Samstag, 13. August 2022
Donnerstag, 5. Juni 2014

LOKALGESCHEHEN

Kriegserlebnisse von der Seele reden

Bosiljka Schedlich gründete 1991 den Verein „südost Europa Kultur“. Am meisten am Herzen liegen ihr die „Erzähl- cafés“. Hier können Zeitzeugen aus den Kriegsregionen über ihre Erfahrungen berichten und lernen hier nach und nach ihre Opferidentität leichter abzulegen. Foto: privat

von unserer Volontärin Kristin Engel

Berlin/Torgau. In den letzten Wochen wurden die Kandidatinnen für den Katharina-von-Bora-Preis vorgestellt. Mit diesem Preis prämiert die Stadt Torgau herausragendes weibliches Engagement.

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Berlin/Torgau. In den letzten Wochen wurden die Kandidatinnen für den Katharina-von-Bora-Preis vorgestellt. Mit diesem Preis prämiert die Stadt Torgau herausragendes weibliches Engagement. Dr. Mariame Racine Sow arbeitet seit 2011 für das Projekt „Empowerment gegen weibliche Genitalbeschneidung“ im Verein „Frauenrecht ist Menschenrecht“ in Frankfurt. Juliane Markov ist Bildungsreferentin der „Eine Welt Bibliothek“ des Vereins „Eine Welt Leipzig“. Juliane von Krause aus München engagiert sich seit 1988 für den gemeinnützigen Verein „TERRES DES FEMMES“ und leitet die AG „Frauenhandel und Prostitution“. Carolin Münch aus Borna ist Mitbegründerin und Vorstandsmitglied des 2007 gegründeten Vereins „Bon Courage“. Im Fokus steht die soziale Betreuung von Flüchtlingen sowie politische Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Und auch die letzte Kandidatin, die die TZ heute vorstellt, hat ein Projekt, das ihr besonders am Herzen liegt.

Bosiljka Schedlich ist in Split, der zweitgrößten Stadt Kroatiens, geboren und in einem Bergdorf aufgewachsen. Im Jahr 1968 kam sie als Gastarbeiterin nach Berlin. Sie wurde Leiterin eines Frauenwohnheims, studierte parallel dazu Germanistik und wurde Dolmetscherin. In den 80ern gründete sie zwei Beratungs- und Begegnungsstellen für jugoslawische Frauen und führte mehrere Kultur- und Bildungsprojekte durch. 1991 gründete sie den Verein „südost Europa Kultur“, um gegen nationalistische Propaganda und für ein friedliches Miteinander zu wirken. „Die Spannungen im ehemaligen Jugoslawien hatten sich auch auf die 32 000 Jugoslawen in Berlin übertragen. Es wurden nationalistische Vereine gegründet. Es gab häufig Streit und Gewalt unter den Arbeitskollegen –  darauf folgten fristlose Entlassungen ohne Entschädigungen – und national begründete Ehescheidungen, unter denen die Kinder sehr litten. Die Kultur und der Verstand, schienen auf dem Kopf zu stehen, eine Verständigung unmöglich – obwohl die Menschen eine Sprache sprachen und aus derselben Gegend kamen. Nur die Religion als Trägerin der nationalen Identität (katholisch – kroatisch, orthodox – serbisch, Muslim – bosniakisch) trennte sie“, erklärt Bosiljka Schedlich. „Der Verein „südost Europa Kultur“ sollte ein Ort sein, an dem es um Individuen, um einzelne Menschen und nicht um nationale Gruppen geht. Es wurde nicht nach dem Namen und Nationalität gefragt, sondern danach, was die Besucher brauchten. „Der Verein fördert Völkerverständigung, Frieden und Demokratie. Seine Arbeit richtet sich explizit gegen Nationalismus, Rassismus und Diskriminierung jeglicher Art.

