Donnerstag, 2. Dezember 2021
Samstag, 17. Oktober 2009

LOKALGESCHEHEN

Wiedervereinigung in der Antarktis erlebt

In mehreren Fotoalben und unzähligen Dias hat Dr. Reinhard Zierath den Antarktisaufenthalt dokumentiert.Foto: TZ/Lehmann

Von unserem Redakteur

Torgau (TZ). Entscheidende Kapitel deutscher und der Weltgeschichte hat Dr. Reinhard Zierath aus Torgau an einem doch eher ungewöhnlichen Ort erlebt. Er gehörte nämlich als Chemiker der letzten Antarktisexpedition der DDR an. Die stach am 25. Januar 1990 von Rostock aus in See. Aufregende Wochen und Monate waren da bereits ins Land gegangen.

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Torgau (TZ). Entscheidende Kapitel deutscher und der Weltgeschichte hat Dr. Reinhard Zierath aus Torgau an einem doch eher ungewöhnlichen Ort erlebt. Er gehörte nämlich als Chemiker der letzten Antarktisexpedition der DDR an. Die stach am 25. Januar 1990 von Rostock aus in See. Aufregende Wochen und Monate waren da bereits ins Land gegangen.

„Ich weiß noch genau. Es war ein Montag. Ich bin am frühen Morgen mit dem Zug zur Arbeit nach Leipzig ins Institut gefahren“ erinnert sich der heute 59-Jährige. Da Herbstferien waren und in Leipzig der Oktobermarkt lockte, bat der damals zwölfjährige Sohn Nils, den Vater doch in Leipzig abholen zu dürfen. „Das war nicht das erste Mal. Also haben meine Frau und ich zugestimmt“, erzählt Dr. Zierath. Als er im Labor seinen Kollegen davon erzählte, waren die aber ganz aufgeregt. „Ich hatte tatsächlich die anstehende Großdemo vor lauter Arbeit völlig ausgeblendet“, schildert er die Situation. Als 17 Uhr der Institutsdirektor dann die höchste Sicherheitsstufe verkündete, da sei ihm schon anders geworden. Aber der Sohn war unterwegs. Beide trafen sich gegen 17.30 Uhr. .„Um 18.27 Uhr wollten wir unbedingt den Zug nach Torgau bekommen. Auf den Straßen aber waren Menschenmassen und jede Menge Polizei“, weiß Reinhard Zierath. Es gab reichlich Diskussion zwischen den Bereitschaftspolizisten und den Bürgern auf der Straße. „Gehen Sie nach Hause. Da machen Sie nichts falsch!“ – dieser Satz eines Polizeioffiziers blieb dem Chemiker im Gedächtnis. Die Situation spitze sich zu. In der Nähe des „Sachsenplatzes“ hörten Vater und Sohn dann den Aufruf von Kurt Masur. Zeit zum Überlegen blieb ihnen nicht. Sie wollten ja zum Zug. Den erreichten sie schließlich noch rechtzeitig. Kaum in Torgau angekommen, verbreitete sich hier die Nachricht, dass die Montagsdemo in Leipzig ohne Ausschreitungen und Gewalt, eben friedlich verlaufen war. „Für mich war danach klar – Wir reformieren die DDR“, schildert Dr. Zierath seine Gedanken. Um den 20. November tauchten dann die ersten Plakate „Deutschland einig Vaterland“ auf.

