Mittwoch, 4. August 2021
Dienstag, 22. Juni 2021

Haus in der Wittenberger Straße 17 in Torgau: "Keiner will es"

Von unserem Redakteur Ulrike Wolf

Es kann sich kaum noch auf den Beinen halten: Das denkmalgeschützte Haus in der Wittenberger Straße 17. Grünzeug wächst auf dem Gemäuer. Die Straße vor dem Haus ist weiträumig abgesperrt. Kein Auto kommt mehr durch. Passanten weichen auf den einen freien Fußweg aus. Das marode Gebäude droht nach hinten einzustürzen.

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Ein Gutachten wurde in der letzten Stadtratssitzung am 9. Juni von Amtsleiter für Bauordnung Andreas Gerner vorgestellt.  Oberbürgermeisterin Romina Barth (CDU) schildert die Lage so: „Die Situation in der Wittenberger Straße ist sehr verzweigt. Nach Vorlage des statischen Gutachtens droht das Haus in den öffentlichen Verkehrsraum zu stürzen, was fatale Folgen haben kann. Die Stadtverwaltung war gezwungen, sofort Abhilfe zu schaffen und die Straße zu sperren, vor allem, damit hier kein Mensch zu Schaden kommt. Die Eigentümerin wurde aufgefordert, umgehend für Sicherungsmaßnahmen zu sorgen“.

Eigentümerin: Keine finanziellen Mittel 

Das Problem: die Eigentümerin hat keine finanziellen Mittel und: „Meine Mandantin hat vor einigen Jahren versucht, das Haus abzureißen. Doch die Denkmalschutzbehörde hat bislang stets die Erteilung einer Abrissgenehmigung verweigert“, erklärt Rechtsanwalt Dr. Carsten Pagels, der die Eigentümerin des Altstadt-Hauses vertritt. Das Gebäude ist wirklich in einem desolaten Zustand, fügt Pagels hinzu. „Meine Mandantin hat versucht, das Haus zu verschenken, niemand will es, auch die Stadt nicht“, so Pagels weiter. Der wirtschaftliche Wert der Immobilie? Gleich null. Das nächste: „Auf dem Grundstück lastet noch ein Hypothek. Der Hypothekengläubiger hat Zwangsversteigerung beim Amtsgericht Leipzig beantragt“, sagt Rechtsanwalt Pagels und fügt hinzu: „Ich kann ihnen sagen was da rauskommt: Nichts.“ Eine echte Problemimmobilie also, die für Unmut sorgt. „Es ärgert mich sehr, dass es Eigentümer gibt, die ihre Immobilien verfallen lassen und nicht nur Schandflecke, sondern Gefahrenquellen in unserer historischen Altstadt schaffen“, sagt Oberbürgermeisterin Romina Barth. “Wir versuchen alle gesetzlichen Möglichkeiten vollumfänglich auszunutzen, um die Eigentümer an ihre Verpflichtungen zu erinnern. Jeder, der eine Immobilie in seinem Eigentum hat, weiß, dass Eigentum verpflichtet. Auch kann es nicht an der Tagesordnung sein, dass permanent Ämter und Behörden ersatzweise die Notmaßnahmen auf Kosten des Steuerzahlers für den einzelnen Eigentümer ausführen.“, so Barth weiter. Das alte Haus in der Wittenbergerstraße. Es ist nicht allein. Einige weitere Beispiele für Häuser mit Sicherungs-Anordnungen oder bei denen Verfahren laufen sind laut Stadtverwaltung die Dommitzscher Str. 3, direkt am Bahnhof, die Fischerstr. 10 und die alte Kaufhalle in Nordwest im Finkenweg. 

Weiteres Gutachten

In Sachen Wittenberger Straße 17 steht weiterhin Arbeit für die Stadtverwaltung an. “Wir haben daher ein weiteres Gutachten beauftragt, um die Abrissgenehmigung der denkmalgeschützten Immobilie zu erwirken. Die grobe Sicherung der Immobilie wird im statischen Gutachten mit ca. 130.000 Euro beziffert. Der Abbruch wird mit ca. 60.000 Euro geschätzt“ erklärt OBM Barth. Der Prozess werde allerdings sicher weitere 4 Wochen in Anspruch nehmen, äußerst sich Romina Barth gegenüber der Torgauer Zeitung. „Auch wird der Stadtrat dann über weitere Maßnahmen zu beschließen haben, da für solche Projekte keinerlei Gelder im Haushalt eingeplant sind“, fügt sie hinzu. „Auch wenn mir die Situation völlig missfällt und ich den Unmut der unmittelbar betroffenen Nachbarn und Gewerbetreibenden sehr gut verstehen kann, sind der Stadtverwaltung für schnelle unbürokratische Maßnahmen die Hände gebunden. Ich kann allerdings versichern, dass die Lösungsfindung in der Stadtverwaltung sehr hohe Priorität hat und diese Immobilie nahezu täglich Gesprächsthema ist“, sagt Barth.

Nicht nur der Stadt bereitet die Situation Bauchschmerzen.“Die Eigentümerin ist sehr unglücklich über die Situation. Bei jeder sinnvollen Lösung gehen wir mit“, erklärt Rechtsanwalt Pagels. Wer ist nun am unglücklichsten könnte man fragen? Die Wittenberger Straße ist über die volle Breite gesperrt, nur ein kleines Schlupfloch gibt es. Die Unglücklichsten und am meisten verärgerten sind wohl sie: die Händler, die in den umliegenden Häusern ansässig sind wie die Eisdiele, der Friseur, das Kosmetikstudio, das Tattoostudio. Oder der Lotto- und Tabakwarenladen: “Die Laufkundschaft fehlt, durch die Straßensperrung und die fehlenden Parkplätze kommen weniger Kunden vorbei“, ärgert sich Marina Schulze, die dort Verkäuferin ist. Das Abrisshaus sorgt bei allen Händlern schon jetzt für deutliche finanzielle Einbußen.

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