Mittwoch, 21. Oktober 2020
Dienstag, 11. November 2014

LOKALGESCHEHEN

Sachse: "Der Jugendwerkhof war besonders perfide"

Brennende Kerzen und Blumen: Die Teilnehmer erinnerten an einer neuen Info-Stele im Hinterhof an das Schicksal der im Jugendwerkhof Torgau umgekommenen Jugendlichen. Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau. Immer wieder muss Sandra Kroppen um Fassung ringen: Steve B. war ihr Bruder. Dass er sich im einstigen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau erhängte, habe sie am 1. Mai 1988 während der Maidemonstration auf dem Schleizer Neumarkt erfahren. Dies sei der schlimmste Tag in ihrem Leben gewesen.

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Torgau. Immer wieder muss Sandra Kroppen um Fassung ringen: Steve B. war ihr Bruder. Dass er sich im einstigen Geschlossenen Jugendwerkhof Torgau erhängte, habe sie am 1. Mai 1988 während der Maidemonstration auf dem Schleizer Neumarkt erfahren. Dies sei der schlimmste Tag in ihrem Leben gewesen. Bis zu jenem Zeitpunkt habe sie nicht einmal gewusst, dass Steve in Torgau untergebracht war.

Gestern Abend erinnerte die Gedenkstätte an die Auflösung des Jugendwerkhofs vor 25 Jahren. In einem System repressiver Heimerziehung kam dieser Einrichtung einst eine Sonderstellung zu. „Torgau war die schlimmste Einrichtung, die die SED-Diktatur hervorbrachte“, sagte der ehemalige Torgauer Jugendpfarrer Dr. Christian Sachse. Der Jugendwerkhof habe sich besonders durch seine Perfidie ausgezeichnet. Wer hier als Jugendlicher in die Mühlen geraten sei habe ein komplett zerstörtes Leben vor sich gehabt.

Nachweislich vier Jugendliche* überlebten die geschlossene Unterbringung nicht. Darunter eben auch Steve B., dessen Konterfei für jedermann sichtbar an der Außenfassade im Innenhof auf die Schicksale der Insassen aufmerksam macht. Für seine Schwester Sandra Kroppen war es nach einer ersten Reise im August dieses Jahres der zweite schmerzhafte Abstecher nach Torgau. Dass sie überhaupt den Weg auf sich nahm, sei ihr nicht leicht gefallen. „Aber es ist gut, dass ich den Schritt unternommen habe“, sagte die Frau, die froh ist, dass in Torgau die Geschehnisse von damals aufgearbeitet werden.

Gabriele Beyler, die Vorsitzende der Initiativgruppe Geschlossener Jugendwerkhof, erinnerte in ihrer Ansprache an die Auflösungsprozesse im Jugendwerkhof, die mit der Friedlichen Revolution einsetzten. Nur einen Tag nach dem Fall der Mauer habe eine rasante Entwicklung ihren Anfang genommen. Dies belegen Aussagen ehemaliger Insassen und Erzieher. Schriftliche Dokumente gibt es keine. Demnach sorgte die Wende beim Personal der Einrichtung für eine immer stärker werdende Unsicherheit. Verschärfte Sicherheitsmaßnahmen, die in der Forderung nach Ausreichung von Schlagstöcken gipfelten, waren die Folge. Am 17. November habe schließlich der letzte Jugendliche (es waren insgesamt mehr als 4000 im Alter zwischen 14 und 18 Jahren) den Jugendwerkhof verlassen. „Daraufhin begann das Personal sofort mit den Umbauarbeiten“, erinnerte Beyler. Nichts sollte mehr an ein Gefängnis erinnern. Erst ein Jahr später folgte der erste Zeitungsbericht über die unhaltbaren Zustände in der Einrichtung, die von der Staatssicherheit für den Tag „X“ sogar als Isolationslager vorgesehen war.

* Die vier Jugendlichen:

Uwe S.: Der Siebzehnjährige erkrankt nach knapp zwei Monaten Aufenthalt im Geschlossen Jugendwerkhof und verstirbt laut Autopsiebericht 1976 an einer Sepsis.

Klaus H.: 1979 flieht der Siebzehnjährige während des Rücktransports in den Stammjugendwerkhof. Er behauptet, sich übergeben zu müssen. Als die Autotür geöffnet wird, rennt er davon. Er springt in die Elbe und ertrinkt. Klaus H. wird am 7. November 1979 bei Torgau tot aus der Elbe geborgen.

Rainer F.: Unaufgeklärt bleibt der Tod des Sechzehnjährigen, der 1982 bei einem Brand im Krankenzimmer umkommt. Im offiziellen Untersuchungsbericht heißt es, dass er den Brand gelegt und seinen Tod selbst verschuldet habe.

Steve B.: Am 29. April 1988 erhängt sich der Sechzehnjährige mit seinem Hemd am Fenster der Aufnahmearrestzelle. Er ist erst vier Tage vorher in den Geschlossenen Jugendwerkhof eingewiesen worden.


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