Seit Anfang 1992 werden dort Menschen jeder Nationalität und religiöser Zugehörigkeit betreut. Der Verein ist eine zentrale Anlaufstelle für nichtnationalistische, demokratische Kräfte aus unterschiedlichen Ländern Südosteuropas. Ein Ort, an dem Menschen, die durch Krieg und Vertreibung viel Leid erfahren haben, die Würde und die Ganzheit ihrer Persönlichkeit wiedererlangen können. Eine zentrale Aufgabe ist die Linderung der Bürgerkriegsfolgen und erlittene Traumata bei Flüchtlingen aus Staaten des ehemaligen Jugoslawiens – darunter viele Roma –, die infolge von Flucht und Vertreibung nach Berlin gelangt sind. „Durch die stete Anpassung an die Bedürfnisse von Menschen wurden neben den Kulturprojekten, Beratungs-, Betreuungs-, Bildungs- und Therapieprojekte aufgebaut. Täglich wird die Einrichtung von mehr als 100 Menschen besucht. In den 22 Jahren kamen über 30 000 Menschen zu uns.“ Der Verein kombiniert Sozialberatung, aufsuchende Sozialarbeit und verschiedene therapeutische Angebote, Patenschaften, Integrationskurse, Bildungs- und Beschäftigungsangebote, arbeitsmarktpolitische Maßnahmen und Jugendprojekte mit einem umfangreichen kulturellen Angebot.

Die von Bosiljka Schedlich eingerichteten Erzählcafés sind ihre Lieblingsprojekte. „Bei den Erzählcafés, die ich leite, sprechen Zeitzeugen aus den Kriegsregionen Balkans und Deutsche über ihre Erfahrungen im Krieg. Es sind stets ähnliche Erfahrungen an unterschiedlichen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten. Zurzeit sind es viele Zeitzeugen aus dem Volk der Roma. 58-mal fanden „meine“ Erzählcafés in Berlin statt und 40-mal in Bosnien.“ Dabei ginge es vor allem darum, Empathie und Respekt für andere zu entwickeln und zu erfahren, dass Kriegsopfer auch andere Menschen waren und sind. Mit dieser Erfahrung könne die Opferidentität leichter abgelegt werden. Daraus könne und solle die Bereitschaft für den Einsatz zur Erhaltung des Friedens wachsen, damit neue Kinder weder Täter noch Opfer werden. In den Erzählcafés können Menschen in den Geschichten anderer das Leiden ohne den ethnischen Kontext anerkennen. „Dabei berichten ältere Menschen von ihren Erlebnissen in Kriegen. Einer hatte zum Beispiel den Krieg in Algerien überlebt. Ein deutsches Ehepaar hatte während der Hitlerzeit Juden versteckt. In Bjeljina hatte eine Muslima den Mut, über ihre Begegnung mit einem der berüchtigten serbischen Milizenführer zu sprechen. Sie erzählte von den vielen Leichen vor dem Hospital“, zählt Bosiljka Schedlich einige Beispiele der Geschichten auf.

„Das herausragende Engagement von Bosiljka Schedlich zeichnet sich in dem kontinuierlichen, offensiven lokalen und internationalen Eintreten für Menschen in „Minderheitenposition“ aus. Zudem in der andauernden Arbeit mit traumatisierten Menschen, insbesondere mit traumatisierten Kriegsflüchtlingen und vergewaltigten Frauen. Sie hat das Ziel, das friedliche Zusammenleben von Mehrheitsgesellschaft und Zuwanderern zu fördern durch die Entwicklung von wirksamen soziokulturellen Projekten. Sie tritt kontinuierlich für den Frieden und für die Verarbeitung von Kriegstraumata sowie für die Stärkung einer offenen Gesellschaft ohne Nationalismen ein“, sagt die Vorsitzende des Vereins „Frauennetzwerk für Frieden“ Heide Schütz. Sie hat Bosiljka Schedlich für den Titel der Katharina-Botschafterin vorgeschlagen.
Vertrauen. „Die Arbeit ist die Folge meiner Kindheitserfahrungen – Geburtsjahr 1948 – und der Verantwortung, die ich gespürt habe, als der Krieg in meiner Heimat ausbrach. Durch die Arbeit konnte geholfen werden. Ich bin zutiefst dankbar für das Vertrauen, das mir entgegengebracht wurde, von vielen Menschen, die geholfen haben und insbesondere von denen, die sehr viel Leid erlebt hatten. Ich habe viel gelernt, habe viel von den eigenen Ängsten ablegen können, bin bescheidener und mutiger geworden“, sagt die Kandidatin für den Titel „Katharina-Botschafterin“ 2014. Das Preisgeld würde dem genannten Projekt zugutekommen. Konkret soll es für die Bildungsarbeit für Kinder und jugendliche Roma verwendet werden.

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