Sonntag, 14. August 2022
Freitag, 19. Dezember 2014

HISTORIE

Auch Ziegenmilch wurde später angenommen und verarbeitet

Dampfmolkerei in Dommitzsch.Foto: Förster

Von Hermann Förster

Dommitzsch. Vor 115 Jahren begann in Dommitzsch die gewerbliche Verarbeitung der Milch aus den bäuerlichen Betrieben.  Bis zu dieser Zeit erfolgte die Verarbeitung bei den einzelnen Bauern selbst, wo die Butter in Zentrifugen mit Handbetrieb gefertigt wurde.

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Dommitzsch. Vor 115 Jahren begann in Dommitzsch die gewerbliche Verarbeitung der Milch aus den bäuerlichen Betrieben.  Bis zu dieser Zeit erfolgte die Verarbeitung bei den einzelnen Bauern selbst, wo die Butter in Zentrifugen mit Handbetrieb gefertigt wurde.  Ebenso war es mit dem Käse und anderen Produkten. 1899 änderte sich das in Dommitzsch. Herr Heinrich Giesecke errichtete im „Nebenort“, im Gutsbezirk Commende- Dommitzsch, eine private Dampfmolkerei, in der jetzigen Leipziger Straße 74, bekannt auch als „Fuchsbau“. Diese Molkerei ermöglichte es den Bauern, die eigene aufwendige Verarbeitung der Milch ihrer Tiere einzustellen. Sie brachten die Milch zum Verarbeitungsbetrieb, bekamen sie vergütet und erhielten als Rücklieferung Magermilch, Molke, Butter, Quark und Käse. Da die Molkerei von Giesecke zu dieser Zeit die Einzige im Ort war, hatte sie über Zuspruch aus der Stadt und auch aus den umliegenden Orten nicht zu klagen.  Fast 10 Jahre blieb es dabei.

Es kam das Jahr 1909. Da beschlossen interessierte Landwirte, von Dommitzsch und Umgebung, eine Molkereigenossenschaft  zu gründen. Am 26. Februar 1909 hatten sich schon 46 Genossen eingetragen, 14 weitere erklärten ihren Beitritt. Ein günstigeres Angebot und die persönliche Beteiligung als „Genosse“ führten dazu, dass nach und nach viele Kunden von Giesecke abfielen und zur neuen Genossenschaftsmolkerei wechselten. Dort war es zunächst vorgesehen, die Privatmolkerei Giesecke zu erwerben und zu erweitern. Die Molkerei wurde geschätzt mit 31 500 Mark. Da der Besitzer jedoch weit mehr als die doppelte Summe verlangte, zerschlug sich der Kauf. Am 23. März 1909 wurde dem Neubau einer Molkerei zugestimmt. Als Bauplätze waren vorgesehen: das Feld zwischen Molkerei Giesecke und der Post (jetziger Standort der Schule) oder der Weißwangesche Plan. Die Entscheidung fiel für den zweiten Vorschlag. Die Stadt Dommitzsch beteiligte sich mit 1000 Mark am Erwerb des Bauplatzes.

Am 4. Mai 1909 wurde der Auftrag zum Bau der Molkerei für 18 000 Mark an die Fa. E. Köchermann vergeben. Der Bau dieser Molkerei brachte Giesecke einen solchen Umsatzrückgang, dass er im Februar 1910 den Rat der Stadt für die Idee gewinnen wollte, in seinem Grundstück ein Moorbad einzurichten. Als der Rat eine Beteiligung ablehnte, bot er sein Grundstück im März 1910, nach dem Rathausbrand, zum Umbau für ein Rathaus an. Auch das wurde vom Rat abgelehnt. So blieb die Molkerei weiterhin in Betrieb. Um 1918 wurde als Pächter der Molkerei G. Plass genannt. Im Juli 1925 verkaufte H. Giesecke die Molkerei an Hermann Helbig, der sie bis 1926 besaß. 1926 wurden die Molkerei geschlossen und das Grundstück verkauft. Am 1. Oktober 1909 wurde die neue Molkerei eröffnet. Zum 1. Vorsitzenden wurde der Rittmeister Streffer vom Rittergut Vogelgesang gewählt, Stellvertreter war Schulze, Kassierer Müller. Aufsichtsratsvorsitzender wurde Richard Werner aus Polbitz.

