Mittwoch, 6. Juli 2022
Mittwoch, 24. Juli 2013

LOKALGESCHEHEN

Die Erinnerung lässt ihn nicht los

Auf Rudolf Hinrichs Entlassungsschein steht: Sein Verhalten gegenüber der DDR ist undurchsichtig.Foto: TZ/Engel

von unserer Volontärin Kristin Engel

Torgau (TZ). Folter, Ungerechtigkeit, jahrelange Gefangenschaft. All diese Dinge musste Rudolf Hinrichs bereits als junger Mensch über sich ergehen lassen. Es ist ein kleines Wunder, dass er diese schlimme Zeit überlebt hat.

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Torgau (TZ). Folter, Ungerechtigkeit, jahrelange Gefangenschaft. All diese Dinge musste Rudolf Hinrichs bereits als junger Mensch über sich ergehen lassen. Es ist ein kleines Wunder, dass er diese schlimme Zeit überlebt hat.

Wenn man Rudolf Hinrichs in seinem Zimmer in der K&S-Seniorenresidenz besucht, spricht man mit einem aufgeschlossenen und freundlichen Mann. Nur schwer lässt sich auch nur ansatzweise erahnen, was ihm bereits als junger Mensch widerfahren ist.
Rudolf Hinrichs wurde am 22. März 1929 im Gestüt Graditz geboren. Sein Vater war dort Gestütsaufseher. „Ich hatte eine herrliche Kindheit“, erinnert sich der heute 84-Jährige. Bereits mit vier Jahren wurde Rudolf Hinrichs von seinem Vater das erste Mal auf ein Pferd gesetzt. „Da bin ich ein paar Mal runtergefallen.“ Rudolf Hinrichs schmunzelt. Gut kann er sich daran erinnern, wie ihn sein Vater immer wieder zum Aufsteigen brachte. Im Gestüt Graditz wuchs die Liebe zu den Pferden. Einige Jahre später zog die ganze Familie jedoch nach Berlin-Hoppegarten. 1944 ging er in Hoppegarten im Rennstall in die Lehre. Als der Krieg begann, wurden die Pferde evakuiert. Auch er half dabei und so kam er nach Celle. „Am 22. März 1945 wurde ich gemustert.

Da ich schon immer ziemlich groß war, war ich wehrtauglich. So kam ich in ein Wehrertüchtigungslager, um mich für den Krieg vorzubereiten. Kinder! Wir waren Kinder! Von 14 bis 18 Jahre.“ Es war damals nicht unüblich, dass Kinder und auch alte Männer in den Krieg geschickt wurden. Es war der sogenannte deutsche Volkssturm. Jeder Mann zählte! „Nach drei Tagen hieß es dann: Einsatz gegen Engländer und Amerikaner. Und dann ging es los. Mit einem Fahrrad, sechs Handgranaten und einer MPi.“ Am 8. Mai wurde er von den Engländern gefangen genommen, doch nach drei Tagen wieder freigelassen. Mit einem Schild um den Hals: Wir kämpfen nicht gegen Kinder. So lief er von Schleswig-Holstein nach Celle. Im Dezember wollte er zurück nach Berlin, um seine Eltern zu sehen. Das bedeutete für ihn jedoch drei Tage Fußmarsch. „Bereits vier Tage nach meiner Ankunft stand ein junger Mann vor der Tür. Ich sollte zur Überprüfung meiner Papiere mit aufs Rathaus kommen. Er brachte mich aber nicht aufs Rathaus, sondern zu den Russen in den NKWD-Keller. Dort musste ich mich nackend ausziehen, meine Sachen vor der Tür auf einen Stuhl legen und dann hat sich drei Tage keiner um mich gekümmert. Danach bekam ich ein Stück Brot und Wasser. Eines Nachts wurde ich zur Vernehmung geholt. Bei den Russen wurde man immer Abends vernommen. ‚Du bist Spion. Du kommst aus der Englischen Zone‘, sagte der Russe. Das habe ich natürlich abgestritten. Das ging immer weiter und weiter.“

Später kam Rudolf Hinrichs in ein russisches Kellergefängnis nach Altlandsberg. Danach nach Bernau. „Von Bernau kam ich dann nach Potsdam und dort in eine Einzelzelle. Und in dieser Einzelzelle saß ich sechs Monate. Da bin ich hin und her gelaufen wie ein Tiger. Die war bloß eineinhalb Schritt breit und sieben Schritte lang. Da hatte ich keine Fingernägel mehr – alles abgefressen. Die Vernehmungen waren dort am schlimmsten. Erst harmlos, doch bald begannen die Folterungen.“ Im Herbst 46 kam Rudolf Hinrichs nach Sachsenhausen ins Lager. Er wog nur noch 40 Kilo und war nur noch Haut und Knochen. „Die Zustände in den sowjetischen Speziallagern waren davon geprägt, dass dort oft eine qualvolle Enge herrschte. Die Gefangenen konnten nur mit Mühe einigermaßen ernährt werden und die medizinische Versorgung war sehr schlecht. Das ist der Grund dafür, dass von den 120 000 oder mehr Gefangenen ein Drittel gestorben ist“, erklärt Wolfgang Oleschinski, Leiter des Dokumentations- und Informationszentrums. 1948 waren die ersten Entlassungen in Sachsenhausen. Drei Leute von der Feuerwehr wurden freigelassen und so kam Rudolf Hinrichs zur Lagerfeuerwehr. Auch sein Gesundheitszustand wurde besser, denn hier wurde er gut verpflegt.