Die offizielle Verabschiedung der Antarktis-Expedition erfolgte durch die Akademie der Wissenschaften der DDR am 13. Oktober 1989 in Potsdam. Am 25. Januar 1990 war es dann so weit. Die „Akademik Fedorow“, einer der modernsten sowjetischen Eisbrecher, traf aus St. Petersburg kommend (damals noch Leningrad) in Rostock ein. Noch in der Nacht lief das Schiff dann aus. „Es war sehr stürmisch. Und als die Lichter von Rostock im Dunkeln versanken, stellten wir uns die Frage: Wie wird die DDR aussehen, wenn wir in rund einem Jahr wieder zurückkehren?“, erinnert sich Reinhard Zierath. Insgesamt 89 Tage verbrachten die Expeditionsteilnehmer auf dem Schiff. Beim Zwischenstopp in Montevideo erfuhren sie von den ersten freien Volkskammerwahlen, die die CDU mit überwältigender Mehrheit für sich entschied. Sämtliche Nachrichten, auch die von der Währungsreform, waren nur über Funk zu erhalten. Am 24. April schließlich gelangte das Team zur DDR-Station „Georg Forster“. Hier nahmen die fünf wissenschaftlichen Mitarbeiter und die fünf vom technischen Personal sofort ihre Arbeiten auf.  Untersucht wurden beispielsweise Eisbewegungen, die Veränderung des Ozongehaltes der Atmosphäre und vieles mehr. „Als Chemiker hatte ich Daten zur Klimaforschung zu sammeln. Unter anderem gab es Messungen zum CO2-Anstieg, Luftproben wurden in speziellen Edelstahlflaschen eingeschlossen. Umweltuntersuchungen folgten“, weiß Dr. Zierath noch genau. Neben ihren Tätigkeiten verfolgten die zehn Mann der Expedition gespannt die Ereignisse in der Heimat. Die war immerhin rund 13 500 Kilometer entfernt. Davon kündete auch ein Schild im ewigen Eis, das Reinhard Zierath dort neben vielen anderen an einem Pfahl angebracht hatte. „Wir lagen ja nicht nur sprichwörtlich auf Eis,
sodass uns die Geschehnisse schon sehr interessierten“, kramte er in einen Erinnerungen. Und wie gesagt, lediglich per Funk konnte Kontakt gehalten werden. Waren Fischereischiffe der DDR in der Nähe, dann konnte die Verbindung noch besser gestaltet werden. „Manchmal gelang es uns die Deutsche Welle aus Südamerika zu empfangen. Aber das war nur selten“, so Zierath.

Und dann folgte jener denkwürdige 3. Oktober 1990 – der Tag der Wiedervereinigung. „Von der Zeit her hatten wir nur eine Stunde Unterschied zur Heimat. Das war zu berücksichtigen“, so Dr. Zierath.  Eine riesige Schneewehe reichte bis zum Dach der Station. Dort befand sich die Staatsflagge der DDR. Die wurde Punkt 23 Uhr eingeholt. Dabei erklang zum letzten Mal
die Nationalhymne der DDR. Dr. Reinhard Zierath war es vorbehalten, den Flaggenwechsel vorzunehmen. „Das hatten wir tags zuvor schon geübt, damit nichts schiefgeht. Denn schließlich hatten wir ja Gäste von anderen Stationen, unter anderem die der Sowjetunion und der Inder“, erzählte der Torgauer. „Als ich dann die Fahne der Bundesrepublik hisste, sangen wir „Einigkeit und Recht und Freiheit“, fügte er an. Den Text hatte man sich über die Antarktisstation der BRD besorgt, wobei die Besatzung dort auch nicht ganz textsicher war, lieber noch mal in Bremen nachfragte. Mit Hilfe von Signalpistolen und Raketen wurde ein kleines Feuerwerk gezaubert. Natürlich durften an einem solch ereignisreichen Tag auch nicht die üblichen Reden fehlen. Aber schon vor dem Flaggenwechsel gab es eine zünftige Feier. Und danach erst recht! Die berufliche Perspektive der Expeditionsmitglieder war für eine Übergangszeit gesichert. Im Einigungsvertrag wurde die Auflösung der Akademie der Wissenschaften der DDR mit einem
 konkreten Termin besiegelt. Im Raum stand die Frage, wer die Leute wieder aus dem Eis holen würde. Der Vertrag mit Russland und der DDR war ja passé! Als die Nachricht kam, dass die „Polarstern“ den Rücktransport übernehmen würde, brach Jubel aus. „Es ist bis heute eine der modernsten Forschungseisbrecher der Welt überhaupt und in Bremerhafen stationiert“, erläuterte Dr. Zierath. Die Polar-
stern brachte die zehn Deutschen dann bis nach Südafrika. Von dort aus ging es mit dem Flugzeug zurück nach Hause.
Nach Auswertung der Ergebnisse und der Auflösung seines Institutes stand für Dr. Zierath dann die Frage nach dem „Wie weiter?“ Bei einem Pharmakonzern fand er als Vertreter einen Job. Doch seine Erinnerungen führen ihn immer wieder zurück in die Antarktis. Unzählige Fotos und Mitbringsel lassen die Monate im Eis stets aufs Neue lebendig werden.

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