Dienstag, 28. September 2021
Montag, 5. Juli 2021

"Das muss man sich mal vorstellen..."

Matthias Griem beim Interviewtermin in seiner Wohnung in Sitzenroda.Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Belgern-Schildau. Der ehemalige Bürgermeister Matthias Griem (FWG) spricht sich im großen TZ-Interview den Frust von der Seele.

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Es war ein Knall und sogleich das letzte politische Lebenszeichen von Matthias Griem (FWG): Am 19. Mai dieses Jahres vermeldete die Torgauer Zeitung den Rücktrittswillen des Belgern-Schildauer Bürgermeisters zum 1. Juli. Griem hatte tags zuvor selbst die Nachricht telefonisch mit dem Verweis auf gesundheitliche Probleme übermittelt. Bis auf vereinzelte Treffen mit FWG-Mitgliedern schien er daraufhin aus dem öffentlichen Leben verschwunden zu sein. Am 1. Juli hatte TZ-Redakteur Christian Wendt nun die Möglichkeit, mit dem 53-Jährigen über Hintergründe seiner Entscheidung zu sprechen. Das, was Griem – er war nur ein gutes Jahr im Amt –  erzählte, hatte es mächtig in sich.

Herr Griem, wie geht es Ihnen?

Deutlich besser. Ich habe mit Beginn des Monats eine neue Arbeit als Küchenchef in einem kleinen Unternehmen angefangen. 

Sie hatten gesundheitliche Gründe angegeben, die zu Ihren Rücktritt führten...

Um es kurz zu machen; ich stand nur einen Millimeter vorm Burnout. Schon zu Beginn des Jahres spürte ich erste körperliche Veränderungen an mir. Ich war nervlich überhaupt nicht mehr belastbar, meine Hände begannen, immer stärker zu zittern. Daraufhin war ich bereits das erste Mal im Krankenstand. Allerdings habe ich gedacht, dass sich die Symptome geben werden oder ich damit schon irgendwie klarkommen werde...

Wie sich zeigte, war das offensichtlich ein Irrtum...

Das musste ich mir dann auch eingestehen. Ich wusste schließlich, dass ich dieses Problem nur mit professioneller Hilfe in den Griff bekomme. Mir waren diese Ausfallerscheinungen bis zu jenem Zeitpunkt vollkommen fremd, was ein Eingestehen nur umso schwieriger machte.

Können Sie sich erklären, warum Ihnen die Nerven derart böse mitspielten? Immerhin sind Sie auch privat in einer Phase der ... Neuorientierung...

Dass meine Ehe am Ende ist und ich eine neue Partnerin habe, ist nicht der Grund. Denn jene Phase lag noch weit vor meinen Nervenproblemen. Diese nahmen im Takt der Corona-Schutzverordnungen an Heftigkeit zu. Jeden Tag bekam es die Verwaltung mit neuen politischen Vorgaben zu tun. Wir waren einfach – so ehrlich muss man sein –  überfordert. Oftmals wurden über die Köpfe der kommunalen Verwaltung hinweg Entscheidungen getroffen, die ich zuerst aus den Medien erfuhr. Bestes Beispiel: Die Verhandlungen über die Ansiedlung des Impfzentrums in Belgern. Während ich annahm, noch mitten in den Vertragsverhandlungen zu stecken, machte das Ministerium schon Nägel mit Köpfen. So etwas zehrt an den Nerven, denn neben derart wichtigen Entscheidungsprozessen galt es ja auch,  die normale Verwaltungsarbeit aufrecht zu erhalten. Dem Bürger wäre es nicht zu vermitteln gewesen, wenn wir Anträge  einfach so liegen gelassen hätten.

Aber diese Situation, immer zwischen den Ministerien und dem Bürger sitzen zu müssen, hatten doch auch die anderen Kommunen...

Das stimmt, aber wenn vor Ort das Betriebsklima kaputt ist, ist dieser Spagat sehr schmerzhaft.

Kaputtes Betriebsklima?

Ich muss sagen, dass ich vor meiner Zeit als Bürgermeister beim Christlichen Sozialwerk immer ein Team um mich herum hatte, mit dem ein wunderbares Arbeiten möglich war. Wir haben diskutiert, wir haben Kritik geäußert. Am Ende gab es eine Lösung und alles lief. Genau das gab es in der Verwaltung von Belgern-Schildau aber nicht.

Können Sie da ein wenig deutlicher werden?

Ich wollte den Job des Bürgermeisters unbedingt, auch weil ich bereits als Stadtrat merkte, dass die Verwaltung frischen Wind benötigt. Doch von mir angestoßene Veränderungen stießen nicht bei jedem auf Gegenliebe.

Aber Sie sind doch als Bürgermeister der Chef...

Natürlich gibt ein Bürgermeister die Richtung vor, aber immer nur Sachen mit Gewalt durchzudrücken liegt nicht in meiner Natur. Dieses Arbeiten war ich als Küchenchef  nicht gewohnt. Auch weil die Zusammenarbeit mit der FWG-Fraktion hätte besser sein können fühlte ich mich mehr und mehr als Einzelkämpfer und merkte nicht, dass ich damit meiner Gesundheit einen Bärendienst erwies.

