Sonntag, 26. Juni 2022
Donnerstag, 5. November 2009

LOKALGESCHEHEN

Fotos haben Macht, auch wenn sie lügen

„Badefreuden für die Jüngsten“ – Aufgenommen im Jahr 1976 von der ADN-Fotoreporterin Waldtraud Raphael in Torgau. Ein Ausschnitt des Bildes wurde in der BRD als angebliches Dokument aus einem „Sowjet-KZ“ veröffentlicht. Foto: TZ/Tiedke

von unserem Themen-Redakteur Gerd Tiedke

Torgau (TZ). „Zittere, Breschnew!“ – Mit dieser Aussage wurde im Juni 1978 in der Bundesrepublik Deutschland auf der Titelseite der „Stimme der Märtyrer“ (Broschüre der Reihe „Nachrichten der Hilfsaktion Märtyrerkirche“, 10. Jahrgang) ein Foto veröffentlicht, welches Kinder in gestreifter Frottee-Kleidung zeigt.

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Torgau (TZ). „Zittere, Breschnew!“ – Mit dieser Aussage wurde im Juni 1978 in der Bundesrepublik Deutschland auf der Titelseite der „Stimme der Märtyrer“ (Broschüre der Reihe „Nachrichten der Hilfsaktion Märtyrerkirche“, 10. Jahrgang) ein Foto veröffentlicht, welches Kinder in gestreifter Frottee-Kleidung zeigt. Bildunterschrift: „Kinder in Häftlingskleidung. Ein aus einem Sowjet-KZ in der UdSSR geschmuggeltes Bild. Die Kinder wurden in einem Häftlingslager geboren und wachsen dort auf, bis die Eltern entlassen werden.“
Die Wahrheit: Es handelt sich bei dem abgebildetem Foto um einen Bildausschnitt einer Aufnahme, welche die ADN-Fotoreporterin Waldtraud Raphael im Herbst 1976 in Torgau machte und am 22. November 1976 der internationalen Presse zur Verfügung stellte. Auf der WORLD-PRESS PHOTO-Ausstellung 1976 erhielt das Bild einen zweiten Preis in der Kategorie „Das schöne Foto“.

Der Abdruck in der „Stimme der Märtyrer“ als angebliches Bilddokument aus einem „Sowjet-KZ“ gilt als Beispiel dafür, wie sich selbst Fotografien von Alltagssituationen politisch instrumentalisieren lassen. Das Foto ist Bestandteil der am vergangenen Freitag im Flügel D des Torgauer Schlosses Hartenfels eröffneten Ausstellung „Bilder, die lügen“. Eine Wanderausstellung der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, welche die Frage nach der Objektivität von Bildern aufwirft und Grundmuster der Manipulation von und mit Bildern aufzeigt. Der Besucher taucht ein in ein „Lügen-ABC“. Rund 300 Objekte veranschaulichen die Bandbreite dieses Themas. Und der Besucher der Ausstellung wird so manches Foto wiedererkennen, welches in den Geschichtsbüchern längst einen gewissen Kultstatus erlangt hat ... aber dennoch von der Lüge behaftet ist.

Beispiel: Am 2. Mai 1945 ist Jewgeni Chaldej, Fotograf der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS, auf Motivsuche vor dem Berliner Reichstag, der bereits zwei Tage zuvor erstürmt worden war. Doch als die rote Fahne auf dem Gebäude gehisst wurde, war kein Fotograf anwesend. Die Führung der Roten Armee ließ daher die Kapitulation Hitlerdeutschlands am 2. Mai ’45 inszenieren und die Fahne nochmals hissen: Einer der Soldaten klettert auf eine Säule und hält die an einer Stange befestigte Fahne. Der zweite, ein sowjetischer Offizier, hält seinen Fuß. Erst als das Foto entwickelt ist, fällt ein Detail auf: Der sowjetische Offizier trägt – deutlich erkennbar – an jedem Handgelenk eine Armbanduhr! Plünderung darf auf einem offiziellem Foto nicht dokumentiert sein; Chaldej muss eine Uhr wegretuschieren. Dieses Foto, welches im Laufe der Jahrzehnte zu einer wahren Ikone wurde, war nicht nur kunstvoll inszeniert, sondern auch verfälscht. Ein Bild, welches lügt!

„Es gibt nicht nur eine Wirklichkeit“, so Dr. Jürgen Reiche, Ausstellungsdirektor der Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, im Rahmen der Eröffnung der Ausstellung im Schloss Hartenfels. „Es gibt die Welt des Glaubens, die Welt des Wissens. Es gibt aber auch die Welt der Lügen. Die Geschichten schwappen nahezu in unsere Wohnzimmer. Nicht die Lüge, sondern die manipulierte Nachricht mischt sich täglich unter uns. Die Lüge ist wie ein Schneeball; je länger man ihn wälzt, desto größer wird er. Wir wissen, dass Bilder lügen können. Aber wollen wir es auch immer erkennen? Uns sollte klar sein, dass Bilder Macht haben. Macht über uns. Wir unterliegen ihrer suggestiven Kraft. Bill Gates sagte: Wer die Bilder beherrscht, beherrscht die Köpfe der Menschen.“

Torgaus Oberbürgermeisterin Andrea Staude betrachtet die Ausstellung besonders auch für Schüler als sehr informativ und geeignet: „Hier wird gezeigt, wie durch Manipulation die Meinungsbildung gesteuert wird. Und es ist auch mit intensiver Recherche kaum möglich, zwischen richtiger und manipulierter Information zu unterscheiden. Informationen überfluten uns rund um die Uhr.“ Und sie erwähnte auch das vermeintliche „KZ“-Foto: „In Ermangelung einheitlicher Bademäntel hatten Kindergärtnerinnen aus gestreiften Handtüchern Capes genäht. Nicht nur die Torgauer waren damals schockiert über die angeblichen KZ-Kinder.“ Angesichts der tagtäglichen Bilderflut in den Medien warnt Dr. Jürgen Reiche: „Wir dürfen die Augen nicht verschließen, wir müssen den Verstand benutzen. Wir können alles erst durchschauen, wenn wir Bilder lesen und entschlüsseln lernen.“
Die Ausstellung im Flügel D des Schlosses Hartenfels ist täglich ab 10 Uhr geöffnet. Über das Begleitprogramm informiert TZ in Kürze detailliert.

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