Mittwoch, 23. Juni 2021
Mittwoch, 16. Februar 2011

LOKALGESCHEHEN

Erst Funkstille, dann Post vom Inkassobüro

Diese Zahlungsaufforderungen, -erinnerungen und Mahnungen flatterten Peter S. aus Torgau ins Haus. Foto: TZ/Jack

von unserer Redakteurin Eileen Jack

Torgau (TZ). Dreist, eiskalt und abgebrüht sind die Internetbetrüger. Neben vermeintlich freundlichen Zahlungserinnerungen und schließlich letzten Mahnungen inklusive Gebühren arbeiten die Abzocker inzwischen auch mit Inkassobüros und Anwälten, die dem Verbraucher intensiv drohen, ihm kostspielige Szenarien in Aussicht stellen und so immer wieder zum Erfolg kommen.

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Torgau (TZ). Dreist, eiskalt und abgebrüht sind die Internetbetrüger. Neben vermeintlich freundlichen Zahlungserinnerungen und schließlich letzten Mahnungen inklusive Gebühren arbeiten die Abzocker inzwischen auch mit Inkassobüros und Anwälten, die dem Verbraucher intensiv drohen, ihm kostspielige Szenarien in Aussicht stellen und so immer wieder zum Erfolg kommen. Einschüchtern heißt das Zauberwort, einschüchtern so lange, bis der Bürger zahlt, auch wenn er sich keinerlei Schuld bewusst ist. Wer einmal in die Falle von sogenannten Online-Abzockern getappt ist, weiß, wie schwer und langwierig es ist, sein Recht zu bekommen beziehungsweise das daraus erwachsende Drama weitestgehend kostenfrei zu überstehen. Grund genug für die Torgauer Zeitung, die Problematik aufzugreifen und in einer Kurzserie verschiedene Internet-Abzocker-Fälle zu schildern. Heute nun folgt der dritte und letzte Teil, der es wie die beiden vorhergehenden in sich hat. Auch diesmal stand die Verbraucherzentrale mit wertvollen Tipps zur Seite.

Im August vergangenen Jahres flatterte Peter S.* aus Torgau eine Zahlungserinnerung der Firma Webtains Web Entertainment  aus Eisenach ins Haus. Für einen zwölfmonatigen Zugang zu einem Routenplaner-Service sollte der 41-Jährige plötzlich 96 Euro an die GmbH überweisen. „Die aufgeführte Entgeltforderung beruht auf einem mit uns abgeschlossenen Dienstleistungsvertrag über die Bereitstellung der Online-Datenbank www.Routenplaner-Service.de. Sie haben sich für dieses Dienstleistungsangebot unter Angabe Ihres Namens, Ihrer Anschrift und E-Mail-Adresse eingetragen. Ferner haben Sie uns gegenüber bestätigt, die diesem Vertrag zugrunde liegenden Allgemeinen Geschäftsbedingungen gelesen und akzeptiert zu haben“, heißt es in der Zahlungserinnerung unter der Rubrik „Zu Ihrer Information“.
Routenplaner? Vertragsabschluss? Zahlungserinnerung? Letzteres hieße, dass der Torgauer bereits eine Rechnung beziehungsweise Zahlungsaufforderung bekommen haben müsste. Hatte er aber nicht. Ein wenig schockiert über die Erinnerung rief Peter S. beim Unternehmen an, versicherte, von einem derartigen Vertragsabschluss keine Kenntnis und auch keine Rechnung erhalten zu haben. Webtains entgegnete, durchaus beweisen zu können, dass der Torgauer den Routenplaner-Service gebucht habe, sendete Peter S. einen Brief gefüllt mit der Original Zahlungsaufforderung vom 15. Juli 2010 und einen angeblichen Auszug aus der Anmeldung, die er am 14. Juni 2010 vorgenommen haben soll. Als Beweis brachte die Firma die IP-Adresse des Torgauers und den Benutzernamen in Spiel. Bei Letzterem handelte es sich schlichtweg um die E-Mail-Adresse des 41-Jährigen.

