Montag, 28. Januar 2013

LOKALGESCHEHEN

Gedenkkultur ohne Mythenbildung

Schüler der Mittelschule Nordwest präsentierten das Ergebnis ihrer Arbeit: Auf Google-Maps können sich Interessierte im Internet nun über verschiedene Orte in Torgau in der Zeit des Nationalsozialismus informieren. Foto: TZ/C. Wendt

von unserem Redakteur Christian Wendt

Torgau (TZ). Thomas Lindenmeyer ließ sich die Chance nicht nehmen – das Vorstandsmitglied der Stiftung „20. Juli 1944“ kam zur Eröffnung der neuen Wanderausstellung im DIZ extra aus der Hansestadt Hamburg angereist.

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Torgau (TZ). Thomas Lindenmeyer ließ sich die Chance nicht nehmen – das Vorstandsmitglied der Stiftung „20. Juli 1944“ kam zur Eröffnung der neuen Wanderausstellung im DIZ extra aus der Hansestadt Hamburg angereist. Unter dem Titel „Was konnten sie tun? Widerstand gegen den Nationalsozialismus 1939 – 1945“ rückt die Exposition Einzelschicksale, die neben großen Namen wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg nur allzu leicht übersehen werden, in den Vordergrund.


Was war wo? Ein Stadtrundgang durch Torgau 1933-1945 auf einer größeren Karte anzeigen

Die Stiftung wolle in Bezug auf den deutschen Widerstand keine Legenden stricken oder – im Falle Stauffenbergs – Biografien glattbügeln; aber die Wanderausstellung solle ein Zeichen setzen, dass es nie zu spät ist, die Richtung zu ändern, sagte Lindenmeyer während der feierlichen Eröffnung im Vorfeld des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus. Ziel solle es sein, mithilfe der 25 Banner Besuchern einen Zugang zu den verschiedensten Beweggründen zu schaffen, warum sich einfache Leute damals dem Widerstand verschrieben. „Die Ausstellung zeigt, wie vielfältig die Formen waren. Manche Menschen verbreiteten Informationen ausländischer Rundfunksender, druckten Flugblätter und verteilten sie. Andere halfen verfolgten Juden, Kriegsgefangenen oder Zwangsarbeitern“, betonte Lindenmeyer vor den zahlreich erschienenen Gästen. Durch das Erinnern an jene „einfachen“ Leute und indem die Ausstellung Widerständler nicht zu Helden verkläre, solle zu einer Gedenkkultur ohne Mythenbildung beigetragen werden.

So wird im DIZ beispielsweise an das Schicksal von Liane Berkowitz erinnert, die wegen des Anbringens von Klebezetteln am 26. September 1942 verhaftet und am 18. Januar 1943 vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt wurde. Berkowitz wurde am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee ermordet. Zuvor hatte Adolf Hitler am 21. Juli 1943 persönlich ein Gnadengesuch abgelehnt.  Lindenmeyer bediente sich in seiner Ansprache vielfach der Vokabel „Gewissen“. Zwar klinge diese vielleicht ein wenig abgedroschen, sagte er, doch dürfe dieser Eindruck nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Angehörigen des Widerstands aus tiefsten Gewissensgründen handelten. 
Im Gespräch mit der Heimatzeitung zeigte sich der Stiftungsvorstand außerordentlich froh darüber, die Ausstellung nun auch auf dem geschichtsträchtigen Torgauer Terrain der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Torgau war ab 1943 Sitz des Reichskriegsgerichts, der höchsten Instanz der Wehrmachtjustiz. „Vor diesem Hintergrund betrachte ich es als tiefe Freude und stillen Triumph für all jene, die damals vom NS-Regime inhaftiert und hingerichtet wurden“, so Lindenmeyer. Unter den Gästen waren auch etliche Schüler. Sie hatten ihre große Stunde im Anschluss an Lindenmeyers Rede. Insgesamt acht Mittelschüler aus Torgau Nordwest arbeiteten mithilfe des DIZ seit September 2011 an dem Projekt „Was war wo? Ein Stadtrundgang durch Torgau 1933-1945“.

Sie haben eine Karte auf Google Maps erstellt, die während der Veranstaltung freigeschaltet wurde. Auf der Internetseite können sich Interessierte nun über verschiedene Orte in Torgau in der Zeit des Nationalsozialismus informieren: Wo haben Familien gelebt, die als Juden aus der Stadt vertrieben wurden? Wo wurden Zwangsarbeiter eingesetzt? Wo Kriegsgefangene untergebracht oder Wehrmachtverurteilte inhaftiert? In der Karte findet man auch Informationen über Denkmale und über Straßennamen, die an Widerstandskämpfer erinnern. „Dahinter steht ein ziemlich großer Zeitaufwand“, sagte Nico Kalff (10b), während Henry Schulze (10b) mit nur wenigen Mausklicks die Arbeit online stellte. Auch Julia Otinger (10a), die beispielsweise Infos über das Kriegsgefangenenlager Stalag IV D in Torgau zusammentrug, war die Erleichterung aber auch der Stolz über das vorliegende Ergebnis anzumerken.

Details und Fotos zu den Themen, die auf der Karte verortet sind, können sich nun auch Touristen bei einem Besuch in Torgau auf ihrem Smartphone ansehen. Damit die Karte gefunden wird, will das DIZ noch Flyer mit QR-Codes drucken und in der Stadt verteilen. DIZ-Leiter Wolfgang Oleschinski drückte seine Hoffnung aus, dass auch weiterhin Schüler an dem über das LernStadtMuseum-Programm des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus geförderten Projekt arbeiten werden.

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