Samstag, 25. September 2021
Mittwoch, 26. Oktober 2011

LOKALGESCHEHEN

"Inklusive Bildung" ist ein Menschenrecht

Dr. Irene Demmer-Dieckmann arbeitet an der technischen Universität Berlin unter anderem zum Thema Inklusion. Foto: TU Berlin

von unserem Redakteur Christian Wendt

Arzberg/Berlin (TZ). Die Arzberger Grundschule ist drauf und dran, neue Wege zu beschreiten: Die Einrichtung will künftig auch jenen Schülern das Lernen ermöglichen, die einen erhöhten Förderbedarf haben. Fachleute sprechen hierbei von Inklusion. TZ kam darüber mit Dr. Irene Demmer-Dieckmann vom Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin ins Gespräch.

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Arzberg/Berlin (TZ). Die Arzberger Grundschule ist drauf und dran, neue Wege zu beschreiten: Die Einrichtung will künftig auch jenen Schülern das Lernen ermöglichen, die einen erhöhten Förderbedarf haben. Fachleute sprechen hierbei von Inklusion. TZ kam darüber mit Dr. Irene Demmer-Dieckmann vom Institut für Erziehungswissenschaft der Technischen Universität Berlin ins Gespräch.

TZ: Viele dürften speziell aus dem Bereich der Kindertagesstätten den Begriff des integrativen Konzepts kennen. Was ist am inklusiven Konzept anders?
Dr. Irene Demmer-Diekmann:
Inklusion wird oft als neues, modernes, internationales Wort für Integration gebraucht. Aber Inklusion geht über die Integration von Schülern mit Förderbedarf hinaus.  In einem inklusiven Bildungssystem geht es um den vorbehaltlosen Einbezug aller Kinder in einer Schule für ALLE. In der inklusiven Schule sind alle verschieden, nicht nur die behinderten Kinder. Inklusion umfasst alle Dimensionen der Verschiedenheit, nämlich Migrationshintergrund, Geschlecht, Religion, besonders begabte Schüler und solche mit Behinderung. Eine inklusive Schule fordert und fördert alle Kinder.
Welche Bedeutung messen Sie der Inklusion bei?
Seit März 2009 gilt in Deutschland die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen. Alle Kinder haben unabhängig von einer Behinderung das Recht, gemeinsam dieselbe wohnortnahe Schule zu besuchen, in die Geschwister- oder Nachbarkinder gehen. Es ist auf keinen Fall mit der Behindertenrechtskonvention vereinbar, wenn Kinder gegen den Wunsch der Eltern in eine Förderschule gezwungen werden. Inklusive Bildung ist ein Menschenrecht geworden. Sie ist keine bildungspolitische Modeerscheinung. Die Bildungsverwaltungen aller Bundesländer müssen unter anderem Schulgesetze verändern, Aktionspläne entwickeln und das Thema systematisch in die Lehrerbildung aufnehmen.
Wie weit ist man in Deutschland bei der Umsetzung von Inklusionskonzepten?
Europaweit haben wir eine Integrationsquote von etwa 80 Prozent, in Deutschland liegt sie bei 20 Prozent. Das ist europaweit der drittletzte Platz. Deutschland ist diesbezüglich ein Entwicklungsland. Die Integrationsquote in Sachsen mit 18 Prozent liegt unter dem bundesdeutschen Durchschnitt. In der Grundschule liegt sie hier bei 27 Prozent, in der Sekundarstufe sind es 13 Prozent.
Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten eines Schulversuchs in Sachsen ein, speziell eines Versuchs an einer Grundschule?
Viele Grundschulen bun-desweit und international haben bewiesen, dass es möglich ist. In vielen Bundesländern ist dafür allerdings kein Schulversuchs-Status mehr erforderlich.
Kann ein Inklusionsmodell dazu führen, dass eine Grundschule in Sachsen damit die geforderte Mindestschülerzahl von 15 erreicht?
Jahrgangsübergreifendes Lernen und gemeinsamer Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern haben gerade in ländlichen Gebieten und bei Schülerrückgang erfolgreich dazu geführt, dass die Grundschule „im Dorf“ bleiben kann.
Wie reagieren Schüler auf ihre gehandicapten Mitschüler?
Die Forschungsbefunde zeigen hohe Zufriedenheitswerte von integrierten Schülern und in der Regel eine gute soziale Integration. Je länger die Phase des gemeinsamen Lernens dauert, umso besser sind sie in der Regel integriert. Probleme bei der sozialen Integration gibt es – das ist wenig überraschend – bei Schülern mit stark aggressiven Verhaltensweisen. Sie sind bei ihren Mitschülern unbeliebt, egal, ob ein Förderstatus vorliegt oder nicht. Daher sind gezielte Maßnahmen in Zusammenarbeit mit der Jugendhilfe und anderen Diensten erforderlich.