Der wurde stutzig. Hier konnte etwas nicht stimmen. Inzwischen hatte Peter S. mit mehreren Bekannten gesprochen, die ähnliche Erlebnisse schilderten und sogar Anzeige wegen Betruges bei der Polizei erstattet hatten. Der Torgauer forschte schließlich selbst nach, gab den Begriff Webtains in eine Internetsuchmaschine ein und erhielt Hunderte Einträge. Darunter auch mehrere verschiedener Verbraucherschutzzentralen. Allesamt warnten eindringlich davor, Seiten der Firma Webtains zu besuchen, sei das Unternehmen doch als eine der größten Abzockerfirmen im Internet bekannt.  Peter S. ging in Widerspruch gegen die Forderungen des Unternehmen, betonte in diesem erneut, keinerlei Abonnement für einen Routenplaner abgeschlossen zu haben. Auch die von Webtains ins Feld geführte Bestätigungs-Mail ist nie beim Torgauer angekommen. Nach diesem Schreiben herrschte Funkstille. Peter S. freute sich, wähnte sich in Sicherheit. Doch plötzlich zu Beginn des neuen Jahres bekam der Torgauer Post von einem Inkassobüro, das die Forderungen der Firma Webtains eintreiben wolle. Der Schrecken saß tief. Die Summe war inzwischen auf 153 Euro angewachsen, inklusive aller Verwaltungs- und Inkassokosten. Sollte er vielleicht doch zahlen, um endlich seine Ruhe zu haben? Nein, sagte sich der Torgauer. Schließlich hat er keinerlei Leistung beansprucht, für die er hätte zahlen müssen. Erneut ging der 41-Jährige also in Widerspruch, nutzte dafür einen von der Verbraucherzentrale empfohlenen Musterbrief. Seitdem ist Ruhe. Sicher ist sich der Torgauer aber bis heute nicht. Die Angst, erneut mit Briefen und Zahlungsaufforderungen und vielleicht noch größeren Summen bombardiert zu werden, sitzt ihm immer noch im Nacken.
* Name geändert

Das Rät die Verbraucherzentrale
Die Firma Webtains ist bekannt. Inzwischen erscheint beim Öffnen einer Seite dieses Unternehmens der Hinweis von ComputerBild, dass es sich um eine Abzock-Seite handelt. Dennoch kann es natürlich passieren, dass jemand zum Beispiel auf den Routenplaner-Service klickt aber eigentlich gar keinen Vertrag abschließen will. In den Allgemeinen Geschäftsbedingungen dieser Firma steht, dass bei Vertragsabschluss eine Bestätigungsmail mit einem Aktivierungslink gesendet wird. Erhält der Verbraucher diese Mail nicht, dann ist auch kein Vertrag zustande gekommen. Der Verbraucher muss nicht einmal beweisen, dass er keine E-Mail bekommen hat. Ist der Fristbeginn für das Widerrufsrecht – Start mit dem Erhalt der besagten E-Mail – streitig, trifft die Beweislast den Unternehmer. Im Übrigen unterliegen derartige Vertragsabschlüsse dem Fernabsatzrecht. Das heißt, über das Widerrufsrecht muss in Textform belehrt werden, also per Brief, Fax oder auch gesonderter Mail. Wichtig ist, dass sich der Verbraucher nicht auf einen langen Schriftverkehr mit dem Unternehmen einlässt. Ein Widerruf möglichst als Einschreiben mit Rückmeldung abgesendet genügt. Danach heißt es abwarten und jegliche Schriftstücke vom Unternehmen sammeln. Bisher aber hatten wir hier keinen Verbraucher in der Beratung, gegen den nach dem Widerruf ein Mahnverfahren eingeleitet wurde. Sollte aber doch einmal ein Bescheid vom Gericht kommen, dann muss der Verbraucher sofort mit einem weitern Widerspruch reagieren.


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