Dienstag, 11. August 2020
Donnerstag, 20. Mai 2010

LOKALGESCHEHEN

Feinschliff an der Geissler-Orgel

Orgelbauer Rainer Wolter beim Einstimmen der neuen Pfeifen. Die großen hölzernen Pfeifen wurden im Pfarrhaus durch Florian Matschull auf Vordermann gebracht.Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Dautzschen (TZ). Musikern wird im Allgemeinen nachgesagt, dass sie ein Händchen für Mathe haben. Nun ist Rainer Wolter zwar kein Musiker, doch als Orgelbauer und Intonateur hat er es allein schon von berufswegen mit Tönen zu tun. Zudem liebt er die Prozentrechnung, zumindest wenn es ans Ende einer Arbeit geht.

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Intonateur Rainer Wolter gibt den Pfeifen des restaurierten Instruments vor dem heutigen Konzert den letzten Schliff

Dautzschen (TZ). Musikern wird im Allgemeinen nachgesagt, dass sie ein Händchen für Mathe haben. Nun ist Rainer Wolter zwar kein Musiker, doch als Orgelbauer und Intonateur hat er es allein schon von berufswegen mit Tönen zu tun. Zudem liebt er die Prozentrechnung, zumindest wenn es ans Ende einer Arbeit geht. Und dieses ist im Falle der zu 100 Prozent restaurierten Dautzschener Geisslerorgel heute, gerade rechtzeitig vor dem abendlichen Konzert mit dem Torgauer Singekreis.

Frischzellenkur
Zu Wochenbeginn hatte Rainer Wolter mit der Einstimmung der mehr als 150 neuen Orgelpfeifen begonnen, und das obwohl die Orgel ihr erstes kleineres Konzert nach erfolgter Frischzellenkur bereits am 2. Mai erlebte. Dem Meister geht es bei seiner Sisyphusarbeit vor allem um die Anpassung der Lautstärke. Die Orgel müsse unbedingt noch ein wenig dezenter klingen, befand er.
Sein Arbeitsplatz ist dabei einer von der unbequemeren Sorte. Ein dickes Laufbrett geht quer durch die Orgel. Wolter muss knien und aufpassen, dass er nicht das Gleichgewicht verliert. Vor dem Orgelbauer gibt ein kleiner Werkzeugkasten die Sicht auf sein Innenleben preis. Doch Wolter braucht in diesem Moment nur zwei Werkzeuge aus Messing. Eines ähnelt in frappierender Weise einem Kerzenlöscher mit aufgesetztem Kegel.

0,1 Prozent
„Was ich hier noch tue, macht in etwa 0,1 Prozent meiner Arbeit aus“, peilt der Dresdener grob über den Daumen. Eigentlich wenig, doch für den Klang des Instruments bringt jenes Etwas den entscheidenden Kick.
Wolter nimmt eine der neuen Pfeifen aus dem Register. Kurz ein prüfender Blick, dann bläst er hinein. Mit einem sogenannten Stimmhorn, eben jenem Kerzenlöscher mit Kegelaufsatz, schlägt er wenig später kurz von oben auf die zerbrechlich anmutende Pfeife. Nochmals ein prüfender Blick, Dann kommt eine Art Messer zum Einsatz, mit dem er einen winzigen Grat entfernt. Und wieder bläst der Intonateur in die Pfeife. „So, die müsste jetzt stimmen“, sagt er, um sich der nächsten zuzuwenden. Hier ist es nicht das obere Ende der Pfeife, wo der Orgelbauer letzte Hand anlegt. Vielmehr widmet er sich diesmal mit einem Fußlochdorn dem Windloch, durch das die Luft in die Pfeife gelangt. „Eindeutig zu viel Wind“, urteilt Wolter, um das Loch entsprechend zu verengen. Die Pfeife tönt fortan ein klein wenig leiser. Von ihrer Klangfarbe hat sie indes nichts eingebüßt.

Für einen gestandenen Orgelbauer wie den Dresdener Rainer Wolter ist jene Filigranarbeit trotz 25-jähriger Berufserfahrung immer wieder eine Ehre. Es sei einfach toll, einem alten Instrument dessen alte Stimme wieder zurückzugeben.  Sechs Wochen lang hatten er und sein Team die Dautzschener Orgel wieder auf Vordermann gebracht. Auf etwa 20 000 Euro veranschlagt Volker Theilemann vom Förderverein der Kirche die Gesamtkosten, inklusive aller Malerarbeiten.

Über jene Summe zerbricht sich der Orgelbauer in diesem Augenblick jedenfalls nicht den Kopf. Er widmet sich stur einer Pfeife nach der anderen. Dabei geht es ihm neben der Anpassung der Lautstärke auch um die Intonation der Pfeifen sowie die Herausarbeitung der einzelnen Klangcharakter der Pfeifen. Kleine Papierstreifen im Labium (Lippe einer Pfeife), lassen dabei einen Großteil der Klangkörper trotz Luftzufuhr verstummen. „Die da müssen jetzt erst einmal schweigen“, konzentriert sich der Meister jeweils immer nur auf eine Pfeife. Die kleinste Pfeife, die angefertigt wurde, hat eine Länge oder besser gesagt Kürze von zwei Zentimetern. Die längste misst stolze 1,40 Meter. Als Material kam hochwertiges Zinn zum Einsatz. „Ursprünglich bestanden alle Prospektpfeifen aus Zinn“, erläutert der Orgelbauer. Während des Krieges wurden diese allerdings eingeschmolzen und durch minderwertiges Zink ersetzt. Der Orgelexperte hält jedoch nichts von diesem „Dachrinnenblech“. Das lebe doch nicht, habe keinen Charakter, urteilt er, um im nächsten Augenblick auf der Bohle wieder ein Stückchen weiterzurücken. Und genau des Charakters wegen verlässt sich Rainer Wolter bei der Einstimmung voll und ganz auf sein Gehör. Jedwede elektronischen Hilfsmittel lehnt er ab. „Wenn ich so etwas je brauchen sollte, sollte ich mir möglichst schnell Gedanken über meine Nachfolge machen.“

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