Verändert sich durch Inklusion das Lernklima?
Im Vergleich mit Regelklassen liegen für das Klassenklima in Integrationsklassen positivere Ergebnisse vor. Viele Schüler mit Lernerschwernissen fühlen sich nach eigenen Aussagen in Integrationsklassen wohl. Lehrkräfte in Integrationsklassen engagieren sich häufig sehr stark für ein positives Klima und gehen intensiver auf Probleme ein. Durch den Umgang mit Verschiedenheit wird nachweislich Toleranz und Hilfsbereitschaft gefördert.
Gibt es womöglich Nachteile für leistungsstarke Schüler?
Forschungen belegen, dass besonders begabte Schüler mit einem IQ größer als 117 in ihrer kognitiven Entwicklung nicht behindert und in ihren sozialen Kompetenzen zusätzlich gefördert werden. Vor Beginn des Gemeinsamen Unterrichts wird oft befürchtet, dass behinderte Kinder die Leistungsentwicklung der nichtbehinderten Schüler behindern. Mehrere Studien belegen, dass dies nicht der Fall ist. Die Leistungen nichtbehinderter Kinder sind gleich gut wie in Klassen ohne behinderte Kinder, in einigen Studien erreichen sie sogar bessere Leistungen als in nichtintegrativen Klassen.
Wie kommen Lehrer mit Inklusion klar?
Viele Lehrkräfte hatten bisher keinerlei Berührungspunkte mit Schülern mit Förderbedarf und fühlen sich überfordert. Die verlässliche Zusammenarbeit mit Sonderpädagogen und nicht zu große Klassen – etwa 22 Schüler in der Grundschule, 24 in der Sekundarschule – können die Überforderung mildern. Alle Lehramtsstudiengänge müssen an die Anforderung inklusiver Bildung angepasst werden. Die Behindertenrechtskonvention fordert eine Schulung von Fachpersonal. Inklusive Lehrerbildung muss Schule machen. Die Lehrkräfte, die jetzt ausgebildet werden, kommen erst in fünf bis sieben Jahren in die Schule. Aktuell werden daher vor allem Fort- und Weiterbildungen benötigt. Auch Erzieherinnen müssen qualifiziert werden.
Gibt es Kostenschätzungen, wenn flächendeckend Inklusion eingeführt wird?
Studien zeigen, dass wohnortnaher integrativer Unterricht kostengünstiger ist als Sonderbeschulung. Besonders teuer ist das Doppelsystem der Aufrechterhaltung zahlreicher Sonderschulformen und integrativer Unterricht. Bei wohnortnaher Integration fallen teure Fahrtkosten zur Sonderschule weg (siehe auch Kasten).
Welche Vorurteile begegnen Ihnen selbst, wenn sie auf das Thema Inklusion zu sprechen kommen?
Ängste und Bedenken sind nachvollziehbar und müssen ernst genommen werden. Viele können anhand von Forschungsergebnissen überprüft werden. Oft bestätigt sich: Wer keine Erfahrung hat, ist oft skeptisch. Wer Erfahrungen macht, ist zufrieden. Es sind in der Regel  Leistungsbedenken, dass die nichtbehinderten Schüler nicht ausreichend gefördert würden beziehungsweise das Leistungsniveau in Integrationsklassen sinken würde. Nationale und internationale Forschungsergebnisse belegen, dass dies nicht der Fall ist. Bei Eltern behinderter Schüler besteht die Sorge der leistungsmäßigen Überforderung und Ängste, dass sie sozial nicht integriert wären. Auch hier belegen Forschungsergebnisse, dass dies nicht der Fall ist.
Welche Möglichkeiten bietet die TU, um Lehrer und Eltern für Inklusion kompetent zu machen?
Seit mehr als zehn Jahren bietet die TU Berlin Pflichtseminare zur Integrationspädagogik an, die alle Lehramtsstudierenden besuchen müssen. Das ist bundesweit ziemlich einmalig. Wir befragen seit Jahren die Studierenden am Anfang und am Ende dieser Seminare. Am Ende haben fast alle eine positive Haltung zum Gemeinsamen Unterricht entwickelt und können sich dann auch vorstellen, selber in einer Integrationsklasse zu unterrichten. Eine deutliche Zunahme Inklusiven Denkens ist zu verzeichnen.
Wohin können sich Interessierte wenden, um mehr über Inklusion zu erfahren?
Diese Frage sollte von Menschen vor Ort beantwortet werden – in Arzberg also die Schule, die Verwaltung oder auch der Förderverein der Grundschule. Zudem gibt es beispielsweise bei der Landesarbeitsgemeinschaft „Gemeinsam leben – Gemeinsam lernen. Eltern gegen Aussonderung Sachsen“ Informationen.

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