1950 folgten weitere Entlassungen, da die drei Lager in Bautzen, Buchenwald und Sachsenhausen aufgelöst wurden. Heute existieren noch alle drei Lager als Gedenkstätten. Mehr als 3400 Internierte kamen damals von den drei Lagern in das Zuchthaus in Waldheim. „Unser Feuerwehrunterleutnant hatte unsere Entlassungsscheine mitgebracht. Nach und nach wurden wir aufgerufen. Zum Schluss waren wir nur noch zu zweit. Ich war gerade beim Waschen, als ein Jeep vorgefahren kam. Wir wurden aufgerufen und dachten schon ‚Jetzt geht es nach Hause‘. In der Vorzone stritt sich ein deutscher Offizier von der Polizei mit dem russischen Offizier vom Lager. Der eine sagte ‚Ich habe zwei zu wenig‘, der Russe sagte: ‚Sie haben zwei zu viel.‘ Um den Streit zu beenden, schickte uns der Russe mit nach Waldheim.“

Im Zeitraum vom 21. April bis 29. Juni 1950 fanden die Waldheimer Prozesse im Zuchthaus statt. Gerade einmal zwölf Minuten dauerte die Anhörung von Rudolf Hinrichs. Das Urteil lautete: Acht Jahre Gefangenschaft und zehn Jahre Sühnemaßnahmen. „Die sogenannten Waldheimer Prozesse waren ein früher Justizskandal der jungen DDR. Denn diese Prozesse genügten in keiner Weise den Anforderungen, die wir an ein rechtsstaatliches Verfahren stellen“, so Wolfgang Oleschinski. Auch Jörgen Eifler aus Döbeln kennt diese Prozesse gut. „Die Urteile waren vorgeschrieben. Es gab auch 32 Todesurteile. Davon sind 24 vollstreckt worden. Die meisten von den Leuten waren unschuldig. Um die Prozesse zu rechtfertigen, hat man ein paar Leute herausgesucht, die recht aktive Vertreter des Naziregimes waren.“ Eiflers Vater war einer der Inhaftierten in Waldheim. Dieser verstarb im Zuchthaus, vermutlich an Tuberkulose. „Der Russe hatte die ganzen offenen TBC-Kranken, die er in den Lagern noch hatte, den Deutschen untergeschoben. Das wussten die Deutschen aber nicht“, erinnert sich Rudolf Hinrichs. In Waldheim wurde daher das erste Haftkrankenhaus eröffnet. Er selbst hatte als Pfleger in der offenen TBC-Station 90 Kranke zu betreuen. „Im Krankenhaus hatte ich nichts mehr auszustehen. Ich wurde nicht mehr eingeschlossen.“ Zur gleichen Zeit war Rudolf Hinrichs in Waldheim beim Beerdigungskommando. Knapp 150 Leute hat er in den Reihengräbern beerdigt.

1952 wurde Rudolf Hinrichs aus Waldheim entlassen. Er bekam eine Personenfahrkarte und wurde mit einigen anderen zum Bahnhof gefahren. „Wir waren so trainiert, dass wir an jeder Tür stehen blieben. Da sagte der Offizier: ‚Geht doch weiter. Ihr seid frei!‘“ In Torgau auf dem Bahnhof kaufte er von den 50 Mark, die er im Haftkrankenhaus verdient hatte, für seine Mutter einen großen Pralinenkasten und seinem Vater zwei Zigarren. „Als ich zu Hause ankam, war die Freude natürlich groß.“ Doch auch zurück in der Freiheit wurde ihm das Leben nicht einfach gemacht. Auf seinem Entlassungsschein stand: „Sein Verhalten gegenüber der DDR ist undurchsichtig“. Dieser Satz machte es ihm nicht einfach, einen Job zu bekommen. Doch auch hier kämpfte er weiter und bekam in Torgau im Steingutwerk eine Anstellung. In der Volleyballmannschaft lernte er seine Frau Marianne kennen. Noch heute denkt er mit strahlenden Augen an ihren Hochzeitstag zurück. Rudolf Hinrichs steckte viel Zeit und Engagement in die Pflege der Erinnerungskultur. Das Wichtigste für ihn ist, dass die Geschehnisse in den Lagern nicht in Vergessenheit geraten. „Das höchste Gut eines Menschen ist die Freiheit. Ich habe viele Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Man muss sich anpassen, um zu überleben.“ Für diese Freiheit hat er ein Leben lang kämpfen müssen. Sofern es sein Gesundheitszustand zulässt, will er auch weiterhin für die Erinnerungen an das Geschehene kämpfen.

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