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Freitag, 2. März 2012

HISTORIE

Wer war Pjotr Shikin?

Die „Personalkarte“ Pjotr Shikins aus dessen Zeit als deutscher Kriegsgefangener.Foto: Quelle: obd-memorial.ru

Wolfgang Oleschinski, (DIZ) Torgau

Torgau (TZ).  Manchmal genügt ein beiläufiger Blick. Plötzlich fragt man sich: Was sehe ich da? Am 17. Februar druckte die Torgauer Zeitung ein historisches Foto des Torgauer Fotografen Fritz Martin auf dieser Seite ab.

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Torgau (TZ).  Manchmal genügt ein beiläufiger Blick. Plötzlich fragt man sich: Was sehe ich da? Am 17. Februar druckte die Torgauer Zeitung ein historisches Foto des Torgauer Fotografen Fritz Martin auf dieser Seite ab. Vor genau 53 Jahren aufgenommen, zeigt es das Grab Nummer 182 auf dem sowjetischen Friedhof an der Bahnhofstraße. 

„Hier liegt der Bürger der UdSSR Shikin Pjotr 2. März 1920 – 2. August 1942“, lautet die Inschrift übersetzt. Keine Angabe, ob hier ein Soldat begraben ist, selbst der Vatersname fehlt. Wer also war Pjotr Shikin, der mitten im Zweiten Weltkrieg in Torgau starb? Ein Zwangsarbeiter? Ein Kriegsgefangener? Was können wir über ihn herausfinden, wenn wir in den Akten nach Spuren von ihm suchen?

Zwar wurden von russischer Seite beim Abzug 1994 keine weiteren Angaben zu den Bestatteten des sowjetischen Friedhofs an die Stadtverwaltung Torgau übergeben. Aber inzwischen gibt es eine einschlägige Online-Datenbank (http://obd-memorial.ru/) des Russischen Verteidigungsministeriums.

In dieser Datenbank finden wir schließlich den vollständigen Namen des Gesuchten: Pjotr Stepanowitsch Shikin. Auch die deutsche Kriegsgefangenen-Personalkarte ist eingescannt: Pjotr Shikin war Bürger der Komi ASSR, heute eine Teilrepublik in Nordwestrussland, und Landarbeiter, sein Dienstgrad Soldat.

Man kann seinen Leidensweg in den Einträgen verfolgen. Am 11. Oktober 1941 geriet Pjotr Shikin in Wjasma in deutsche Gefangenschaft. Vermerkt ist ausdrücklich: „gesund“. Am 6. November ist er bereits in Mühlberg (Elbe) im Kriegsgefangenenlager Stalag IV B registriert, geimpft und wird am 18. November an das Stalag IV D Torgau überstellt. Sein erster Einsatzort ist ein Rittergut beim Arbeitskommando Delitzsch, zwei Monate später eine Zellstoff-Fabrik in Schöna.

Das Kriegsgefangenenlager Stalag IV D war Ende April 1941 nach Torgau verlagert worden. Vom Gebäude der heutigen Volkshochschule aus wurden bald mehrere Zehntausend Kriegsgefangene verwaltet – Franzosen, Briten, Amerikaner, aber eben auch Sowjetsoldaten – und in 500 bis 600 Arbeitskommandos zwischen Bitterfeld und Bad Liebenwerda eingesetzt. Sie mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen in der kriegswichtigen Industrie arbeiten, in Kohlegruben und Stahlwerken, in der Landwirtschaft, bei der Reichsbahn und überall, wo die zur Wehrmacht einberufenen deutschen Männer fehlten.

Ab dem 20. April 1942 finden wir Pjotr Shikin bei Villeroy & Boch in Torgau. Dieser Betrieb beschäftigte 1942 über 200 sowjetische Kriegsgefangene, die in der Firmenkorrespondenz verärgert als „ganz überwiegend schwach“ und „nur für leichte Arbeiten einsetzbar“ bezeichnet wurden. Keinerlei Mitleid zeigt sich darin mit Menschen, die die nationalsozialistische Kriegführung zu Hunderttausenden nach Deutschland verschleppte, wo sie sich buchstäblich zu Tode schuften mussten.

Der letzte Eintrag der Karteikarte lautet „2. 8.1942 verstorben“. Ein Sterbeort ist nicht eingetragen. Zu vermuten ist die Gemeinschaftsunterkunft bei Villeroy & Boch: Dort gab es ein eigenes „Russenlager“. Pjotr Stepanowitsch Shikin wurde genau 22 Jahre und fünf Monate alt.

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