In den Aufsichtsrat wurden gewählt: Paul Döring und August Eule aus Dommitzsch, Wilhelm Reiche aus Greudnitz, Gustav Lutzmann und Gottfried Thäle aus Wörblitz, Gottfried Schilling aus Proschwitz, Nikolaus und Scheibe aus Drebligar. Der Mitgliederanteil wurde mit 5 Mark festgesetzt. Die Genossenschaft zahlte die Milch nach Fettprozenten und gab die Magermilch gratis zurück. Auf 40 Liter gelieferte Milch erhielten die Mitglieder 1 Pfund Butter zum Preis von 1,10 Mark. Jeder Genosse war berechtigt, pro Kuh und Tag 8 Liter Vollmilch anzuliefern. Lieferte er im Jahresdurchschnitt mehr Milch, musste er mehr Anteile zeichnen. Die Haftung pro Anteilschein betrug 240 Mark, der Preis für eine Milchkanne 8 Mark. Die Genossenschaft stellte den Gemeinden Drebligar, Polbitz, Elsnig, Proschwitz, Wörblitz und Greudnitz je einen Milchwagen zur Verfügung. Die Unterhaltungs- und Beförderungskosten trugen die Genossen der Dörfer selbst. Die erforderlichen Gelder für den Bau und die Einrichtung der Molkerei in Höhe von 54 200 Mark wurden bei der Genossenschaftsbank in Halle aufgenommen. Als Betriebsleiter wurde Herr Wilhelm Roloff eingestellt. 

Die Mitgliederzahl stieg von Jahr zu Jahr weiter an: 1921 waren es 141. 1932 = 334, 1942 waren es 437 Mitglieder. Im Mai 1919 wollte Herr Hugo Braake eine Privatmolkerei auf dem jetzigen Gelände der Margarinefabrik errichten. Dazu bat er den Rat der Stadt um Unterstützung. Die Stadt lehnte es jedoch ab, sich zu beteiligen. So wurden die bereits errichteten Gebäude zur Schweinemast, später als Marmeladenfabrik genutzt. Um 1920 bis 1924 wurde dann jedoch eine Privatmolkerei Braake in der Leipziger Straße 26 genannt. Da die Wasserversorgung des Genossenschaftsbetriebes sehr schlecht war, wurden 1932 unterhalb des Weges zum Osterberg Brunnen gebohrt und ein Pumpenhaus errichtet. Das Wasser wurde in Rohrleitungen zur Molkerei gepumpt. 1934 wurden Vorstand und Aufsichtsrat neu gewählt. Vorschläge dazu kamen vom „Kreisbauernmeister“ Röber in Torgau. Widersprüche der Genossen, gegen diese Wahlmanipulation, wurden vom Kreis zurückgewiesen. Nach Kriegsende arbeitete die MoIkerei ohne Unterbrechung weiter. Im Befehl Nr. 146 der SMAD (Sowjetische Militär- Administration in Deutschland) wurde der Neuaufbau des Genossenschaftswesens geregelt.

So mussten Vorstand und Aufsichtsrat vom „Antifa-Ausschuss“ und vom Landrat bestätigt werden. Für die Anlieferung der Milch wurde den Bauern ein Soll auferlegt. Alle Milch, die über das Soll hinaus geliefert wurde, galt als „Freie Spitze“. Über diese Milch konnte der Bauer frei verfügen. Am 1. Juli 1953 trat der Molkereileiter Roloff aus gesundheitlichen Gründen zurück. Neuer Leiter wurde Herr Rudolf Herre, ihm folgte 1954–58 Egon Ritter, danach Günter Stolle. Am 27. 11. 1955 wurde eine „Ziegenhaltergenossenschaft“ in Dommitzsch gegründet. Organisatoren waren die Herren Ritter und Kleinpeter von der Molkereigenossenschaft. Im Vorstand waren Ziegenhalter aus Dommitzsch, Trossin, Dahlenberg und Roitzsch. Die Ziegenmilch wurde hier angenommen und verarbeitet. 1961 wurden die Molkereien des Kreises zu einem Kombinat zusammengeschlossen. Die Produktionsaufgaben wurden neu festgelegt. In Dommitzsch wurden Butter, Quark und Trinkmilch für das Pflanzenfettwerk Dommitzsch (Margarinefabrik) hergestellt. Die tägliche Butterproduktion betrug 2500 bis 3000 kg. Alle Maschinen wurden erneuert. 1962 wurde Herr Detlef Wulf Betriebsleiter, der den Betrieb bis zur Stilllegung und Schließung am 1. März 1978 leitete. (Quellen: Protokollbücher der Molkereigenossenschaft, Unterlagen ehem. Betriebsleiter Wulf.)

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