich.


Wie können Sie Ihre Mitmenschen für die Natur sensibilisieren?
In der Grundschule in Falkenberg klappt es dank der Webcam, die auf das Storchennest auf dem Schulhof gerichtet ist, sehr gut. Für die Kinder sind es „ihre“ Störche – sie haben sie Erna und Helmut getauft. Vielleicht färbt das Interesse auch auf die Eltern ab. Jetzt warten sie sehnsüchtig darauf, dass die Jungen schlüpfen (das Interview wurde am 7. Juni geführt; Anm. d. Red.). Wir sind guter Hoffnung.


Was bleibt zum Schluss noch zu sagen?
Ich bin den Horsteltern für die gute Zusammenarbeit und das gegenseitige Vertrauen sehr dankbar. Sie tun alles, stellen verletzte Störche schon mal in ihre Duschkabine bis zum Abtransport.

 

Webcam: www.storchennest-falkenberg-elster.de


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