Können Sie ein Beispiel nennen, was Sie anstoßen wollten oder angestoßen haben?

Bestes Beispiel ist natürlich die Doppelspitze mit meinem Stellvertreter Ingolf Gläser. Zu ihm habe ich nach wie vor vollstes Vertrauen. Unsere Zusammenarbeit war hervorragend, auch wenn ich weiß, dass viele Bürger in Ingolf den eigentlichen Bürgermeister sahen. Er hat in all den Monaten einen tollen Job gemacht, was bei unserer Verwaltungsspitze aber nicht immer auf Gegenliebe stieß. 

Soll heißen?

Mit der Doppelspitze plötzlich zur Dienstberatung zu erscheinen, kam überhaupt nicht gut an. 

Warum?

Mit dem jetzigen Abstand betrachtet, glaube ich, dass jene Vorbehalte aufkamen, weil auch Ingolf spürte, dass sich in der Verwaltung über Jahre ein Eigenleben entwickelt hat, das einem gesunden Betriebsklima nicht zuträglich ist. Man hatte in dieser Cliquenwirtschaft einfach Angst vor Veränderungen. Dazu kommt, dass auch  von der Verwaltungsspitze gegen mich gearbeitet wurde. Mir wurden Informationen vorenthalten, so dass ich unter anderem bei einem Gespräch mit unserer Grundschulleitung über die Pläne der Evangelischen Schulgemeinschaft Niederlausitz (diese plant in Belgern ein eigenes Grundschulangebot zu etablieren, Anm. d. Red.) wie ein Plöps dastand. Fast schon tägliche Ausnahmen bei der Kindernotbetreuung, die von mir während des Lockdowns persönlich genehmigt wurden, hatten zur Folge, dass sich Verwaltungsmitarbeiter übergangen fühlten. Ebenso wurde ich kritisiert, in Sachen BMX-Strecke eigenmächtig die Entscheidung getroffen zu haben, der Belgeraner Elterninitiative dafür grünes Licht zu geben. Am Ende hatte ich sogar Angst, dass mich meine Verwaltung  auch im Stadtrat auflaufen lassen könnte. Das ging sogar soweit, dass hinter meinem Rücken darüber getuschelt wurde, wann ich denn endlich im Stadtrat die Vertrauensfrage stellen würde. Ich selbst war da schon gesundheitlich nicht mehr in der Lage, dem etwas dagegenhalten zu können. Vielleicht sollten sich die betreffenden Mitarbeiter erst einmal die Frage stellen, warum sie überhaupt für die Belgern-Schildauer Verwaltung arbeiten. Man muss sich mal vorstellen, dass mir als Bürgermeister Vorwürfe gemacht wurden, dass ich mich in meiner Mittagspause mit meinen ehemaligen CSW-Kollegen treffe. Ebenso wurde die Nase gerümpft, als ich auch in Corona-Zeiten für mich entschieden hatte, abwechselnd im Belgeraner und im Schildauer Rathaus zugegen zu sein. Das wurde von einigen Mitarbeitern in Belgern gar nicht gern gesehen. Dieses Gefühl des Mißtrauens gab es aber nur in Belgern. In Schildau dagegen war und ist das Betriebsklima hervorragend.

Wie geht es jetzt mit dem ehemaligen Bürgermeister Matthias Griem weiter?

Mein Lebensmittelpunkt wird vorläufig Sitzenroda bleiben. Ich bleibe weiter Vorsitzender des Kultur- und Freizeitvereins Probsthain, der sich in Kürze in Kultur- und Sportverein umbenennen wird. Ebenso bleibe ich Vorsitzender der Freien Wählervereinigung Torgau-Oschatz und im Vorstand der Flurneuordnung Probsthain. 

Wenn Sie auf die bevorstehende Bürgermeisterwahl blicken; Was muss Ihr Nachfolger beziehungsweise Ihre Nachfolgerin mit sich bringen?

Der oder die Neue muss sich durchsetzen können, über Ausdauer verfügen und vor allem ein gutes Nervenkostüm haben. Politisch muss es ihm oder ihr gelingen, den Tourismus in Belgern-Schildau voranzutreiben, worunter ich unter anderem ein einheitliches Wegekonzept rund um den Schildberg sowie die Aufwertung des Rolandparks zähle. Ebenso muss endlich eine Lösung her, in Belgern ein neues Feuerwehrgerätehaus aufs Fundament zu setzen. Wenn die Stadt hier noch länger nach Alternativen für einen Standort sucht, verfliegen auch die letzten Fördergelder. Das Gewerbegebiet bei Färber ist in meinen Augen nach wie vor die beste Option. Die Fraktionen im Stadtrat davon zu überzeugen, wird nicht einfach. Aber es ist machbar. Und genau dieses „machbar“ muss auch in die Köpfe unserer Verwaltung. Immer nur zu sagen, was nicht geht, geht nicht.

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